Für alle, die ihre Geschichte noch nicht gefunden haben.

Dieses bildgewaltige und farbenfrohe Wimmelspielbuch ist Geschichte, Abenteuer und Spiel zugleich. Carp City aufzuschlagen ist wie durch ein Portal zu treten: überall geschieht hier etwas. Man kann einfach zusehen oder sich hinein wagen in das Treiben dieser Stadt. Über kleine Szenen gerät man tiefer in die Geheimnisse dieser Gemeinschaft, wird auf Erkundungstouren geschickt, kann Rätsel lösen oder Gegenstände sammeln, die an anderer Stelle vielleicht wichtig werden. Ein Lesespielspektakel für die ganze Familie. (kf)

Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński: Carp City, Moritz 2025, 36 Euro

Das bestelle ich bei Dante!

Für alle, die wissen, wie poetisch Beton sein kann.

Als im Rostock der 1960er und 1970er Jahre neue Stadtviertel wie Groß Klein und Lichtenhagen entstehen, passiert deutlich mehr, als dass nur neuer Wohnraum erschlossen wird. Eine andere Form des Zusammenlebens nimmt Gestalt an – baulich, gesellschaftlich, privat. In Collagen und kurzen biographischen Erzählfragmenten setzt die Künstlerin Wenke Seemann sich auseinander mit Fotografien dieser Zeit, den Raum- und Bildordnungen der Moderne. Ein Buch nicht nur über den Aufbau sozialer Utopien sondern auch über das biographische Potential des Dokumentarischen. (kf)

Wenke Seemann: Utopie auf Platte, Bierke 2025, 152 Seiten, 36 Euro

Das bestelle ich bei Dante!

Für alle, deren Großmutter auch eine ganz andere hätte sein können.

Die Fotografie der Großmutter, wie niemand sie kannte – mondän, in Skikleidung, 1941 in den italienischen Alpen – das ist der Beginn einer autofiktionalen Reise der Autorin durch die Archive Tiranas und die eigene Familiengeschichte. Doch es ist vor allem das Ende, das Ypi ihrer Geschichte gibt, das Fragen nach Identität und politischer Integrität auf eine kluge Weise zu einem literarischen Thema werden lässt. ‚Aufrecht‘ ist die Rekonstruktion eines Lebens, das, wie so viele Frauenleben, nur an den Rändern der Archive zu finden ist. (kf)

Lea Ypi: Aufrecht, übersetzt von Eva Bonné, Suhrkamp 2025, 389 Seiten, 28 Euro

Bettina Flitner: Meine Mutter

Kiepenheuer & Witsch 2025, 320 Seiten, 24 Euro

Wie ein Weckruf aus der Vergangenheit veranlasst ein zufälliges Ereignis Bettina Flitner, sich mit dem 39 lange Jahre verdrängten Tod ihrer Mutter auseinanderzusetzen. Er war besonders tragisch, ihre Mutter hatte sich erhängt. Niemand konnte damit umgehen, der Kommentar des Schwiegervaters: „Sie hat nie etwas getaugt.“ Aus dieser Distanz, aber mit dem Blick einer erfahrenen Fotografin, die keine Skrupel hat, genau hinzuschauen, begibt sich die Autorin auf Spurensuche nach ihrer Mutter. Mithilfe von Tagebüchern, Gesprächen und einer Reise nach Polen, dem niederschlesischen Herkunftsort ihrer Mutter, entdeckt sie eine Frau, die als verwöhnte Nachzüglerin einer privilegierten, aber traumatisierten Familie nie so richtig in einem eigenen selbstbestimmten Leben ankam. Zahlreiche Suizide, die unterschiedlich befolgte NS-Ideologie, die Flucht, die das materiell sorglose Leben ins Wanken brachte, belasteten die Familie. Mit diesem instabilen Gepäck im Hintergrund rutschte die hübsche junge Frau früh in Ehe und Mutterschaft. Wie in einem Brennglas, sehr präzise und lakonisch, aber gleichzeitig aus großer Nähe und mit viel Sympathie erzählt Bettina Flitner von diesem Frauenleben im Nachkriegsdeutschland. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

Leon Engler: Botanik des Wahnsinns

Dumont Verlag 2025, 208 Seiten, 23 Euro

Leon Engler startet sein autofiktionales Familienherbarium mit einem Tusch: Die Firma, die die Wertsachen der Mutter vor ihrer Zwangsräumung aus der Münchner Zwei-Raumwohnung einlagern soll, irrt sich im Zimmer und nimmt die sieben Kartons mit, die für den Müll bestimmt waren. Alles Bewahrenswerte geht im Heizkraftwerk Nord in Flammen auf. Hier steckt bereits alles drin, was dieser Roman mit feiner Raffinesse und einem untrüglichen Gespür für die Absurdität von Selbstbetrachtungen verfolgt: Es sind irgendwie immer die falschen Kisten, die weitergegeben werden. Mit diesem Gepäck startet der Ich-Erzähler in seine Geschichte, verliebt sich, freundet sich mit seinem älteren Nachbarn an, streift durch Städte und Begegnungen und öffnet von Zeit zu Zeit einen der schwergewichtigen Kartons: Die Mutter alkoholkrank und, wie der Vater, depressiv, die Großmutter bipolar und suizidal, der Großvater schizophren. Sein Erbe scheint klar, doch fällt er seinen Prädispositionen in den Rücken, wechselt die Seiten und betritt die Psychiatrie mit einem Arbeitsvertrag. Begleitet von Bachmann und Hustvedt, von Freud, Lacan und Klein und nicht zuletzt dem Botaniker von Linné gelingt Engler ein psycholiterarischer Schulterschluss der superklug und einfühlsam schön Familie als einen absolut lebens- und lesenswerten Selbstversuch erzählt. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Zyta Rudzka: Lachen kann, wer Zähne hat

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Friedenauer Presse
2025, 252 Seiten, 24 Euro

Eine Fischschuppe im Portemonnaie, keine Handtaschen auf dem Boden, Kreuze im Brot: Aberglaube ist in Polen weit verbreitet. Und so ist es für Wera, der Erzählerin in „Lachen kann, wer Zähne hat“, Herrenfriseurin ohne Salon, keine Frage, dass sie für ihren soeben verstorbenen Mann Jockey Schuhe für den Sarg besorgen muss. Denn „wenn der Sarg kurz aufgemacht wird, guckt jeder erstmal schnell auf die Schuhe, dann träumt man später nicht vom Toten.“ Aber Schuhe kosten Geld und eine Beerdigung kostet Geld und davon hat Wera, wie von allem anderen auch, weniger als ein bisschen. Also muss sie findig werden. Das kann sie und das wird sie.
Und während Wera versucht, das, wovon sie weniger als ein bisschen hat, zu verkaufen, trifft sie auf alte Bekannte und Liebhaber*innen, konfrontiert sich mit Erinnerungen und durchstreift die verschwindende Halbwelt ihres Lebens. Sie trauert um einstige Lieben, um die Schönheit, um die Welt, die mal die ihre war. Wera dabei zu begleiten, macht großen, großen Lesespaß. Diese herrliche Frauenfigur ist eigensinnig, frech und fordernd. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und keine Rücksicht auf Erwartungen und Konventionen. Witzig, derb und warmherzig! Grandios übersetzt von Lisa Palmes. (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!

Phoebe Wahl: Hexe Hazel

Übersetzt von Nils Aulike, Bohem 2025,  96 Seiten, 22 Euro
ab 4 

Hexe Hazel ist eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Ihre Pausbacken leuchten rot wie ihre Zipfelmütze. Sie ist tatkräftig, geduldig, aber auch mal mürrisch. Sie reitet keinen Besen, sondern fliegt auf Eule Otis. Darüber hinaus steckt die Magie ihrer Welt vor allem im Zauber der Natur. Kinder begleiten Hazel in vier Geschichten durch ein Jahr. So erleben sie den Wald in all seinen jahreszeitlichen Veränderungen und lernen Hazels Nachbarschaft aus Tieren, Wichteln und Elfen kennen. Und so vielen ist Hazel eine fürsorgliche Freundin, wie sie im Bilderbuche steht. Phoebe Wahl erzählt in klarer, eingänglicher Sprache vom freundschaftlichen Zusammenleben und lässt ihren Märchenwald dafür in nostalgischen Vintage-Farben strahlen.  (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Angela Steidele: Ins Dunkel

Suhrkamp 2025, 357 Seiten, 26 Euro

Da hat sich eine einen ganz großen Spaß erlaubt, und so getan, als hätte sie intimste Kenntnis vom erotischen Privatleben der ikonischen Filmdiven Greta Garbo und Marlene Dietrich. Diese eine ist die Schriftstellerin Angela Steidele. In ihrem Roman lässt sie die junge Schwedin 1924 in einem Berliner „Damenclub“ auf die ebenso junge Dietrich, auf Erika und Klaus Mann treffen und versetzt sie nach ihren überwältigenden Erfolgen in Hollywood Jahrzehnte später in einen verschneiten Schweizer Bergort, wo sie wiederum auf Erika Mann und andere Berühmtheiten stößt. Steidele wirbelt durch Garbos Leben und dem manch anderer, schaut hinter die Fassaden, ist bei persönlichsten Momenten dabei. Das funktioniert, weil sie ihren Roman genial wie einen Kinofilm montiert hat. Sie spielt raffiniert mit Perspektivwechseln und Zeitsprüngen, mit Nahaufnahmen und mit Totalen, mit dokumentierten Fakten und phantasievollster Fiktion. Das geschieht nicht als luftleere Spielerei, sondern Steidele erzählt glasklar, wie sich das frühe Kino zu einem Macht- und Kapitalinstrument verändert hat und wie sich die gesellschaftlichen Verwerfungen auf das Leben, die Arbeit und die Liebe nicht nur dieser Ikonen ausgewirkt hat. Ein ungemein kluges und fundiertes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Luchterhand 2025, 240 Seiten, 23 Euro

Und wieder so eine Geschichte, die im Titel beginnt und mitreißt, bevor die erste Seite überhaupt aufgeschlagen ist. Henrike, die Urgroßmutter, schlachtet heimlich ein Schaf, irgendwo auf dem südmarschen Land, auf ihrem Hof, den sie nach dem frühen Tod der Eltern alleine führt. Alma, ihre Urenkelin, schaut ihr dabei zu: Räuchern, Pökeln, Wurstmachen. Heiraten. Zwei Kriege. Kinder, gewollte und geschehene. Ein Onkel, der 15 Jahre lang schläft. Vier Generationen. Familie ist nicht immer die erzählte Geschichte, oft ist es die Auslassung, die Lücke, in der sich das gelebte Leben verdichtet. Jede Generation hinterlässt sie für die nächste. Jede Generation füllt sie für die vorhergehende. Mal ist das wortstark und bildreich, mal traurig, lustig oder eine Anekdote. Doch manchmal auch nur fadendünn. Eine Liste. Die Wiederholung eines einzigen Satzes, bis sich in seinem Nachklang ein Gefühl einstellt.
Anna Maschik traut sich das ganze Spektrum von Sprache auszuschöpfen, wagt zu verschweigen, im Detail zu verweilen oder mit einem einzigen Satz Jahrzehnte zu überspannen. Diese Form ist bestechend anders: zugänglich, dicht und gewagt zugleich. Ein wirklich schönes Buch. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Lara Haworth: Das Abschiedsmahl

Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Kjona Verlag, 2025, 144 Seiten, 23 Euro

„Was für ein Massaker denn? Welches?“ fragt sich Olga Pavić als sie den Brief mit dem amtlichen Stempel der Stadtverwaltung gelesen hat, in dem man ihr mitteilt, dass ihr Haus beschlagnahmt wird und einem Mahnmal weichen soll.
„Was für ein Massaker denn? Welches?“ fragen sich auch ihre Kinder Hilde und Danilo, fragen sich ihre Freund*innen, fragen sich ganz offensichtlich auch die drei Architekt*innen, die in den nächsten Tagen eintrudeln und ihre Ideen vor eine ebenfalls eintreffenden grauen Jury pitchen.
Währenddessen plant Olga ein letztes großes Abschiedsmahl in und für dieses Haus, dem Denkmal ihrer eigenen Lebens- und Familiengeschichte. Aus der Perspektive der verschiedenen Figuren fächert sich diese auf, erzählt von Festen und Gewalt, vom Scheitern, Sterben und Begehren.
In ihrem Debüt nähert sich Lara Haworth schwarzhumorig, klug und behutsam den drängenden Fragen der Erinnerungskultur. Wie kann ein Monument Geschichte einfangen. Wo liegt der schmale Grad zwischen erinnern und vergessen. Wie schreibt sich Erinnerung in den Körper ein. Wo treffen sich individuelles Erinnern und kollektives Gedächtnis. Das berührt und erheitert gleichermaßen. (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!