
Einladung zum kollektiven Dialog in der Blackbox
An den Tagen um den 3. Oktober eröffnen die Theatermacherinnen Gesine Danckwart und Katrin Hentschel die erste OST-WEST-KANTINE. Um aus dem Untergrund die Wiedervereinigung zu befragen und neu und anders zu zelebrieren, stellen wir Dialog ins Zentrum. Sie laden Zuschauer, Künstlerinnen, Experten, Bürgerinnen und Interessierte ein: Mischt euch! Tauscht euch aus!
Am kollektiven Kantinenfeuer werden Geschichten, Haltungen, Entwürfe, Musiken und Menüs zu Vergangenheit und Gegenwart, zu europäischen Grenzen, Nachhaltigkeit und gemeinsamen Zukunftsvisionen performt und diskutiert. Es geht um das „Wir“ unserer Vergangenheit und Gegenwart: Ost. West. Frau. Mann. Oben. Unten. Gemeinsam.
Mit Songs von Masha Qrella, in einem Setting von Johanna Meyer und Alexander Wolf, in dem sich westliche und östliche Ikonen treffen, Fame sich mit sozialistischen Handschlag verschwistert, entwickeln wir ein neues künstlerisch-diskursives Format.
Die Dante bringt die Bücher mit.
Wann? 1. bis 4. Oktober
Wo? Akademie der Künste // Pariser Platz
Eintritt frei
Alle Informationen mit Uhrzeiten und Podien findet ihr hier.

Das Literaturhaus Berlin präsentiert A. L. Kennedy und ihren neuen Erzählband »Alle freuen sich« (Gepardenverlag). Die Dante bringt die Bücher mit.
Eine wahre Begebenheit: Hannah Höch, bereits erfolgreich in den ersten Stufen ihrer Karriere als Künstlerin und frisch befreit vom dominanten Dadaisten Raoul Hausmann, lernt 1926 die charismatische Autorin und Übersetzerin Til Brugman kennen, die noch kaum veröffentlicht hat. Ihre gegenseitige Anziehung ist enorm, eine intensive Liebesbeziehung auf Augenhöhe entsteht, die fast zehn Jahre dauern sollte. Die beiden Frauen pendeln zwischen Den Haag und Berlin, zwischen zwei Sprachen, zwischen Erfolg und Misserfolg, Selbständigkeit und Zweisamkeit. Sie müssen Geld verdienen, ihren gemeinsamen Alltag, Freundschaften, Familien bewältigen und als Künstlerinnen vorankommen. Und dies als lesbisches Paar in Zeiten des erstarkenden Faschismus. Diese queere Geschichte selbst ist schon interessant genug, der Text aber, wie ihn die Autorin montiert und poetisiert hat, ist ein literarisches Ereignis. Kühmel hat sich von den beiden Figuren und ihren künstlerischen Praktiken inspirieren lassen und verwebt, verdichtet, zerschneidet, umkreist Fakten, Briefe, Zitate, Erfundenes, Weltpolitisches und Privates zu einem hinreißenden Liebes- und Künstlerinnenroman. (Stefanie Hetze)
Wills Schuhe sind nicht nur auf gar keinen Fall cool, sie sind richtig oll. Genau wie alle seinen anderen Sachen auch. In der Schule wird er gehässig Ramschladen gerufen. Er wohnt mit seinem versehrten und arbeitslosen Vater in einer Gegend mit einschlägigem Ruf. Das Zuhause bleibt oft kalt, der Kühlschrank leer. Das war nicht immer so, aber je länger dieser prekäre Zustand Alltag ist, desto dünnhäutiger wird Will. Und irgendwann helfen selbst die einzigen beiden Lichtpunkte, sein bester Freund Cameron und das Zeichnen, nicht mehr darüber hinweg und Will droht allen Halt zu verlieren. In jeder Zeile des eindrücklichen Romans für Kinder liest sich mit, dass Tom Percival aus eigener Erfahrung genau weiß, wovon er schreibt. Detailreich sind nicht nur die beschwerlichen Lebensverhältnisse beschrieben, sondern ebenso die Strategien des Kindes davon abzulenken – Scham als grundsätzliches Lebensgefühl. Dennoch ist das Buch keinesfalls erdrückend in seiner Problematik, es zeichnet sich vor allem durch eine genaue emotionale Vielseitigkeit aus: das Glück gute Freund*innen um sich zu wissen, die tiefe Ruhe, die sich beim Zeichnen einstellt, der Stolz sich trotz aller Schwierigkeiten integer zu behaupten. Und wer Tom Percival bisher eher als Illustrator kannte, dem sei gesagt, dass auch dieses Buch mit stimmungsvollen Zeichnungen aus seiner Hand versehen ist. (Jana Kühn)
„Was mag aus uns werden?“, diese Frage begleitet die Freunde Giovanni und Santino, die – beide vaterlos – gemeinsam in Sciacca, einer Hafenstadt im Südwesten Siziliens, heranwachsen.
Dacia Maraini ist fast 90 Jahre alt. Und fast ebenso lange hat sie gebraucht, um schmerzliche Kindheitserinnerungen zu Papier zu bringen: Gemeinsam mit ihrer Familie wurde sie 1943 in Japan interniert, nachdem sich ihre Eltern Fosco und Topazia Maraini geweigert hatten, Mussolinis Repubblica di Salò anzuerkennen. Das kann Japan, als mit den faschistischen Regimes in Italien und Deutschland verbündete Macht, nicht hinnehmen und die Marainis werden, gemeinsam mit anderen italienischen Familien, in ein Gefangenenlager gebracht.
Nach ihrem grandiosen Roman Wie die Gorillas hat Esther Becker mit Notfallkontakte nun einen Erzählband vorgelegt, der seinen Protagonist*innen wieder atemberaubend nah kommt und virtuos die gesamte Bandbreite der kurzen Form auszuspielen versteht. Das plötzliche Fehlen eines Rettungsringes an der Brücke, der doch immer da war. Unerklärliche Warteschlangen. Oder eines Tages: ein wachsendes Loch im Küchenboden. Es sind die leichten Verschiebungen der Realität, die eine Geschichte in Gang setzen und den Konstellationen von Nähe, den Varianten von Macht, Kontrolle und Selbstverlust in Beziehungen nachspüren. Notfallkontakte erzählt aber auch und vor allem von Kompliz*innenschaft – mit sich selbst, mit Weggefährt*innen, mit Fremden. Mund zu, treiben lassen heißt eine der traurigsten und poetischsten Erzählungen in der Sammlung und genau das scheint Programm: ertrinken, abtauchen, sich treiben lassen in dem urbanen Erzählstrom, der dann plötzlich schlank, lyrisch, fast abstrakt seinen ganz eigenen Rhythmus offenbart. Die Fäden, die Esther Becker zwischen ihren Erzählungen spannt sind dünn, manchmal sehr nah an der Oberfläche oder auch gar nicht sichtbar. Die Figuren entziehen sich oft im letzten Moment einer eindeutigen Zuschreibung, verhalten sich ganz anders als erwartet oder spielen bewusst mit Identitäten und sind damit Teil einer Welt, die im Unvorhersehbaren ihre größte Schönheit entfaltet. (Kerstin Follenius)