Veranstaltungen

Sonntag, 31. Mai

Literarische Matinee im Obermaier-Salon

Catherine Guérard Renata wasweißich

Lesung & Gespräch mit Übersetzerin Olga
Radetzkaja und Lektor Sebastian Guggolz

»Schrill wie ein Schrei in der Nacht, ergreifend
wie ein Abschied, ein innerer und wandernder
Monolog« (Jérôme Garcin)

Catherine Guérands Roman, 1967 erstmals erschienen, ist ein waghalsiges Kunststück über den gesellschaftlichen Preis der Unabhängigkeit. Und eine tiefgründige und notwendige Reflektion über die Absurdität unserer Gesellschaften, der Gesetze, des Geldes, der Arbeit und des Konsums. »Renata wasweißich«: Wiederentdeckt von Sebastian Guggolz und neu übersetzt von Olga Radetzkaja.

Das Salon-Team: Gastgeberin Dunja Funke, Buchhändlerin Stefanie Hetze und die musizierenden Schauspieler:innen Mariel Jana Supka und Olaf Helbing – begleitet die Gäste. Für Bücher sorgt die Dante, für Getränke und Imbiss das Obermaier.

Wann? Sonntag, 31. Mai 2026, 12 Uhr
Wo? Obermaier Restaurant – Salon
Erkelenzdamm 17 – 10999 Berlin

Eintritt 10 Euro
Reservierung
info@obermaier-kreuzberg.de
info@danteconnection.de

Farai Mudzingwa: Die Avenues


Übersetzt von Jan Schönherr, Unionsverlag 2026, 304 Seiten, 24 Euro

Der tödliche Unfall eines Spielgefährten, frömmelnde Eltern, die große Schwester, die aus der engen Provinz in die Hauptstadt geht, dort mysteriös verschwindet und ihren kleinen Bruder Jedza alleinlässt. Dieser folgt ihr in die knallharte Stadt, in der er sich durchschlagen muss. Erst einmal alltäglich ist es, was dem Protagonisten in diesem Coming of Age-Roman widerfährt. Doch wie Farai Mudzingwa es in seinem Debüt erzählt, ist beindruckend komplex. Auch auf Jedza stürmen die gesellschaftlichen Verhältnisse, hier postkoloniale korrupte, ein. Er hat Schwierigkeiten, sein Liebes- und Berufsleben in einem Umfeld von Armut, Prostitution, Gewalt und Drogen auszutarieren. Zudem treiben ihn die Traumata der Vergangenheit um. Befreiung von seinen Dämonen sucht er durch die spirituelle Kommunikation mit der Geisterwelt, indem er sich einem tief verwurzelten Tranceritual unterzieht, bei dem die polyphone Mbira-Musik eine tragende Rolle spielt. Da setzen die Kunstfertigkeit des Autors und nicht zuletzt die des Übersetzers Jan Schönherr ein, die „den furiosen Mix aus Stimmen und Stilen, … durch Jahrzehnte und Jahrhunderte“ *, aus sozialen Gegensätzen, der Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, aus Shona-Liedern und Zim-Dancehall, aus Referenzen an die neuere simbabwische Literatur und die uralte Shona-Kultur, zu einem vielstimmigen doppelbödigen, zutiefst afrikanischen Roman gezaubert haben. (Stefanie Hetze)

(*) mehr Informationen und Hintergründe zur Übersetzuung

Das bestelle ich bei Dante!

Maria van Lieshout: Das Lied der Amsel

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer 2026, 256 Seiten, 22 Euro

In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische  Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Monique Wittig: Opoponax

Aus dem Französischen von Elmar Tophoven
Czernin Verlag 2026, 252 Seiten, 25 Euro

Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an!  (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!

Wiebke Nieland, Anne-Dore Krohn: Gespensterzentrale

Tulipan, 144 Seiten, 15 Euro
ab 10

Yunis ist gerade mit seinen Eltern in einem Berliner Altbau angekommen – ein Glücksfall, so eine Wohnung bekommt man eigentlich gar nicht mehr. Der Zehnjährige sieht das anders, denn nicht nur, dass er sein altes Zuhause vermisst, die neue Wohnung ist wirklich seltsam. Ständig gehen Sachen kaputt oder verschwinden, und immer soll Yunis an allem Schuld sein. Als Yunis die Ursache allen Übels kennenlernt, beginnt eine abenteuerliche Zeitreise ins Jahr 1897, denn dorthin muss das Gespenstermädchen Lotte dringend zurück, um seine Unschuld zu beweisen … Anschaulich und geschickt im Erzähltstrom verpackt, vermittelt der witzige Kriminalroman historisches Wissen nicht nur, aber auch über Berlin. Kinder erfahren, dass, was heute eine Etage mit mehreren Wohnungen ist, in der Kaiserzeit von einer einzigen Familie und ihren Hausangestellten bewohnt wurde. Dass Kinder wie Lotte hart arbeiten und ohne ihre eigene Familie leben mussten. Und dass es früher fast schon Kraftsport war, einen Teppich zu reinigen. Historische Details verschmelzen dabei sowohl in der Erzählung als auch in den Illustrationen von Barbara Jung gekonnt mit Elementen aus unserer Zeit. Ergänzt wird der Erzählteil durch ein Glossar, historische Fotos und Informationen sowie eine Übersicht zum Alfabet der Kurrentschrift, die eine nicht unwesentliche Rolle im Buch spielt. Gerade für Berliner Kinder birgt die Geschichte großen Wiedererkennungseffekt und Lesespaß und bald schon folgt Band 2 dieser neuen Reihe!  (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Lange Buchnacht, Samstag, 9. Mai

LANGE BUCHNACHT IN DER ORANIENSTRASSE #2

Wir laden herzlich ein zur Lesung aus dem Roman „Crashtest Dummies“ (Blessing) von Mercedes Spannagel.

Als Ingenieurin in der Automobilindustrie arbeitet Cleo in einer Männerdomäne – und am offenen Herzen der strauchelnden deutschen Wirtschaft. Als sie in eine Konkurrenzsituation mit ihrem Kollegen Martin gerät, entwickelt sich eine beidseitige Obsession. Für Cleo geht es sowohl um ihre berufliche Zukunft, als auch darum, sich nicht von einem Mann ausbooten zu lassen. Rasant und bitterböse erzählt dieser Roman von einer jungen Frau, die sich für einen Triumph noch einmal ganz neu definieren muss.

Es moderiert Christina M. Landerl.

wann? Samstag, 9. Mai 20Uhr
wo? in der Dante
Eintritt frei.
Mercedes Spannagel, geboren 1995 in Wien, aufgewachsen in Heidelberg und Salzburg, lebt derzeit in Berlin. Sie ist Diplomingenieurin im Maschinenbau. Ihre Texte wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Förderungspreis 2017, dem 1. Platz des FM4 Wortlaut 2018 und dem Literaturpreis der Arbeiterkammer Oberösterreich 2021. Ihr erster Roman »Das Palais muss brennen« war 2020 nominiert für den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt. »Crashtest Dummies« ist ihr zweites Buch.

Lange Buchnacht, Samstag, 9. Mai

LANGE BUCHNACHT IN DER ORANIENSTRASSE #1

BIRDIE sind siebzehn unabhängige Kreative , die sich ein großes Studio im Herzen Berlins teilen. Zu ihren Fachgebieten gehören visuelle Kommunikation, Typographie, Animation, Videokunst, Ethnologie, Illustration, Kinderbücher und Comics.

In der O45 präsentieren ihre Geschichten und Bilder: NELE BRÖNNER, FRANK LÖTHMANN, KATRIN FUNCKE, KRISTINA HELDMANN, RINAH LANG, ANNE-CHRISTIN PLATE & VOLKER SCHLECHT.

Eröffnung Donnerstag, 7. Mai 19Uhr
Ausstellung 8. bis 13. Mai, 15-19 Uhr
Lange Buchnacht, Samstag, 9. Mai
16 Uhr Frank Flöthmann // Helden ohne Worte Comiclesung für Kinder 
18.30 Uhr Rinah Lang // Comiclesung PERI MENO für Erwachsene
wo? in der O45

Jacqueline Harpman: Ich, die ich die Männer nicht kannte

Klett-Cotta 2026, 224 Seiten, 24,00 Euro

39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Bereits 1995 hat die belgische Autorin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman diese existentielle Parabel geschrieben, auf die wir Frauen lange warten mussten: Welche Rolle spielen die Männer im Höhlengleichnis der Frauen? Weshalb verfügte Beckett testamentarisch, dass keine der Rollen aus Warten auf Godot je von einer Frau gespielt werden dürfe?
Die Zeit scheint reif, die existentielle und strukturelle Krise der Frauen als ein psychologisches Drama zu erzählen, dessen Grund wir nicht kennen, in dem die Männer nicht zu Wort kommen und am Ende der eigenen misogynen Weltkonstruktionen fliehen. Welch ein Wurf. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Miro Poferl: Das große Buch der Namen

Carlsen 2026, 64 Seiten, 15 Euro
ab 8

Die Nachnamen Müller, Lange und Heinrich zählen zu den wohl häufigsten in Deutschland. Aber wie wieso heißen eigentlich so viele Familien so? Ausgehend vom frühen Mittelalter erfahren Kinder, dass die Menschen in dieser Zeit immer mehr wurden und bei gleichen Vornamen dennoch unterscheidbar bleiben mussten. Hans, der ein Müller war, wurde deshalb Hans Müller. Den großgewachsenen Hans nannte man Hans, der Lange. Und Hans, den Sohn von Heinrich, riefen alle Hans Heinrich. Einen Müller gab es in fast jedem Ort, Großgewachsene gab es immer schon viele, und Heinrich war als Vorname mindestens so häufig wie Hans. Das erklärt, warum diese Familiennamen so häufig existieren. Außerdem blickt Miro Poferl thematisch in unsere Gegenwart sowie in andere Sprachen. Miro Poferl gliedert das großformatige Sachbuch anschaulich in kurze und übersichtlichte Texte, zugängliche Infografiken sowie humorvolle Illustrationen. Kinder mit sicheren Lesekompetenzen manövrieren bestens allein durch die Seiten. Es bietet sich aber ebenso an, mit der ganzen Familie zu schmökern. Nach der interessanten wie lehrreichen Lektüre schauen Kinder sicherlich genauer auf die Namen ihrer Mitmenschen. (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Safae el Khannoussi: Oroppa

Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Hanser 2026, 353 Seiten, 26 Euro

Salomé Abergel – gefeierte Künstlerin jüdisch-marokkanischer Herkunft, in Amsterdam lebende ehemalige politische Dissidentin – verschwindet von einem Tag auf den anderen und setzt damit ein weit verzweigtes Geflecht von Beziehungen bis in die Peripherie in Bewegung. Aus vielstimmigen Perspektiven nähert sich der Roman der widersprüchlichen Künstlerin, vor allem aber einer Fülle von Figuren und deren Geschichten: Menschen, die selten konform, selten bürgerlich leben – Reisende, Zugewanderte, Suchende, die sich in Bars, auf Durchgangsstationen und in Erinnerungsräumen begegnen und wieder verlieren.
Diese Geschichten umkreisen das Leben der Salomé Abergel, führen in die „bleiernen Jahre“ in Marokko, die Foltergefängnisse jener Zeit, nach Amsterdam, Paris, Casablanca und Tunis. Manche Fäden führen zueinander und Zusammenhänge erschließen sich im Laufe des Romans, viele Enden bleiben aber bewusst offen, auch das von Salomé Abergel.
Das zu Recht preisgekrönte Debüt von Safae el Khannoussi – fabelhaft übersetzt von Stefanie Ochel – fordert Aufmerksamkeit, aber liest sich dann wie ein literarisches Kaleidoskop: bunt, schillernd, immer ein bisschen unscharf aber von eigentümlicher Schönheit und sehr bezaubernd. (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!