S. Fischer, 2024, 704 Seiten, 28 Euro
1834. St. Louis, Missouri. Eine Schwarze Frau und ihr Schwarzer Begleiter betreten eine Bankfiliale und kaufen, gegen anfänglichen Widerstand und obwohl es aus vielerlei Gründen unmöglich scheint – Missouri ist zu dieser Zeit noch ein sogenannter Sklavenstaat – ein Stück Land. Das ist der Beginn von Ours, bald nur bewohnt von entflohenen oder befreiten Sklav*innen, irgendwann unauffindbar für Weiße. Die Bewohner*innen ermächtigen sich in der neuen Freiheit, sie geben sich selber Namen, suchen sich Berufe und füllen die Zeit nach ihren Wünschen. Saint – so der Name der Frau aus der Bank – schützt und regiert die Stadt mit den ihr eigenen magischen Fähigkeiten. Ihr Zauber kann Geister verbannen, Beziehungen fördern oder verhindern, nicht immer hat sie ihre eigene Kraft im Griff. Im unbedingten Wunsch den Schmerz der Vergangenheit, die Peitschenhiebe, den Geruch nach Blut, die Erinnerungen an Baumwollfelder zu verbannen, verrutscht die Grenze zwischen Verantwortung und Macht(missbrauch) immer wieder. Der Debütroman Ours – Die Stadt des amerikanischens Lyrikers Philipp B. Williams beschreibt in sehr poetischer, dichter Sprache eine kraftvolle, wenngleich fragile und vulnerable Utopie. Und das ist unbedingt lesenswert! (Katharina Bischoff)

Vielen war klar, dass die Queen erst sterben muss, bevor das britische Empire kritisch die eigene Kolonialgeschichte in den Blick bekommt. Die Queen starb, nichts geschah. Und dann kam Mithu Sanyal. Wer die vielschichtige, kluge und provokante Stimme Sanyals in Identiti mochte, wird für Antichristi unbezahlten Urlaub nehmen. Auf 544 Seiten verwebt die Autorin deutsch-indisch-britische Kolonialgeschichte mit ganz grundlegenden Fragen um Identität, Trauer und Verlust. Dramaturgisch äußerst geschickt werden hier nationale Themen mit persönlichen Schicksalen verwoben. Die Idee, mit der diese rasante Geschichte ihren Anfang nimmt, nämlich das Werk Agatha Christies kritisch zu überarbeiten und Hercule Poirot diverser zu gestalten, zeigt, mit welch übergroßen Aufgaben ein postkoloniales England konfrontiert ist. Man ahnt es schon: they were not amused! Ein virtuoser Ritt durch die Zeiten und Diskurse in der kein Mythos von Großbritanniens Establishment auf dem anderen bleibt. Wahnsinnig lustig, herrlich rebellisch und mit einer so mitreißenden Lust am erzählen, dass man direkt noch mal von vorne anfangen will. (kf)
Wie bei ihren Büchern zuvor macht es wieder wunderbar großen Spaß, sich durch die Brille von Liv Strömquist mit gesellschaftspolitischen Themen zu befassen. Diesmal geht es um den wachsenden Selbstoptimierungsdrang (oder -zwang), um Todesangst, zunehmende Individualisierung und wie das alles zusammenhängt. Keine ganz neuen Themen, aber ein herrlicher Kommentar, gewohnt scharfsinnig, überspitzt, lustig, böse und sehr lustig. Mag sein, man fühlt sich das ein oder andere Mal ein ganz bisschen ertappt. (kb)
Dieses Buch ist ein außergewöhnlicher Bericht über das Leben und Denken von Davi Kopenawa, Schamane und Sprecher des brasilianischen Amazonasgebiets. Als Vertreter einer vom Aussterben bedrohten Bevölkerung zeichnet er ein unvergessliches Bild der Yanomami-Kultur im Herzen des Regenwaldes – eine Welt, in der uraltes indigenes Wissen mit globaler Geopolitik und kommerziellen Interessen kämpft. Der Anthropologe Bruce Albert hat Kopenawas Worte aufgenommen und transkribiert, damit sie einen Weg aus dem Wald finden können. (gs)
So bizarr es erscheinen mag, Menschen und Pilze haben viel gemeinsam: ähnliches Erbgut und ein kleines Meerestier als gemeinsamen Vorfahr zum Beispiel. Es ist daher nicht überraschend, dass Pilze seit jeher unsere Neugier und Fantasie anregen: Boten von Gottheiten, Märchenfiguren und Legenden, Inspirationsquellen für Künstler*innen, Zutaten von Arzneimitteln oder Drogen – die Liste ist lang. Fungipedia sammelt Merkwürdigkeiten und Beschreibungen dieser faszinierenden Organismen sowie Mythen und exzentrische Anekdoten über berühmte Pilzforscher*innen. (gs)
Unvergessen wie De Padova seiner Großmutter die Physik erklärte. Die Szene in dem Roman Nonna – übrigens eine unserer Lieblingsperlen – ist kurz, jetzt hat er sie ausgebaut, könnte man sagen. Der Physiker De Padova nimmt uns mit in die atemberaubende Welt der Quanten und erzählt uns von dem legendären Jahrzehnt der Physik vor 100 Jahren entlang von Begegnungen ihrer Protagonist*innen. Abstraktes wird durch den erzählerischen Blick auf die denkenden Menschen mit einem mal sehr greifbar. Die Nonna hätte ihre Freude an diesem Buch gehabt. (kf)
Ein Olivenbaum auf dem Ölberg ist der klug gewählte Erzähler dieser fulminanten Geschichte einer Stadt. In zehn Kapiteln, als großformatig und lebendig gestaltete Graphic Novel sowie vor allem in großer kulturhistorischer Kenntnis erzählen Vincent Lemire und Christophe Gaultier die erstaunliche 4000jährige Geschichte der Wiege und des Herzens des Christentums, des Judentums und des Islams zugleich.
Ein Intellektueller, 1944 aus Riga geflohen, landet per Zufall in einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb. Zwei Welten, zwei Mentalitäten prallen aufeinander, die des heimatlosen kultivierten Stadtmenschen und die der alteingesessenen kleinstädtischen Provinzler, die trotz Krieg und Nationalsozialismus eigentlich alles machen wie bisher. Das sorgt für ordentlich Reibung, die der Autor in bitterbösen Episoden genüsslich zelebriert. Bei aller Absurdität, die ihm begegnet, verhehlt er aber auch nicht sein staunendes Anerkennen der schwäbischen Widerstandskraft. Dieses Spiel zwischen Bodenständigkeit und Anarchie sowie zwischen Überheblichkeit und Angewiesensein ist vergnüglich zu lesen und gleichzeitig voller Widerhaken. (Stefanie Hetze)
Frau, Tochter, Mutter, Rebellin, diskriminierter Körper, Mensch sein. Ertragen, trauern, kämpfen, älter werden, sich befreien, verlangen. Lisette Lombé findet in dem Gedichtband Worte, die frau gesucht und nicht gefunden haben mag. Viele dieser Worte sind richtig schmerzhaft. Das Brennen als Metapher des Lebens tut trotzdem richtig gut. In klaren, schmucklosen und dennoch funkelnden Versen erzählt die belgische Nationaldichterin über steife Regeln, die durchbrochen werden können, über leidenschaftliches Begehren und gibt den Vergessenen und den Ausgegrenzten eine starke, ehrliche Stimme. (gs)
Unvergessen wie De Padova seiner Großmutter die Physik erklärte. Die Szene in dem Roman Nonna – übrigens eine unserer Lieblingsperlen – ist kurz, jetzt hat er sie ausgebaut, könnte man sagen. Der Physiker De Padova nimmt uns mit in die atemberaubende Welt der Quanten und erzählt uns von dem legendären Jahrzehnt der Physik vor 100 Jahren entlang von Begegnungen ihrer Protagonist*innen. Abstraktes wird durch den erzählerischen Blick auf die denkenden Menschen mit einem Mal sehr greifbar. Die Nonna hätte ihre Freude an diesem Buch gehabt. (kf)