Übersetzt von Jan Schönherr, Unionsverlag 2026, 304 Seiten, 24 Euro
Der tödliche Unfall eines Spielgefährten, frömmelnde Eltern, die große Schwester, die aus der engen Provinz in die Hauptstadt geht, dort mysteriös verschwindet und ihren kleinen Bruder Jedza alleinlässt. Dieser folgt ihr in die knallharte Stadt, in der er sich durchschlagen muss. Erst einmal alltäglich ist es, was dem Protagonisten in diesem Coming of Age-Roman widerfährt. Doch wie Farai Mudzingwa es in seinem Debüt erzählt, ist beindruckend komplex. Auch auf Jedza stürmen die gesellschaftlichen Verhältnisse, hier postkoloniale korrupte, ein. Er hat Schwierigkeiten, sein Liebes- und Berufsleben in einem Umfeld von Armut, Prostitution, Gewalt und Drogen auszutarieren. Zudem treiben ihn die Traumata der Vergangenheit um. Befreiung von seinen Dämonen sucht er durch die spirituelle Kommunikation mit der Geisterwelt, indem er sich einem tief verwurzelten Tranceritual unterzieht, bei dem die polyphone Mbira-Musik eine tragende Rolle spielt. Da setzen die Kunstfertigkeit des Autors und nicht zuletzt die des Übersetzers Jan Schönherr ein, die „den furiosen Mix aus Stimmen und Stilen, … durch Jahrzehnte und Jahrhunderte“ *, aus sozialen Gegensätzen, der Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, aus Shona-Liedern und Zim-Dancehall, aus Referenzen an die neuere simbabwische Literatur und die uralte Shona-Kultur, zu einem vielstimmigen doppelbödigen, zutiefst afrikanischen Roman gezaubert haben. (Stefanie Hetze)

In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)
Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an! (Katharina Bischoff)
Yunis ist gerade mit seinen Eltern in einem Berliner Altbau angekommen – ein Glücksfall, so eine Wohnung bekommt man eigentlich gar nicht mehr. Der Zehnjährige sieht das anders, denn nicht nur, dass er sein altes Zuhause vermisst, die neue Wohnung ist wirklich seltsam. Ständig gehen Sachen kaputt oder verschwinden, und immer soll Yunis an allem Schuld sein. Als Yunis die Ursache allen Übels kennenlernt, beginnt eine abenteuerliche Zeitreise ins Jahr 1897, denn dorthin muss das Gespenstermädchen Lotte dringend zurück, um seine Unschuld zu beweisen … Anschaulich und geschickt im Erzähltstrom verpackt, vermittelt der witzige Kriminalroman historisches Wissen nicht nur, aber auch über Berlin. Kinder erfahren, dass, was heute eine Etage mit mehreren Wohnungen ist, in der Kaiserzeit von einer einzigen Familie und ihren Hausangestellten bewohnt wurde. Dass Kinder wie Lotte hart arbeiten und ohne ihre eigene Familie leben mussten. Und dass es früher fast schon Kraftsport war, einen Teppich zu reinigen. Historische Details verschmelzen dabei sowohl in der Erzählung als auch in den Illustrationen von Barbara Jung gekonnt mit Elementen aus unserer Zeit. Ergänzt wird der Erzählteil durch ein Glossar, historische Fotos und Informationen sowie eine Übersicht zum Alfabet der Kurrentschrift, die eine nicht unwesentliche Rolle im Buch spielt. Gerade für Berliner Kinder birgt die Geschichte großen Wiedererkennungseffekt und Lesespaß und bald schon folgt Band 2 dieser neuen Reihe! (Jana Kühn)
39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Die Nachnamen Müller, Lange und Heinrich zählen zu den wohl häufigsten in Deutschland. Aber wie wieso heißen eigentlich so viele Familien so? Ausgehend vom frühen Mittelalter erfahren Kinder, dass die Menschen in dieser Zeit immer mehr wurden und bei gleichen Vornamen dennoch unterscheidbar bleiben mussten. Hans, der ein Müller war, wurde deshalb Hans Müller. Den großgewachsenen Hans nannte man Hans, der Lange. Und Hans, den Sohn von Heinrich, riefen alle Hans Heinrich. Einen Müller gab es in fast jedem Ort, Großgewachsene gab es immer schon viele, und Heinrich war als Vorname mindestens so häufig wie Hans. Das erklärt, warum diese Familiennamen so häufig existieren. Außerdem blickt Miro Poferl thematisch in unsere Gegenwart sowie in andere Sprachen. Miro Poferl gliedert das großformatige Sachbuch anschaulich in kurze und übersichtlichte Texte, zugängliche Infografiken sowie humorvolle Illustrationen. Kinder mit sicheren Lesekompetenzen manövrieren bestens allein durch die Seiten. Es bietet sich aber ebenso an, mit der ganzen Familie zu schmökern. Nach der interessanten wie lehrreichen Lektüre schauen Kinder sicherlich genauer auf die Namen ihrer Mitmenschen. (Jana Kühn)
Salomé Abergel – gefeierte Künstlerin jüdisch-marokkanischer Herkunft, in Amsterdam lebende ehemalige politische Dissidentin – verschwindet von einem Tag auf den anderen und setzt damit ein weit verzweigtes Geflecht von Beziehungen bis in die Peripherie in Bewegung. Aus vielstimmigen Perspektiven nähert sich der Roman der widersprüchlichen Künstlerin, vor allem aber einer Fülle von Figuren und deren Geschichten: Menschen, die selten konform, selten bürgerlich leben – Reisende, Zugewanderte, Suchende, die sich in Bars, auf Durchgangsstationen und in Erinnerungsräumen begegnen und wieder verlieren.
Eine polnische Dichterin beschließt in Bern, in der Aare, ihrem Leben ein Ende zu setzen und trifft dabei auf eine entlaufene Bärin. Nur dreieinhalb Stunden pro Woche hat die pflegende Mutter eines erwachsenen Sohns Zeit, um sich als anspruchsvolle Käuferin von Immobilien auszugeben und so von einem Leben in Luxus zu träumen. Eine schwerkranke, illusionslose Frau hütet ein Haus weitab von Warschau an einem dunklen Wald gelegen, den sie direkt durch die Gartenpforte betreten kann. Fasziniert verliert sie sich in dessen märchenhaftem Dickicht … Sechszehn makabre Erzählungen hat Joana Bator zu einem eindringlichen Labyrinth verwoben, in dem verfallende Häuser, verwohnte Zimmer und zuwuchernde Gärten vom Vergangenen erzählen und ihren Bewohnerinnen, den sie bewohnenden Menschen zusetzen. Nichts ist, wie es scheint. Selbst Dinge und vor allem Tiere greifen in das Geschehen ein. Eine eindringliche Melancholie durchzieht diese intensiven Geschichten, die alle miteinander verzahnt sind und so aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von tiefen Sehnsüchten nach Selbstbestimmung erzählen. Lasst Euch davon verzaubern! (Stefanie Hetze)