Biografie eines Transatlantikdampfers. Wagenbach 2022, 256 S., € 34,-
In nur 16 Tagen gelang 1908 die Reise von Genua nach Buenos Aires mit dem schnellen neuen Dampfer, der stolz den Namen der italienischen Prinzessin Mafalda trug. Das Schiff, das für den Transport großer Mengen europäischer Migrant:innen vorgesehen war, die darin eng zusammengepfercht hausen mussten, aber auf ihr Glück in Argentinien hofften, bot gleichzeitig reichen Menschen privilegierten Komfort in einer Luxus- sowie der Ersten Klasse. Die spannenden Geschichten, Herkünfte, Reiseziele, Missionen dieser unterschiedlichsten Reisenden, die der Autor aus einer beeindruckenden Vielfalt an Quellen gehoben hat, reichen weit hinein in die damalige Historie Italiens und der ganzen Welt. Wie in einem Schmelztiegel begegnen sie einander in dem Ozeandampfer, der mit einer Pause im Ersten Weltkrieg bis zu seinem dramatischen Untergang 1927 zwischen Europa und Südamerika hin- und herpendelte. Eine kenntnisreiche und unterhaltsame Biografie nicht nur des Schiffes und seiner Passagiere, sondern auch der sehr bewegten analogen Zeiten. (Stefanie Hetze)

Der Corona-Lockdown ließ bei der feministischen lesbischen Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch dunkle Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend hochkommen. Im Zeitalter extremer Homophobie in der Nachkriegszeit bis zum Beginn der Neuen Frauenbewegung versteckte sie ihr Gefühlsleben notgedrungen zur Gänze vor ihrer Umwelt und lebte in einer Art innerem Lockdown. So wie damals das Lesen und Studieren sie rettete, nutzte sie die durch die Pandemie erzwungene Isolation und Stille, von ihrer Kindheit und Jugend bis zu ihren Anfängen als Studentin zu schreiben, endlich das Schweigen zu brechen. Das ist alles andere als eine heile Welt, die sie beschreibt. Mit zwei Geschwistern einer alleinerziehenden Mutter im Ostwestfalen der Vierziger, Fünfziger Jahre. Das Geld ist knapp, Kirche, Sexualmoral, heteronormative Werte tun ihr übriges. Äußerlich versucht sie sich anzupassen, während die Gefühle in ihr nur so toben. Zum Glück sind diese restriktiven Verhältnisse hierzulande Vergangenheit. Bislang hat dieser wichtige Aspekt von Lesbengeschichte gefehlt, diese Autobiografie füllt endlich diese Leerstelle. (Stefanie Hetze)
Was gibt es in diesem tollen großformatigen Buch nicht alles zu entdecken! Vom Basstölpel über das Eurasische Gleithörnchen und den Pottwal bis zum Schopfalk und dem Walross kommen 33 Tiere hier zu Wort. Ja, zu Wort, denn jedes Tier erzählt selbst von sich, davon wie es aussieht, wie es lebt und was es Besonderes kann – der Gelbschopflund zum Beispiel sammelt bis zu 62 Fische gleichzeitig in seinem Schnabel – und auch, wie sehr und auf welche Weise es durch den Einfluss des Menschen und den Klimawandel bedroht ist.
Wie in so manchem Märchen sind da zu Beginn ein König und eine Königin, die sich lange schon sehnlichst ein Kind wünschen. Eine Erfinderin und eine Hexe werden zu Rate gezogen und siehe da, ein kleiner Holzroboter und eine Baumstumpfprinzessin beglücken ihnen von nun an die Tage. Bis, ja bis durch ein Versehen die Baumstumpfprinzessin verloren geht … Das war es aber auch mit der Erzähltradition, denn Tom Gauld lässt herrlich viel Raum für eigene Geschichten und Fantasien. In großen und kleinteiligen Bildtafeln wird das aufregende Abenteuer der wohl niedlichen, aber keinesfalls süßlich gezeichneten Geschwisterkinder erzählt. Ein Genie-Streich! (Jana Kühn)
Unser Held – einen anderen Namen werden wir nicht erfahren – ist verliebt. So verliebt, dass er seiner zwanzig Jahre jüngeren Affäre nach Schottland hinterher reist – gegen jede Vernunft, was ihm schon im Flugzeug klar ist, und gegen ihren ausdrücklichen Willen. Sie ist liiert und bei ihrer Mutter zu Besuch, stimmt dann aber doch einem Treffen zu – und zeigt ihm deutlich, wenn auch mit Feingefühl, dass er nicht erwünscht ist. So bemitleidet er sich selbst in im Voraus gebuchten Hotelzimmern mit zu großen Betten, ruft sie erneut und erneut und erneut an, ringt um ein weiteres Treffen, weiß, dass er sich – anders lässt es sich kaum sagen – zum Affen macht … und kann doch nicht anders.
Eine Tochter versucht den Spagat, ihr eigenes Leben zwischen den Kontinenten zu bewältigen und gleichzeitig ihrer alten pflegebedürftigen Mutter in ihrer Wohnung beizustehen und nahezukommen. Die Mutter, eine Auschwitzüberlebende, die nicht über ihr Leid spricht, sich endlos über die unangepasste Tochter aufregt und gleichzeitig stolz auf sie ist. Die Tochter, die zwischen Brüssel, Paris, New York pendelt, schwierige Liebesbeziehungen zu Frauen lebt und mit schweren Depressionen kämpft. Das ist das Material, aus dem die Autorin Chantal Akerman ein intensives berührendes nachhallendes Journal gezaubert hat. So wie sie sich als Filmemacherin einen Deut um cineastische Konventionen scherte und mit ihrer rigorosen Herangehensweise die feministische Filmkunst prägte, findet sie in ihrem literarischen Vermächtnis, zwei Jahre nach der Veröffentlichung nahm sie sich das Leben, wieder eine ganz eigene Form. Ihr autofiktionaler Text, der zwischen Erinnerungen, Aufzeichnungen ihrer Mutterbesuche und Reflexionen und Empfindungen changiert und dem sie private Fotos und Standfotos aus ihren Filmen zugefügt hat, passt wie das Leben der Mutter und das Chantal Akermans in keine Schublade. Mehr als bereichernd. (Stefanie Hetze)
Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem gewaltsamen Tod erscheint Dacia Maraini sanft lächelnd und sie direkt ansprechend ihr guter Freund Pier Paolo im Traum. Als sie ihn, glücklich ihn wiederzusehen, umarmen will, ist er verschwunden. Doch nimmt die Schriftstellerin die damit plötzlich wieder aufgetauchte Intensität an mit ihm verbundenen Erinnerungen zum Anlass, Briefe an ihn zu schreiben. Voller Zuneigung, aber auch mit dem liebevoll-kritischen Blick einer wirklich Vertrauten, erinnert sie sich an Pasolini, den Streitbaren, den Menschenfreund, den Dichter . . . An ihre Zusammenarbeit bei Drehbüchern, an ihre abenteuerlichen Reisen zusammen mit Alberto Moravia, manchmal mit Maria Callas, an ihren unaufhörlichen persönlichen und intellektuellen Austausch. Vor allem aber ist es ein intimes Buch über von einem großen Kreis rund um Pasolini, Moravia und Maraini innig und leidenschaftlich gelebte Freundschaften im Rom der Sechziger und Siebziger Jahre, die trotz aller Nähe und Zuneigung die innere Einsamkeit und Zerbrechlichkeit des Freundes nicht auflösen konnten. Fein ausbalanciert, was durch die meisterliche Übersetzung Maja Pflugs im Deutschen ein Genuss ist, ist das Buch nicht nur ein Muss für Pasolinifans. (Stefanie Hetze) 
Durchaus vergnüglich, dabei aber vor allem sehr informativ geht es in diesem Sachbuch zu, das viel Geschichte und viele Geschichten erzählt. Der noch im Odessa der UdSSR, in der heutigen Ukraine geborene und seit 1996 in Deutschland lebende Comiczeichner und Illustrator Vitali Konstantinov hat schon in zahlreichen Büchern bewiesen, dass er hervorragend in der Lage ist, fachlich, sachlich und historisch komplexe Zusammenhänge zeichnerisch zu veranschaulichen. Auch wenn eine jede Seite in Alles Geld der Welt auf den ersten Blick wahnsinnig wuselig wirkt, entpuppt sie sich bei genauerer Betrachtung als virtuos durchdachtes Tableau, das eine wahrhafte Flut an Informationen gekonnt bündelt. Vom Muschelgeld zur Kryptowährung – so der Untertitel des Sachbuches – erzählt in kurzen Comic Stripes, Infografiken und Landkarten Entwicklung, Geschichte und Wandel des Geldes. Es erklärt seine Funktion als Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungsmittel. Und erläutert finanzpolitische Prozesse wie Währungsunionen. Und falls das jetzt trocken klingen sollte – man legt dieses Buch kaum wieder aus der Hand so unterhaltsam und lehrreich ist es. (Jana Kühn)
Schmutziges graues Pflaster, abweisende Steinmauern, Zäune, Industriebauten, schäbige Gebäude, ungeschützt vor Kälte, Wind und Hitze. Eine junge Diebin stiehlt den Menschen ihr bisschen Etwas. Das ist auf den ersten Blick kein übliches Entree für ein Bilderbuch. Doch gerät das Mädchen an eine alte Frau, die ihre schwere Tasche vor der Diebin so lange festhält, bis sie ihr ein seltsames Versprechen, „sie zu pflanzen“ abnimmt. Mit der Tasche, in der sie Geld und Essen vermutet, rennt das Mädchen weg. Doch es sind nur Eicheln, grün, vollkommen und so viele, dass sie begreift, welchen Schatz sie da in den Händen hält. Und sie beginnt, in all das Graue und Harte die Eicheln zu setzen. Ganz langsam verändern sich die Illustrationen, macht das Grün etwas mit dem Raum und den Menschen, den Tieren. Die Bilder werden farbiger, heiterer, abwechslungsreicher, längst hat sich der Radius der jungen Aktivistin ausgedehnt. Das überraschende Ende macht noch mehr Mut. Zum Immer-Wieder-Anschauen. (Stefanie Hetze)