Antje Damm: Agathe

Moritz 2026, 72 Seiten, 18 Euro
ab 6

Der sechsjährige Vater Antje Damms wünscht sich sehnsüchtig ein Haustier – was er leider nicht bekommt. Also besorgt der schlaue Junge seiner Mutter ein schönes Geschenk: eine Schildkröte. Agathe, wie er sie nennt, begleitet ihn bis ins Erwachsenenalter und wandert schließlich mit in seine eigene Familie, wo sie wiederum Teil von Antje Damms Kindheit wird und im Anschluss die ihrer eigenen Kinder – Schildkröten können sehr alt werden. Agathe ist heute vermutlich um die 80 Jahre. Antje Damm erzählt in einzelnen anrührend wie witzigen Episoden, wie die Schildkröte zum jeweils von allen geliebten Familienmitglied wurde. Gleichzeitig liest sich zwischen den Zeilen ein flammendes Plädoyer für einen respektvollen Umgang mit Haustieren. Das Herausragende an den Geschichten ist in jedem Fall ihre ausgefallene Gestaltung. Im vergangenen Jahr wurde Antje Damm für ihr Gesamtwerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und mit Agathe erleben wir sie auf der Höhe ihrer Kunst. Der schmale Band vereint stilistisch alles, wofür die Künstlerin bekannt geworden ist. Fotocollagen wechseln sich mit Fließtextseiten, Comic Stripes und wimmelbuchartigen Doppelseiten ab. Die Übergänge sind fließend, das Buch in all seiner unterschiedlichen Aufmachung aus einem wunderschönen Guss. (Jana Kühn)

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Yade Yasemin Önder: Anti Müller

Park X Ullstein 2026, 240 Seiten, 23 Euro

Andi Müller heißt das neue Match. Ein One-Night-Stand? Ein neuer Versuch, den letzten Versuch endlich zu vergessen? Ja? Nein? Vielleicht doch endlich eine wirkliche Beziehung? Denn das Anti-Müller-Hormon erlaubt keinen Zweifel: Die biologische Uhr der Ich-Erzählerin Mitte 30 tickt dröhnend. Die Männer in ihrer Welt hören absichtsvoll darüber hinweg. In kunstvollem wie urkomischem Sprachspiel nimmt Yade Yasemine Önder das Debakel von Suchenden auf Dating-Plattformen auseinander, wo Männer wie Frauen in einer Art Hormonchaos zwischen Spätpubertät und Peri Meno und in sehr unterschiedlichen (Un)Entschlossenheiten aufeinander prallen. Abstoßung sowas von vorhersehbar und trotzdem spielen alle mit, sei es aus Verzweiflung oder verinnerlichter Normativität. In dieser Dynamik bekommt bei Önder vor allem der vermeintlich progressiv feministische Kulturbetrieb ordentlich eins auf den Deckel. In manchmal fast genüsslich derben Kalauern, immer jedoch präzisen Setzungen schickt Önder ihre Protagonistin zu Tête-à-Têtes, Theken und Theatern und erzählt ganz nebenbei einen sehr heutigen Berlin-Roman. (Jana Kühn)

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Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens

Galiani 2026, 304 Seiten, 23 Euro

Peggy Mädler hat sich auf ein Experiment eingelassen und durch die Kybernetik auf die Deutsche Geschichte geblickt: Wir folgen einer Gruppe junger Menschen in der DDR der 1960er Jahren, wie sie als erste Nachkriegsgeneration aufbrechen, eine Zukunft, eine Utopie zu verwirklichen. Mit dem Protagonisten Georg, der mit Lochkarten die ersten digitalen Ränder der Planwirtschaft umreißt, mit Mona, einer Künstlerin, deren Aufnahme in den Verband Bildender Künstler wieder und wieder abgelehnt wird – mangels Eignung oder weil ihre Schwester im Westen lebt? – durchlaufen wir die Jahre zwischen Mauerbau und Mauerfall bis ins Jetzt als eine kybernetische Langzeitbeobachtung. Zwischen Berlin und einer Datschensiedlung in der Nähe von Bernau werden wir Teil von Feedbackschleifen, die das Private und das Politische aufs Engste verknüpfen. Selbstregulierung ist bei Mädler allerdings nicht nur kybernetisches oder psychologisches Prinzip einer Systemstabilisierung, es ist stets auch ein poetischer Suchbegriff nach den Ökonomien sozialer Wünsche und Bedingungen. So abstrakt wie der theoretische Hintergrund vielleicht vermuten lässt, ist dieser Roman nämlich gar nicht: In dichten und atmosphärischen Vignetten erzählt Mädler vor allem eine Arbeiter*innengeschichte. Wenn Mona beispielsweise im dunklen Ladenlokal der Friseurin Dorle steht, sie portraitiert und ein Arbeiterinnenleben an uns vorbeiziehen lässt, ist der Roman am stärksten – im Nebeneinander von klugen, systemischen und systemkritischen Beobachtungen und dem Innehalten in Momenten, aus denen das liebevoll gezeichnete Lebensgefühl einer Generation spricht. (Kerstin Follenius)

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Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit

S. Fischer 2026, 160 Seiten, 23 Euro

Eine deutsche Familie wie viele, in denen über die NS-Vergangenheit der Großvätertäter kaum gesprochen wird. Judith Hermann wusste, dass der Vater ihrer Mutter der Waffen-SS angehört hatte und im polnischen Radom stationiert gewesen war, als dort Abertausende Juden ermordet wurden. Auf Nachfragen pendelt ihre alte Mutter zwischen komplettem Verdrängen und blitzartigen Erinnerungen. Vorherrschend ist Schweigen. Mit fast Nichts versucht Hermann, die familiären Leerstellen zu füllen und reist an den Ort der Verbrechen, wo sich der Großvater lächelnd auf einem SS-Motorrad fotografieren ließ. Es ist verstörend. Sie findet keine Beweise für seine Täterschaft, aber ihre Vermutungen erhärten sich. Sie reist zu ihrer Schwester, die ebenfalls mit Abwehr reagiert. Nur in einer untergründigen innerfamiliären Kommunikation kann das Unaussprechliche einen beengten Raum finden. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ erkundet in verschiedenen Konstellationen und Settings, wie in Familien Abgründe beiseitegeschoben werden. In dichten knappen Seiten gelingt es der Autorin, keine eindeutigen Antworten zu geben, aber einen Resonanzraum zu öffnen, sich dem Schweigen und den familiären Tabus zu stellen. Das kratzt, setzt sich fest, hallt nach. (Stefanie Hetze)

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Freitag, 24. April 2026

Wir laden herzlich ein zur Lesung von Andrea Böhm aus Fighting Like a Woman (Rowohlt).

Es ist der mutige Kick einer Frau in die Weichteile eines bewaffneten Mannes während einer Demonstration im Libanon, der dieses Buch initiiert. Andrea Böhm nimmt uns mit auf eine historische Weltreise: Suffragetten in den USA, Luchadoras in Mexiko, Agoije in Benin. Sie folgt keiner Chronologie, sondern mäandert assoziativ entlang von Reiseerinnerungen und Recherchefunden sowie ihrer eigenen Biografie. So lesen wir innerhalb weniger Seiten von den schlagenden Weibern in den Bärengärten Londons im 18. Jahrhundert und den US-amerikanischen Toughman Contests in West Virginia in den 2000er Jahren. Fighting like a Woman ist abwechselnd historisches Sachbuch, weltpolitische Reportage, Reisebericht sowie biografischer Essay.

Wann? Freitag, 24. April um 20 Uhr
Wo? in der Dante
Soli-Eintritt 8 / 10 / 15 Euro
anmeldung@danteconnection.de

Andrea Böhm, geboren 1961, arbeitete über zehn Jahre als Reporterin in den USA und schrieb u. a. für die tageszeitung, Die Zeit und GEO. Seit 2006 gehört sie dem Politik-Ressort der Zeit an, deren Nahost-Korrespondentin sie von 2013 bis 2018 mit Sitz in Beirut war. 2011 erschien ihr Buch «Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo», das für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Montag, 9. März 2026

ENOUGH!GENUG!

GLOBALER FRAUEN*GENERALSTREIK

Wir nehmen als Buchhandlung am 9. März am Globalen Frauen*Generalstreik teil. Wir sagen genug! Mach mit! In diesem Rahmen wird unser Laden als Anlaufstelle und Treffpunkt im Kiez den ganzen Tag geöffnet bleiben.

Stündlich werden solidarisch organissierte Kurzlesungen stattfinden. Texte, die Euch und uns bewegen, die empowern oder zum Nachdenken bringen. Aus unserem Schaufenster werden wir die Lesungen in die Oranienstraße übertragen. Es ist Zeit für ein gemeinsames, laut hörbares Statement – für ein starkes ENOUGH! GENUG! BASTA!

Wann? Montag, 9. März

Es lesen:
11 Uhr – Andrea Böhm
12 Uhr – Team Dante // Stefanie
13 Uhr – Gabriele Koné
14 Uhr – Rinah Lang
15 Uhr – Peggy Mädler & Wenke Seemann
16 Uhr – Melina von Gagern
17 Uhr – Team Dante // Giulia

Wo? in der Dante

Beatrice Fleischlin: my ten favorite way to undress

Zum Abschluss findet die Performance my ten favorite ways to undress  von Beatrice Fleischlin / Jimmy statt. Darin erzählt die Berliner Künstler*in von Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Blick auf Frauen*körper, von chronischer Krankheit und dem Älterwerden. Dabei vollzieht sie zugleich einen Akt der Verletzlichkeit und der radikalen Selbstbestimmung. Die Arbeit versteht sich als widerständiges Selbstporträt und als ein mit den Zuschauer*innen geteilter moment of pleasure.

Die erste Version tourte von 2009-2012. Für die aktuelle Version hat Beatrice / Jimmy die Hitliste weiterentwickelt und an die veränderten Lebensumstände angepasst.

Komplizinnen: Anja Meser, Eva Heller, Anna K. Becker.

Wann? Montag, 9. März um 20 Uhr
Wo? in der Dante

Eintritt frei!

 

 

PERI MENO – eine Ausstellung

Internationaler Frauen*tag in der O45

Rinah Lang PERI MENO

Es sind rund 9 Millionen Frauen, die sich allein in Deutschland in den Wechseljahren befinden. Eine signifikante Bevölkerungsgruppe, die sich im durchschnittlichen Alter von 40-55 Jahren mit körperlichen und emotionalen Herausforderungen auseinandersetzt.

Die Berliner Zeichnerin Rinah Lang setzt in ihrem Sachcomic „Peri Meno“ mit der frühen Phase der Menopause an. In der O45 gibt sie in einer kleinen Ausstellung Einblicke ins Making-of, es gibt ihr druckfrisches Buch und wir feiern mit ihr und uns und euch! Auf dem Weg zur Frauen*tagsdemo am Oranienplatz? Dann kommt vorbei!

Wann? Sonntag, 8. März ab 11 Uhr
Wo? in der O45 – Oranienstraße 45

Eintritt frei

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Sonntag, 8. März 2026

Internationaler Frauen*tag in der O45

Rinah Lang PERI MENO

Es sind rund 9 Millionen Frauen, die sich allein in Deutschland in den Wechseljahren befinden. Eine signifikante Bevölkerungsgruppe, die sich im durchschnittlichen Alter von 40-55 Jahren mit körperlichen und emotionalen Herausforderungen auseinandersetzt.

Die Berliner Zeichnerin Rinah Lang setzt in ihrem Sachcomic „Peri Meno“ mit der frühen Phase der Menopause an. Ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen und Herausforderungen nähert sie sich den gesellschaftsrelevanten Themen wie Gendermedizin, Altersdiskriminierung und Schönheitsideale, hält aber auch Wissenswertes über das Wechselspiel und Veränderung der Hormone und deren Auswirkung auf das Alltags- und Arbeitsleben bereit. Mal schlaflos, mal schwitzend, aber immer mit einer starken, humorvollen Stimme und viel Empathie sich und den anderen 9 Millionen Frauen gegenüber. 

In der O45 gibt Rinah Lang in einer kleinen Ausstellung Einblicke ins Making-of, es gibt ihr druckfrisches Buch und wir feiern mit ihr und uns und euch! Soundtrack der Ausstellung wird in Bild und Ton der tollkühne Song HOT FLUSHES. Auf dem Weg zur Frauen*tagsdemo am Oranienplatz? Dann kommt vorbei!

Wann? Sonntag, 8. März ab 11 Uhr
Wo? in der O45 – Oranienstraße 45

Eintritt frei

Die Ausstellung ist auch am 9. März und im Rahmen von ENOUGH! Globaler Frauen*Generalstreik geöffnet.

 

 

Molly Keane: Das gute Benehmen

Übersetzt von Bettina Abarbanell
Kjona 2026, 336 Seiten, 26 Euro

Selten begeistert ein Buch uns bei Dante alle in gleicher Weise. Das gute Benehmen ist so ein Ausnahmeroman, ein gnadenlos-bissiger Pageturner um eine sehr spezielle Familie und ihre Hausangestellten. Ich-Erzählerin ist Aroon St. Charles, Tochter aus verarmtem anglo-irischem Adel. Groß und kräftigt prescht sie durchs Landleben, isst gerne viel, fährt rasend schnell Fahrrad, reitet ungestüm auch schwierige Pferde. Gerne wäre sie klein, dünn und flachbrüstig, wie es die Mode der Zwanziger vorsieht. In der Zeitung liest sie nur Pferdewetten und Gesellschaftsseiten. Bildung, Musik und Bücher sind im Elternhaus verpönt. Aroons kalte Mutter verweigert jegliche Haus- und Carearbeit, der Vater ist Jäger und ein notorischer Frauenheld. Allein die äußere Fassade zählt. Die Contenance reicht so weit, dass die Mutter selbst als Aroons jüngerer Bruder verunglückt, erst einmal Rosen schneidet  . . .  Meisterlich balanciert Molly Keane aus, wie das unbedingte Festhalten an äußerlicher Etikette Menschen, die eigentlich an ihren desaströsen Lebensumständen verzweifeln müssten, Halt gibt, ihnen aber andererseits jegliche Chance auf ein Glück nimmt. Dreh- und Angelpunkt ist ein queeres, für alle Beteiligten unglückliches Liebesdrama, das die Autorin mit all seinen Konsequenzen kunstvoll ausbreitet. Bettina Abarbanell hat Das gute Benehmen und dessen raffinierte Andeutungen des Unaussprechlichen in eine atemberaubend geschliffene Sprache übertragen. (Stefanie Hetze)

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Raphael Gross, Julia Voss: Natur und deutsche Geschichte

Matthes & Seitz 2025, 248 Seiten, 28 Euro

Was haben die Überfischung des Bodensees im Mittelalter, das langsame Aussterben der Sumpfschildkröte in den Rheinauen und ginsterbepflanzte Böschungen an NS-Autobahnen miteinander zu tun? Diese und viele weitere Fragen nach einem von Geschichte geformten und immer wieder überformten Naturbegriff wirft aktuell (noch bis zum 7.6.26) eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin auf. Begleitend erscheint in der Reihe Naturkunden des Matthes und Seitz Verlags eine Beitragssammlung, die historische Objekte mit neuen kulturhistorischen Selbstbestimmungsversuchen verschränkt. Von der „Grünkraft“ Hildegard von Bingens zur grünen Bürgerbewegung Ende der 1970er Jahre, spannt dieses Buch einen Bogen, der über 800 Jahre hinweg reicht und der Frage nachgeht, was genau wann gemeint und gewollt war, wenn in der Deutschen Geschichte von Natur die Rede war. Dieser weite Betrachtungswinkel führt notwendigerweise zu harten Kontrasten und einigen Unschärfen. Was hier jedoch außerordentlich gut gelingt, ist der enge Schulterschluss von Objekten, Geschichte und ihren Geschichten im Hinblick auf die Deutungshoheit über einen bis heute noch wenig angefassten Begriffes wie Natur. Die etablierten literarischen Verlage scheinen das museale Feld zu betreten. Herausgekommen ist ein Buch für alle, die Ausstellungen auch als literarische Form erkunden wollen. (Kerstin Follenius)

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