Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2024, 352 Seiten, 24 Euro
Ann Petrys wirklich beeindruckendes Buch beginnt mit drei langen Erzählungen aus dem Kosmos einer Schwarzen amerikanischen Apothekerfamilie, die als einzige Schwarze in einer von Weißen bewohnten Kleinstadt lebt und aus Selbstschutz klare Grenzen ziehen muss. So registriert die zwölfjährige Protagonistin der ersten Story sehr genau, wie heikel die Trennlinie zwischen dem Dienst an der Kundschaft und dem Schutz der familiären Privatsphäre ist, die jederzeit durch rassistische Übergriffe gefährdet ist. Während die Apothekerfamilie ihren Drugstore als Bollwerk einzusetzen versucht, hat der Rassismus außerhalb, an anderen Orten und in anderen Konstellationen wie ein Gift die nordamerikanische Gesellschaft zersetzt. Punktgenau und in einer glasklaren Sprache erzählt Petry, wie sehr unterschiedliche Menschen davon betroffen sind und wie sie sich dagegen wehren. Das macht wütend und berührt zutiefst. Schon 1971 erschienen, sind die Erzählungen nun nach über einem halben Jahrhundert endlich auf Deutsch erschienen. Von Pieke Biermann blendend übersetzt, sind sie brennend aktuell. (Stefanie Hetze)

Wo ist diese Wiese auf der sich blaue Kröten Pullover stricken und dabei, ganz aus Versehen – nein, eher ganz aus Langeweile – die schönsten Geschichten von Freundschaft, Sehnsucht und Mut erzählen? Jörg Sundermeier und Katrin Funke haben sie entdeckt und lassen uns teilnehmen an den Abenteuern dieser zufällig beieinander Gestrandeten: Der Maulwurf Rüffeldirk und die Maus Mattjöh suchen ganz Unterschiedliches und finden die verbogensten, gemeinsamen Wege um beisammen zu bleiben und anderen zu begegnen. Manche sehr kluge Anspielung hängt vielleicht für Kinder noch ein Stückchen zu hoch – die Suche des Zitronenfalters Büzanz nach seinen Ursprüngen und dessen Alpenüberquerung beispielsweise – kann da aber auch getrost hängen bleiben, ohne die Geschichte zu irritieren. Anderes ist dafür so hochphilosophisch auf Kinderaugenhöhe, dass man liebend gerne den Einschlafgesprächen nach dem abendlichen Vorlesen lauschen möchte, die diese Geschichte in Gang bringen mag. Wenn Jörg Sundermeier den Dreh gefunden hat, das Beste der Fabel in unsere Zeit zu retten, dann weiß Katja Funke genau welchen Bildrhythmus es braucht um dieser Erzählung eine ganz tiefe Ressonanz zu verleihen – ihre Gebirgsbilder sind eine Reise für sich. Eine wunderbar verbogene Hommage an das Erzählen in Bildern und Worten!
Der Kolibri ist ein Vogel der Superlative – es ist der einzige Vogel, der schweben kann, er ist im Vergleich zu seinem Körpergewicht am schnellsten und im Verhältnis zu seiner Grösse der am weitesten ziehende Zugvogel. Er ist unvergleichlich zart, unfassbar hungrig, unglaublich kampfbereit. Brenda, erfahrene Vogelretterin, nimmt sich (mal wieder) zweier verlassener Kolibriküken an, wenige Tage alt und nicht größer als Hummeln. Sy Montgomery, Naturforscherin und Schriftstellerin, wird eingeladen, zu helfen. Und darüber schreibt sie. Von dem Brutkasten, in dem die Vogelgeschwisterchen leben, von der mühseligen Fütterungsprozedur, von der Artenbestimmung nach einigen Tagen, von den ersten Flugversuchen und schließlich der Freilassung.
Was für ein herausforderndes, jeglichen Rahmen sprengendes und dabei unaufgeregtes, stilles Buch! Lebenserfahren, im hohen Alter, schaut die Autorin, immer eine Außenseiterin, auf ihre Kindheit im ausklingenden 19. Jahrhundert in einer kleinen Stadt auf einem Bergspitz in den italienischen Marken zurück. Es ist eine Kindheit ohne familiäre Geborgenheit, voller Scham und Ausgrenzung. Unehelich geboren, wurde sie von ihrer adeligen Mutter zu entfernten Verwandten, einem alten Priester und dessen Schwester gegeben. Überfordert zog sich die Tante, die ein unergründliches Geheimnis umgab, in ihre Lektüren zurück, während der Onkel, ein vielfältig begabter Menschenfreund, ihr die Sphäre der Dinge, des Wissens und der Worte eröffnete. Nur durch Beobachten erschließt sich das sensible Mädchen ihre Umgebung, was Dolores Prato mit ihrem großen Roman nachvollzieht. Detailliert und in einer unendlich reichen Sprache, die Anna Leube phantastisch im Deutschen abbildet, verleibt sich Prato diese vergangene Welt voller verschwundener Rituale, Phänomene und Tätigkeiten ein und dreht ihre Position als Ausgestoßene um. Wer sich auf dieses im besten Sinne altmodische Leseabenteuer einlässt, kann nur staunen und sich berühren lassen. (Stefanie Hetze)
1834. St. Louis, Missouri. Eine Schwarze Frau und ihr Schwarzer Begleiter betreten eine Bankfiliale und kaufen, gegen anfänglichen Widerstand und obwohl es aus vielerlei Gründen unmöglich scheint – Missouri ist zu dieser Zeit noch ein sogenannter Sklavenstaat – ein Stück Land. Das ist der Beginn von Ours, bald nur bewohnt von entflohenen oder befreiten Sklav*innen, irgendwann unauffindbar für Weiße. Die Bewohner*innen ermächtigen sich in der neuen Freiheit, sie geben sich selber Namen, suchen sich Berufe und füllen die Zeit nach ihren Wünschen. Saint – so der Name der Frau aus der Bank – schützt und regiert die Stadt mit den ihr eigenen magischen Fähigkeiten. Ihr Zauber kann Geister verbannen, Beziehungen fördern oder verhindern, nicht immer hat sie ihre eigene Kraft im Griff. Im unbedingten Wunsch den Schmerz der Vergangenheit, die Peitschenhiebe, den Geruch nach Blut, die Erinnerungen an Baumwollfelder zu verbannen, verrutscht die Grenze zwischen Verantwortung und Macht(missbrauch) immer wieder. Der Debütroman Ours – Die Stadt des amerikanischens Lyrikers Philipp B. Williams beschreibt in sehr poetischer, dichter Sprache eine kraftvolle, wenngleich fragile und vulnerable Utopie. Und das ist unbedingt lesenswert! (Katharina Bischoff)
Vielen war klar, dass die Queen erst sterben muss, bevor das britische Empire kritisch die eigene Kolonialgeschichte in den Blick bekommt. Die Queen starb, nichts geschah. Und dann kam Mithu Sanyal. Wer die vielschichtige, kluge und provokante Stimme Sanyals in Identiti mochte, wird für Antichristi unbezahlten Urlaub nehmen. Auf 544 Seiten verwebt die Autorin deutsch-indisch-britische Kolonialgeschichte mit ganz grundlegenden Fragen um Identität, Trauer und Verlust. Dramaturgisch äußerst geschickt werden hier nationale Themen mit persönlichen Schicksalen verwoben. Die Idee, mit der diese rasante Geschichte ihren Anfang nimmt, nämlich das Werk Agatha Christies kritisch zu überarbeiten und Hercule Poirot diverser zu gestalten, zeigt, mit welch übergroßen Aufgaben ein postkoloniales England konfrontiert ist. Man ahnt es schon: they were not amused! Ein virtuoser Ritt durch die Zeiten und Diskurse in der kein Mythos von Großbritanniens Establishment auf dem anderen bleibt. Wahnsinnig lustig, herrlich rebellisch und mit einer so mitreißenden Lust am erzählen, dass man direkt noch mal von vorne anfangen will. (kf)
Wie bei ihren Büchern zuvor macht es wieder wunderbar großen Spaß, sich durch die Brille von Liv Strömquist mit gesellschaftspolitischen Themen zu befassen. Diesmal geht es um den wachsenden Selbstoptimierungsdrang (oder -zwang), um Todesangst, zunehmende Individualisierung und wie das alles zusammenhängt. Keine ganz neuen Themen, aber ein herrlicher Kommentar, gewohnt scharfsinnig, überspitzt, lustig, böse und sehr lustig. Mag sein, man fühlt sich das ein oder andere Mal ein ganz bisschen ertappt. (kb)
“Alles, was wir uns auf den Kopf setzen, verrät etwas von uns”, sagt Karen Exner im Vorwort dieses Sachbuches, einem echten Hingucker in leuchtenden Sonderfarben, und es ist richtig schlau. Die Bilderbuch-Künstlerin traut sich nicht nur in Stil und Farbe etwas, sondern mixt die Kopfbedeckungen auch wirklich mutig einmal rund um den Globus und schüttelt sie historisch durch. Perücke, Melone, Kufiya, Badekappe und viele mehr sind in ihrem Zweck grundverschieden und haben doch alle den gleichen Platz. So lässt sich assoziativ und lehrreich die ganze Welt erzählen. (jk)
Alles ist Rio viel zu viel. Der Sommer, die Hitze, die Freund*innen, die Erwartungen, die Trauer, die Angst, das Vermissen. Seit einem Jahr ist seine Zwillingsschwester tot und alle, auch er selbst, denken, dass es jetzt doch mal besser werden muss. Tut es aber nicht. Dann trifft Rio auf Franz, mit dem sich alles zwar nicht leichter, aber weniger einsam anfühlt. Mit Verlust, Trauer und Depression hat sich Annika Scheffel schwere Themen vorgenommen, die hier wunderbar zart und leicht und ziemlich kitschfrei erzählt werden. (kb)