Lisette Lombé: Brennen. Brennen. Brennen, aus dem Französischen von Odile Kennel | zweisprachig Französisch/Deutsch | Assoziation A 2024 | 144 Seiten, 18 Euro
Frau, Tochter, Mutter, Rebellin, diskriminierter Körper, Mensch sein. Ertragen, trauern, kämpfen, älter werden, sich befreien, verlangen. Lisette Lombé findet in dem Gedichtband Worte, die frau gesucht und nicht gefunden haben mag. Viele dieser Worte sind richtig schmerzhaft. Das Brennen als Metapher des Lebens tut trotzdem richtig gut. In klaren, schmucklosen und dennoch funkelnden Versen erzählt die belgische Nationaldichterin über steife Regeln, die durchbrochen werden können, über leidenschaftliches Begehren und gibt den Vergessenen und den Ausgegrenzten eine starke, ehrliche Stimme. (gs)

Dunkel und kalt waren die Winter im hohen Norden schon immer. Doch seit die große Winterschwester nach ihrer geliebten kleinen Winterschwester sucht, schickt sie in ihrer Verzweiflung erbarmungslos eisige Schneeschauer und klirrenden Frost in die Welt. Der kleine Alfred kennt es gar nicht mehr anders, ein ausgesprochen fröhliches Kind ist er dennoch. Als sein Onkel sich auf den Weg macht, die Winterschwestern wieder zu vereinen, erhält Alfred die Prophezeihung seinen Onkel auf dem gefährlichen Weg beschützen zu müssen. Und so stapft der Junge seinem Onkel mutig durch die tief verschneiten Wälder hinterher … eine Seherin, eine magische Füchsin und diebische Trolle begleiten ihn – doch wem kann er trauen? Skandinavische Mythologie in Eis & Schnee, modern und atemberaubend spannend erzählt, kunstvoll grafisch gestaltet – was für ein schaurig-schöner Winterschmöker!(jk)
Unvergessen wie De Padova seiner Großmutter die Physik erklärte. Die Szene in dem Roman Nonna – übrigens eine unserer Lieblingsperlen – ist kurz, jetzt hat er sie ausgebaut, könnte man sagen. Der Physiker De Padova nimmt uns mit in die atemberaubende Welt der Quanten und erzählt uns von dem legendären Jahrzehnt der Physik vor 100 Jahren entlang von Begegnungen ihrer Protagonist*innen. Abstraktes wird durch den erzählerischen Blick auf die denkenden Menschen mit einem Mal sehr greifbar. Die Nonna hätte ihre Freude an diesem Buch gehabt. (kf)
Manche Dinge muss man sehen, um ihre Tragweite wirklich zu verstehen. Die 30 573 Lügen des Donald Trump auf einer Doppelseite, zum Beispiel. Oder die Visualisierung der Antwort, wie viel seltener Anfragen für ein Fußballprobetraining beantwortet wurden, wenn der Antragsteller einen fremd klingenden Namen hatte? Neben dem gewohnt politisch und gestalterisch hochpräzisen Kartenmaterial gibt es gewichtigen Text zu lesen. 100 Karten über Rechtsextremismus – eines der wirklich probaten Mittel gegen die Sprachlosigkeit im
In einer tiefen Lebenskrise flieht Joachim Meyerhoff aufs Land zu seiner betagten Mutter, die allein einen riesigen Garten bewirtschaftet. Als toughe alte Dame duldet sie bei ihrem „lieben Sohn“ kein Selbstmitleid, spannt ihn im Gegenteil unermüdlich mit Arbeitsaufträgen ein. Äußerst unterhaltsam kombiniert der Autor gnadenlose Demaskierungen seiner eigenen Befindlichkeit mit grotesk-liebevollen Stories seiner Theatererlebnisse. Königin des Romans ist aber seine unnachahmliche Mutter, der er damit eine hinreißende Liebeserklärung gemacht hat. (sh)
In der mitreißenden Biografie geht es nicht um Inge Feltrinelli als Frau des berühmten Verlegers. Ihr eigenes Leben als Inge Schönthal, die in der männerdominierten Medienwelt der 1950er erfolgreiche Self-made-Fotoreporterin wird, steht ganz im Fokus. Aus Gesprächen, Tagebüchern, Kalendern und Fotos schuf der Autor ein fesselnd zu lesendes Porträt dieser außergewöhnlichen Frau. Ingemaus stürzte sich geradezu ins Leben. Hindernisse waren dazu da, überwunden zu werden. Mit Unerschrockenheit, Charme und Kontaktfreude ging sie ihren besonderen Weg. (sh)
Globale Geschichte(n) erzählen, das kann Christian Grataloup. In 300 Karten geht der „Historiker unter den Geografen“ und sein 30köpfiges Expert*innenteam erneut den Wechselbeziehungen von Mensch und Erde auf den Grund. Geopolitische Verwicklungen spielen wieder die entscheidende Rolle, diesmal jedoch nicht mit Fokus auf die Zivilisationsgeschichte, sondern mit Blick auf vermeintlich unbeeinflussbare Naturgesetze. Inwieweit auch hier die Gegenwart des Menschen einen Unterschied macht: Smartphone abschalten, im Sofa versinken auf Weltreise gehen! (kf)
Emma Southon ist Punk in der britischen stiff-upper-lip Academia. Die Historikerin schlägt einen unbekannten Ton an und ungewohnte Wege ein. Virtuos schlägt sie Bögen, die von der einstigen Sklavin, späteren Millionärin Hispala Faecenia der Römischen Republik bis zu Marina Abramovics Performance Rhythm 0 von 1974 reichen können. Southon erzählt uns nicht nur marginalisierte Heldinnengeschichte(n), sie spricht auch von den Täterinnen und zeigt uns, wie sehr das vorherrschende Bild der Antike vom Fehlen weiblicher Macht, Wut und Entschlossenheit geprägt ist. (kf)
Hundertvierzig schmale Seiten, die es in sich haben, die das erzwungene Lebensgefühl wiedergeben, sich auf absolut gar nichts mehr verlassen zu können. Selbst eine harmlose Lesereise von A nach B entwickelt sich für die Protagonistin, die aus ihrem Land, das Krieg gegen ein Nachbarland führt, flüchten musste, zu einer Grenzerfahrung. Unterwegs verpasst sie ihren Zug, funktioniert ihr Telefon nicht. Sie strandet in einer Grenzstadt, ohne dass irgendjemand davon weiß. Was ihr erst ein Atemholen verschafft, sie einfach herumstreift und sich ein Hotelzimmer nimmt. Doch die Gedanken, die Erinnerungen, die Wut auf das „Untier“, die Scham lassen sie nicht los, selbst als sie einem Mann durch leere Vorstadtstraßen regelrecht nachstellt. Das, was zu ihrem Exil führte, ist zu übermächtig, drängt immer wieder an die Oberfläche, selbst als sie als zersägte Jungfrau in einem heruntergekommenem Wanderzirkus landet. Doch alles andere als ohnmächtig setzt Maria Stepanova ihre Sprache, ihre Bilder, ihre Gefühle, ihre Phantasie so klug, stark und poetisch ein, dass es tief berührt und gleichzeitig überzeugend demonstriert, dass sie sich ihre Sprache nicht wegnehmen lässt. Und Olga Radetzkaja hat den Roman in ein verdichtetes knappes Deutsch übertragen, das trotzdem die vielen Anspielungen und doppelten Böden aufschimmern lässt. (Stefanie Hetze)
Fucking Fucking schön der Autorin Eva Rottmann umkreist das erste Mal, oder besser die vielen unterschiedlichen ersten Male des Coming of Age aus der Sicht von 12 Teenagern. Aus Gesprächen mit Schüler*innen hat die Autorin Themen, Fragen und Bilder ausfindig gemacht, die sie in zehn erzählten Kapiteln verdichtet. Jeder Text umkreist dabei sehr assoziativ und doch immer greifbar konkret ein Thema – Queerness, Lust oder Netzpornos zum Beispiel, aber auch Flüchtigeres wie atemloses Verliebtsein, Zweifel, Scham oder Reue. Die einzelnen Episoden stehen für sich, sind aber durch immer wieder aufscheinende, dünne rote Fäden miteinander verbunden. Rottmann ist auch Theaterautorin was man den Texten anmerkt – lebendig, sprachintensiv und mit dem Ohr ganz nah dran an der Zielgruppe, szenisch erzählt und aufgebaut. Tatsächlich kann man das Oeuvre Rottmanns als einen Organismus lesen, in dem Figuren und Orte ganz beiläufig immer wieder auftauchen. Deshalb Achtung – Spoileralarm! Wer die Vorgängergeschichten von Eva Rottman – Mats und Milad und Kurz vor dem Rand, übrigens gerade mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet – noch nicht kennt, liest einige Details nicht linear. Das macht aber nichts, denn es ist nahezu egal aus welcher Richtung man die Welt Eva Rottmanns betritt: es macht Fucking fucking Spaß. (Kerstin Follenius)