Am Ende eines Tages stellen Rosa und Bleistift fest, dass heute leider gar nicht mit ihnen gezeichnet wurde – wie schade! Staunend betrachten die beiden das toll zu Papier gebrachte Bild eines blauen Autos, das ohne sie entstanden ist. Ob das wohl fährt? Neugierig springt Rosa in das Bild hinein, um es auszuprobieren. Noch etwas ängstlich hüpft Bleistift hinterher und schon saust das blaue Auto durch die abenteuerliche Welt der Bilder. Farbenfroh und eintönig, schraffiert und lasiert, gepinselt und gestrichelt, minutiös gezeichnet und wild gekrakelt – in diesen collageartigen Tableaus passt alles herrlich oder wird von zwei mutigen Stiften fantasievoll passend gemacht. Und mit Fantasie geht es weiter – immer. (Jana Kühn)
Aus dem Spanischen von Friederike Hofert, w_orten & meer 2024, 415 Seiten, 28 Euro
Spanien, 1939, der Bürgerkrieg ist gerade vorbei, die Protagonist*innen des Romans sind vornehmlich Republikaner*innen, Besiegte. Auf Grundlage von Zeitzeug*innenberichten und in erster Linie aus der Perspektive von Frauen schildert „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ die desaströsen Zuständen in den Gefängnissen, die Willkür, die Gewalt, Krankheiten. Der Roman erzählt aber auch von Zusammenhalt und Schwesternschaft, von kleinen Siegen und großer Treue, erzählt vom Leben der Guerillas in den Bergen und dem Leben der Zurückgebliebenen in der Stadt. Es werden Demütigungen beschrieben, die zu lesen kaum auszuhalten ist. Aber: „Widerstand heißt gewinnen“, so sagt es Tomasa, eine der Inhaftierten. In diesem Sinne ist „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ ein hoffnungsvolles Buch. Tomasa wird irgendwann das Meer sehen, wie sie sich das gewünscht hat. Aber sie wird an den Strand stolpern, weil sie – wie alle, die aus dem Gefängnis kommen – das Laufen erst wieder lernen muss.
Dulce Chacón wollte mit ihren Romanen auch auf die Geschichten derer hinweisen, die nicht auf der Sieger*innenseite standen. „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ erschien in Spanien bereits 2002. (Katharina Bischoff)
Aus dem Französischen übersetzt von Patricia Klobusiczky
AB – Die andere Bibliothek 2025, 288 Seiten, 48 Euro
Ein Roman gegen das Vergessen und Verharmlosen. Schonungslos zeigt er das Innerste eines traumatisierten Menschen, was beim Lesen selten tief berührt und aufrüttelt. Dabei deutet die Autorin sehr klug die erlebten Gräuel der Schoah nur an und konzentriert sich auf das Danach, ob und wie ein Weiterleben möglich ist. Völlig orientierungslos irrt die Protagonistin in „Gepäck aus Sand“ in ihrem Exil durch eine Gegenwart, die sie nicht betrifft. Wie ein antiker Chor kommentieren die Präsenzen ihrer ermordeten Angehörigen unablässig ihr Tun und ihre Gedanken. Sie lassen nicht locker, selbst als sie eine Liaison mit einem älteren Mann eingeht und mit ihm in Südfrankreich versucht, Urlaub zu machen. Weder von diesem Mann noch von nicht verfolgten Verwandten erhält die junge Frau selbstlose Unterstützung. Auch als sie sich am Meer einer Gruppe Kinder anschließt und sich ein paar Momente der Hoffnung andeuten, zerfallen diese. Es gibt für sie kein Entkommen. Patricia Klobusiczky hat für ihre Neuübersetzung dieses Weltliteratur-Romans eine glasklare Sprache gefunden, da sitzt und schneidet jedes Wort. Ich möchte die Lektüre dieses Buchs nicht missen. (Stefanie Hetze) Noch mehr Informationen über die Neuübersetzung
Magdeburg, 1938. Hanna Krause ist Besitzerin eines Blumenladens im Knattergebirge, dem verwinkelten, von Armut und Überleben gezeichneten Arbeiter*innen- und Elbhafenviertel. An ihrem 25. Geburtstag betritt ein Mann den Laden, übergibt ihr die Postkarte eines Stillebens des niederländischen Malers Ambrosius Bosschaert, 50 Mark und den Auftrag, den dargestellten Strauß für ihn nachzubilden. Der Kunde kommt nicht wieder, der Auftrag hingegen begleitet Hanna ein Leben lang. Wie schon in Moskauer Eis, mit dem dieser Roman in ganz enger Verbindung steht, hat Annett Gröschner auf die für sie typische Weise das Dokumentarische mit dem Erzählerischen verschaltet: Jedem Kapitel ist eine Blume dieses Straußes vorangestellt, die dem wechselhaften Leben der Protagonistin eine innere, wie äußere Struktur verleiht. Drei politische Systeme, einen Krieg und zwei Revolutionen später hat Hanna ihren inneren Kompass nie verloren. Aus der Blumenbinderin ist zwischenzeitlich eine Kranführerin geworden und Gröschner versteht sich blendend auf das Spiel mit den harten Kontrasten. In dichten, temporeichen Schritten erzählt sie mit Hanna Krause eine deutsche Geschichte, die mit viel Feingefühl an den richtigen Stellen innehält und die Lasten zum Schweben bringt.
Wäre diese Geschichte nicht so voller Leben, könnte sie fast ein Denkmal sein – für eine Stadt, ein Viertel, die Lebensgemeinschaft des in Trümmern versunkenen Knattergebirges, aber vor allem für eine widerständige Frauenbiographie, die nicht dem Leben trotzt, sondern ohne je Heldin oder Opfer zu sein, trotzdem lebt. (Kerstin Follenius)
Wir laden herzlich ein zur Lesung von Annett Gröschner aus ihrem neuen Roman Schwebende Lasten.
Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert.
wann? Freitag, 11. April um 20 Uhr wo? in der Dante
Soli-Eintritt 8/10/12 Euro
Ticketreservierung unter anmeldung@danteconnection.de, 030 – 615 76 58 oder direkt im Laden.
Annett Groeschner (geb. 1964), Autorin, fotografiert in Berlin-Schöneweide, 12.8.2024
Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, lebt seit 1983 als Schriftstellerinin Berlin. Bekannt wurde sie vor allem mit ihre Romanen „Moskauer Eis“ (2000) und „Walpurgistag“ (2011). Zuletzt erschien bei Hanser ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasster Bestseller „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ (2024). Annett Gröschner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großen Kunstpreis Berlin.
Wie schreiben, wenn die Wörter im Mund zerfallen? Was tun, wenn das eigene Land nur noch für Tod und Zerstörung steht? Die gefeierte russische Dichterin Maria Stepanova stellt gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Olga Radetzkaja ihren 2024 veröffentlichten Roman vor, in dem sich die Lesereise einer Autorin im Exil zur Grenzerfahrung entwickelt: Der Absprung.
Save the date – zur ersten literarischen Soirée NACH T WORT im Obermaier Salon kuratiert von Dunja Funke und Stefanie Hetze.
wann? Samstag, 5. April um 22 Uhr
wo? Obermaier Salon, Erkelenzdamm 17
Einlass ab 21.30 Uhr
Tickets 10 Euro
Reservierung: info@danteconnection.de
info@obermaier-kreuzberg.de
Maria Stepanova, 1972 in Moskau geboren, ist die international erfolgreichste russische Dichterin der Gegenwart. Für ihr umfangreiches lyrisches und essayistisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet. Ihr Prosadebüt Nach dem Gedächtnis (2018) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie lebt zurzeit in Berlin.
Olga Radetzkaja, geboren 1965, studierte Slawistik und Komparatistik. Sie arbeitet als freie Übersetzerin aus dem Russischen und übersetzte u. a. Werke von Viktor Schklowskij, Vladimir Sorokin, Julius Margolin und Maria Stepanova.
Die russische Dichterin Maria Stepanova stellt gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Olga Radetzkaja ihren 2024 veröffentlichten Roman vor, in dem sich die Lesereise einer Autorin im Exil zur Grenzerfahrung entwickelt: Der Absprung.
Save the date – zur ersten literarischen Soirée im Obermaier Salon kuratiert von Dunja Funke und Stefanie Hetze.
wann? Samstag, 5. April um 22 Uhr
wo? im Obermaier Salon, Erkelenzdamm 17
Aus dem Japanischen übersetzt von Paula Weber und Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart, 80 Seiten, 14 Euro, ab 5
Mit einem hinreißenden Blick schaut diese kleine Spitzmaus direkt vom Cover ins Herz ihrer Betrachter*innen. Die japanische Autorin und Illustratorin Akiko Miyakoshi erzählt uns in drei kurzen Geschichten aus ihrem Leben in einer großen Stadt mitten in einem menschlichen Umfeld. Hier gibt es Vintage ohne jeden Schick, dafür mit berückendem Charme: Telefonapparate mit Wählscheiben, Kofferradios, Röhrenfernsehgeräte und Ohrensessel, die Miyakoshi in warmem Licht geschickt in Szene setzt. Die Spitzmaus arbeitet, träumt und verbringt Zeit mit ihren besten Freunden. Alle Tagesabläufe, jede Handlung findet zu festen Zeiten statt. Es scheint kaum Besonderes zu geben, und doch strahlt sie eine in sich ruhende Zufriedenheit aus. Und ebenso unaufgeregt wirken die zahlreichen, mal farbigen, mal schwarz-weißen Illustrationen. Kinder, die es lieben, sich tagtäglich in vertrauten Bahnen und mit kleinen Ritualen durch die Welt zu bewegen, werden sich in diesem Buch bestens zuhause fühlen. In seiner einfachen Sprache, den kurzen Sätzen und dank der vielen Bilder funktionieren die Geschichten zum Vorlesen für Kinder im Kita-Alter, im Grundschulalter wiederum zum ersten Selbstlesen. Enjoy the simple things in life! Diese Spitzmaus zeigt, dass es weder Mut noch Ausnahmetalente zum Glück braucht. (Jana Kühn)
Als die junge Protagonistin Ulli in den 1970er Jahren ihrer Mutter beim Putzen einer österreichischen Dorfkirche hilft, entdeckt sie eine Statue im hinteren Kirchenschiff: Maria, die den Teufel besiegt. Sie ahnt hier schon, was sich auf ihrem späteren Weg bestätigen wird: Nicht nur in der Ausstattung dieser Kirche, in der gesamten Kunstgeschichte ist sie ist eine Frau unter vielen, sehr vielen Männern. Das gilt für Maria, wie auch für die Autorin selbst. 45 Jahre später kehrt die mittlerweile etablierte Dokumentarzeichnerin Ulli Lust in jene Kirche zurück und macht sich von dort aus auf den Weg, diese immer noch unerzählte Geschichte „Der Frau als Mensch“ grafisch freizulegen. Sie beginnt mit einer Führung durch die von Forschung jahrtausendelang ignorierten und missinterpretierten prähistorischen Figurinen. Hier ist die graphic novel gleichermaßen Museum wie kunsthistorisch-anthropologischer Meilenstein, dem ich Standardwerkstatus wünsche. Die Geschichte der Marginalisierung endet bei Ulli Lust jedoch nicht mit der fehlenden weiblichen Perspektive in Forschung, Literatur und Kunstgeschichte. Sie folgt den Linien der Unterdrückung über den afrikanischen Kontinent, von den Anfängen der Hominiden bis zur systematischen und ökonomischen Ausbeutung indigener Kulturen und ihrer angestammten Territorien. Ein Museumsbesuch der besonderen Art – reingehen! (Kerstin Follenius)
„Irgendwann war doch mal alles gut, in irgendeiner versteckten Ecke der Vergangenheit hat es doch verdammt noch mal gefunkelt.“
Lina, fast 30, kommt nach Wildhof zurück, um die bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Eltern zu beerdigen und deren Haus am Fluss zu verkaufen. Ein trauriger Anlass, ein trauriges Haus, ein verwilderter Garten, viel Natur und viele Erinnerungen. Lina will nichts davon, aber die Natur ist mächtig und vertraut und die Erinnerungen sind schön.
Rotzig und seltsam somnambul bewegt sich Lina durch diese Gemengelage, tut, was zu tun ist, trifft auf alte Freund*innen, das ist gut. Und sie sieht sich mit seltsamen Dingen konfrontiert: die Kuckuckuhr – nicht aufgezogen – schlägt, ein moosbewachsener alter Fußball liegt wie neu im Garten, immer wieder sieht sie eine prächtige Rehkönigin im Wald und immer und immer wieder hört sie das Lachen von Luise, ihrer Zwillingsschwester, die verschwand als beide fast 13 waren und die ihr, wie Lina jetzt versteht, eine Botschaft hinterlassen hat.
Ein Buch, das davon erzählt, dass fast immer alles möglich ist. Es zu lesen ist wie ein rauschhaftes langes bittersüßes Fest. (Katharina Bischoff)
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