Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nancy Mitford
Liebe unter kaltem Himmel
Übersetzt von Reinhard Kaiser

Schöffling 2026, 352 Seiten, 24 Euro

Polly ist eine Bilderbuchschönheit, aus bestem steinreichem Adel und in einem Alter, in dem selbstverständlich eine Eheschließung ansteht. Das findet zumindest ihre Mutter, die despotische Lady Montdore, eine Dame, mit der nicht zu scherzen ist. Ihre ihr ebenbürtige Tochter entzieht sich durch die Heirat mit einem angeheirateten und überdies übergriffigen Onkel den elterlichen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird enterbt, und da taucht ein Cedric auf, der schön wie Polly ist, überhaupt nicht dem englischen Männlichkeitsideal entspricht und nicht nur Lady Montdore verzaubert und verwandelt.
Nancy Mitfords politisch unkorrekter Roman ist ein grandioses Lesevergnügen. Aus der Perspektive der bürgerlich-vernünftigen Erzählerin Fanny, die zwischen Solidarität für ihre Freundin Polly und dem leidenschaftlichen Interesse am Hause Montdore schwankt, werden die Absurditäten der Gebräuche der britischen Aristokratie zwischen den zwei Weltkriegen bissig-genüsslich aufs Korn genommen. Eine Übertreibung reiht sich an die nächste Exaltiertheit. Und dies in einer funkelnden, klaren Sprache, die in der zeitlosen Übersetzung Reinhard Kaisers immer noch schön gemein klingt und nonchalant Themen wie Selbstoptimierung, Gendervielfalt, Queerness berührt. (Stefanie Hetze)

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Eva Menasse: Alleinruhelage

Eva Menasse
Alleinruhelage
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 23 Euro

Eine Frau mittleren Alters entschließt sich, das in den 1990ern erworbene Haus im Brandenburgischen zu verkaufen. Sie selbst stammt aus Österreich und aus diesem Sprachraum stammt auch die Bezeichnung der Alleinruheelage des vereinzelt stehenden Hauses mitten im Wald und nah an einem See. Als sprachliches Bild kann der gleichnamige Titel des Romans ebenso als Beschreibung der mittlerweile allein lebenden und in sich selbst ruhenden Protagonistin verstanden werden. Eine Lebensrückschau beginnt und im Wiederauflebenlassen von alten Geschichten rund um das Haus träumt sich die Erzählerin in ihre Vergangenheit zurück. Menasse bezeichnet sie als „Archäologin einer untergegangenen Familie“ und gleichzeitig steht ihr ein Aufbruch bevor. Episodenhaft streift sie mit kritischem wie (selbst)ironischem Blick durch das persönlich Erlebte und führt gleichermaßen durch die von außen betrachtete deutsch-deutsche Geschichte, vor allem die Nachwendezeit, ohne jedoch einer Chronologie zu folgen. Elternschaft, Nachbarschaftsnöte, Stasi, Kindheitserinnerungen, Liebeslagen, Rasenpflege, Bürokratie, Borkenkäfer. Vermeintlich plaudernd, lotet Menasse dieser Art Diskurse voller historischer Brisanz und großer politischer Aktualität aus. Wer einen handlungsgetriebenen Roman sucht, wird mit Menasses mäandernder Erzählerin sicher nicht glücklich. Alle anderen dürfen sich in ihrem klugen und stilistisch ausgefeilten Gedankenstrom von Höckchen zu Stöckchen treiben lassen und einfach genießen. (Jana Kühn)

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Caryl Lewis : Wenn die Bienen schweigen

Caryl Lewis
Wenn die Bienen schweigen
Übersetzt von Anu Stohner
dtv, 304 Seiten, 18 Euro
ab 14

Ein hoch umzäuntes Barackenlager mitten in der menschenleeren, verdorrten Ödnis. Mehrere hundert Mädchen leben hier, beaufsichtigt von sogenannten Müttern, bewacht von männlichen Soldaten. Als die 13 jährige Jess eingeliefert wird, entlarvt sie ihr kurzes Haar, das eigentlich nur verheiratete Frauen tragen dürfen, unmittelbar als Aufsässige. Ihre Mutter hatte versucht, die Tochter so lange wie möglich “als Junge” vor eben solchen Lagern zu schützen. Jeden Morgen bringen endlose LKW-Kolonnen die Mädchen zu Obstplantagen, wo sie wie emsige Bienen die Blüten per Hand mit Pinseln bestäuben. Mit der ersten Periode wird ihnen in einem öffentlichen Akt das Haar kurz geschnitten und sie werden mit einem genetisch passenden Mann zwangsverheiratet – das Weibliche als Arbeits- und Gebärmaschine. Es ist ein absolut dystopisches Szenario, das sich die preisgekrönte walisische Autorin, Dramatikerin und Drehbuchautorin Caryl Lewis für ihren packenden Jugendroman erdacht hat. Dabei erinnern Setting wie feministischer Erzählton nicht von ungefähr an literarische Klassiker von Magret Atwood oder Jacqueline Harpman. Zudem verortet ihr eindringliches Nachwort die Aspekte der Climate Fiction mit glasklaren Fakten in unserer schon heute brennend aktuellen Realität. Ihre Protagonistin stattet Lewis dafür in großer Zuversicht mit viel Mut und der Macht der Fantasie aus. Ihr leiser, kreativer Akt der Rebellion weckt schließlich den Mut der anderen Mädchen und verbindet sie kraftvoll miteinander für einen Aus- und Aufbruch. (Jana Kühn)

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Eka Kurniawan: Bellende Katzen


Übersetzt aus dem Indonesischen von Sabine Müller
Unionsverlag 2026, 154 Seiten, 22 Euro

Sato Reang ist ein Lausbub im besten Sinne. Fröhlich, lebhaft, neugierig – und mit dem zweifelhaften Talent gesegnet, Ärger geradezu magisch anzuziehen. Gleichzeitig ist Sato der Sohn eines Vaters, der sich nicht nur ein frommes Kind wünscht, sondern eines will. Und fromm zu sein bedeutet in des Vaters Augen: fünf Mal am Tag in die Moschee zu gehen, abends im Koran zu lesen, gottesfürchtig zu sein und eben keinen Ärger zu machen. Weil Sato den Ärger aber anzieht (oder umgekehrt), folgen viele Demütigungen und Strafen, die sich tief in Satos Körper und Denken einschreiben.
Sato ist sieben, als er beschließt, kein frommes Kind sein zu wollen und 16 – der Vater ist gerade gestorben – als er immer wieder zu weit geht. Aus dem süßen Lausbub ist ein gemeiner, ungerechter Junge geworden, den nun selbst andere demütigt. Und zu dem Gefühl von Wut und Verletzung gesellen sich Schuldgefühle, die sich nun ihrerseits in Satos Körper einschreiben.
Eka Kuriawan ist mit „Bellende Katzen“ eine furiose, witzige und wütende, manchmal verstörende Coming-of-Age-Erzählung über Rebellion, Gewalt, Schuld und die schwierige Suche nach einem eigenen moralischen Kompass gelungen, von Sabine Müller mit großer Leichtigkeit ins Deutsche übersetzt. (Katharina Bischoff)

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Sonntag, 27. September 2026

Žemaitė (1845-1921) wurde in eine polnischsprachige kleinadlige Familie in der westlitauischen Zemaitija geboren (nach der sie ihren Kunstnamen wählte) und fühlte sich zeitlebens dem einfachen Landleben nahe. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie einen Litauer, einen ehemaligen Leibeigenen. Mit fast 50 Jahren begann sie auf Litauisch zu schreiben: Geschichten über meist bäuerliche Frauenschicksale. Das Kopftuch nahm sie aus Solidarität mit der Landbevölkerung nie ab: Es wurde zum ikonischen Signum ihrer Erscheinung. Über soziale Verhältnisse und politische Umbrüche hinweg setzte sie sich für die Verbesserung der Lage der Frauen und eine Modernisierung der Gesellschaft ein. Ihre Prosa ebenso wie ihre erstaunliche Autobiographie verfasste sie in mündlichem Ton, auf Litauisch mit zemaitischem Gepräge und polnischen, weißrussischen, russischen, jiddischen und deutschen Einflüssen.

Das Salon-Team: Gastgeberin Dunja Funke, Buchhändlerin Stefanie Hetze und die musizierenden Schauspieler:innen Mariel Jana Supka und Olaf Helbing – begleitet die Gäste. Für Bücher sorgt die Dante, für Getränke und Imbiss das Obermaier.

Wann? Sonntag, 27.9. um 12 Uhr
Wo? Obermaier Restaurant – Salon
Erkelenzdamm 17 – 10999 Berlin

Eintritt 10 Euro
Reservierung
info@obermaier-kreuzberg.de
info@danteconnection.de

Donnerstag, 3. September 2026

Seit Jahren verschiebt sich in Deutschland das politische Klima. Ein spürbarer Rechtsruck prägt Debatten, Wahlkämpfe – und den Alltag.
Was einst am Rand stand, rückt zunehmend in die Mitte: offene Remigrations-Sympathien im Kollegenkreis, AfD-Parolen am Gartenzaun, Verschwörungserzählungen beim Elternabend. Die Soziologin und Journalistin Jana Glaese fragt, was es mit uns macht, wenn politische Spannungen unser Zusammenleben durchziehen – und wie wir im Privaten, im Beruf oder im Verein darauf reagieren können.

Anhand zahlreicher Gespräche und Beobachtungen zeigt das Buch, welche Umgangsformen Menschen wählen, um in einer polarisierten Gesellschaft kritisch und verbunden zu bleiben: wie Dialog möglich ist, wann Widerstand nötig und wo dieser gerade aus der Nähe erwachsen kann. Ein klarsichtiger, tief recherchierter Beitrag zur Frage, wie wir im täglichen Miteinander der sozialen Entfremdung entgegenwirken und demokratische Prinzipien bewahren.

Jana Glaese „Mit Rechten leben“
Wann? Donnerstag, 3.9. um 19 Uhr
Wo? Mitteleuropa

DieDante bringt die Bücher mit. 📚

Donnerstag, 10. September 2026

Giuseppina Rigatoni ist Mitte fünfzig, unterrichtet Regie an der Filmuniversität und hofft darauf, endlich selbst wieder einen Kinofilm drehen zu können. Das damit einhergehende Umgarnen von Funktionär*innen und Filmstars, die sie gewinnen muss, damit ihr Filmprojekt realisiert wird, löst zunehmend Widerstände in ihr aus. Nichtsdestotrotz fliegt sie nach London, Paris und Venedig und lächelt auf Filmpartys gegen ihren inneren Impostor-Chor an.
Der plötzliche Tod ihres Vaters, der als einer der ersten so genannten Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war, konfrontiert sie nach Jahren der Verdrängung mit ihrer Familien geschichte. Ohne die Sprache zu können, kämpft sie in seinem süditalienischen Bergdorf mit der Bürokratie, während sie weiter hin versucht, ihren Film auf die Beine zu stellen. Zum Glück ist Anouk an ihrer Seite, die Liebe ihres Lebens und ihr Zuhause. Nur warum trifft Anouk sich ständig mit dieser Melanie?

Angelina Maccarones Romandebüt beeindruckt mit seiner leichten und klaren Erzählstimme und dem lakonischen Humor ihrer krisengeschüttelten Heldin Giuseppina, die sich einem Familiengeheimnis stellt und zugleich Einblicke in die vermeintlich so glamouröse Filmwelt gewährt.

wann? Donnerstag, 10.9 um 20 Uhr

wo? in der Dante

Soli-Eintritt 8/10/15 Euro

Angelina Maccarone schrieb Songtexte für Udo Lindenberg und andere, bevor sie sich einen Namen als Drehbuchautorin und Regisseurin machte.
Ihre Filme gewannen diverse Auszeichnungen. Sie schrieb und inszenierte drei „Tatorte“ und einen „Polizeiruf“. Ihr Dokumentarfilm „The Look“ über Charlotte Rampling war 2012 für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Mit Hape Kerkeling und Angelo Colagrossi entstand der Film und das Buch „Ein Mann, ein Fjord“ und mit Carolin Emcke produzierte sie die Social Spot Kampagne „Tolerant? Sind wir selber“. Von 2014 bis 2025 war Angelina Maccarone Professorin für Regie an der Filmuniversität Babelsberg.
„Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in“ ist ihr Romandebüt.

Laura Wittner, Sebastián, Ilabaca (Illustr.): Eine wundersame Wanderung

Übersetzt von Nicolas Baier, Bohem, 40 Seiten, 20 Euro
ab 3

Der Sommer ist da mit herrlichem Wetter und so heißt es wiedereinmal: Auf in die Berge! Doch die Begeisterung dafür ist nicht bei allen Familienmitgliedern gleich groß. Der Vater und die jüngere Tochter lieben die Bewegung, die Anstrengung und die Aufregung der Naturentdeckungen beim Wandern. Der ältere Sohn wiederum hat dafür sein ganz eigenes, vor allem ganz anderes Tempo. Entschleunigt und voller Muße für die kleinen Details lässt er sich treiben, pausiert ausgiebig und genießt einfach das Draußensein. Am Ende des Tages hatten alle eine außergewöhnliche Begegnung mit einem Fuchs – jede*r auf seine Art. Mit viel Liebe zum Detail und großer Genauigkeit fängt Sebastián Ilabaca auch die leisen Natur- wie Gemütsstimmungen ein. Eine wunderschöne Einstimmung für den nächsten Ausflug, die kommende Reise! (Jana Kühn)

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Martin Muser: Leimboy

Carlsen 2026, 240 Seiten, 14 €
ab 14 

Als der 18jährige Robert mit dem Transitzug nach West-Berlin fährt, steht die Mauer noch, WG-Zimmer kann man im Tip für 180 Mark finden und die Garage am Nollendorfplatz verkauft Second Hand Klamotten zu Kilopreisen. Es ist 1987 und Robert sucht nach etwas, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein könnte, so lange es nur weit genug weg von seinem süddeutschen Vorortelternhaus geschieht. Dass ihm „das mit der Liebe“ bereits im Zug passiert, bemerkt er erst viel später, als er über eine arglose Jobsuche zufällig in die Ausbildung zum Tischler gestolpert ist. Irgendwo in der Nachbarschaft brennt Bolle, während in der Tischlerwerkstatt ein Chef sein Nachkriegstrauma mit Alkohol betäubt. Martin Muser führt uns mit seinem Antihelden Robert in ein Berlin, das parallel zu dem glorifizierten Punk der 80er Jahre passiert. Wieder einmal gelingt es diesem begnadeten Erzähler all das Glück, das Elend und den Witz eines nicht perfekten Alltags in Figuren zu gießen, die gleichermaßen berühren wie in Erinnerung bleiben. Ein Berlin-Roman, ein Bartleby der 1980er, für alle, die es erlebt haben und jene, für die es Geschichte ist. (Kerstin Follenius)

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Anne Berest: Vatertage

Übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner
Berlin Verlag 2026, 448 Seiten, 25 Euro

Eine unspektakuläre Geschichte, die es in sich hat. Anne Berests wortkarger Vater lebte für die höhere Mathematik und theoretische Problemstellungen. Häusliche Nähe und Familiengespräche interessierten ihn nicht. Seine Frau, selbst Wissenschaftlerin, managte alles und sicherte ihm „dolmetschend“ seine Privatsphäre. Doch etwas teilte er mit seinen Töchtern: seine Liebe zum Finistère (so der Titel im französischen Original), seiner rauen bretonischen Heimat. Die Bretagne bildet das Fundament für Berests literarisch-historische Spurensuche der väterlichen Familienlinie. Über ein Jahrhundert französische Geschichte von unten, aus der Perspektive ihrer bretonischen Vorfahren, erzählt sie. In kurzen Kapiteln schreibt sie vom Leben in der Provinz, dem Aufbegehren gegen die Pariser Vorherrschaft, gegen die Nationalsozialisten, vom Aktivismus in den 68ern, der Frauen- und Schwulenbewegung. Aber auch vom Aufstieg durch Bildung, von den persönlichen Liebes- und Lebensgeschichten ihrer Angehörigen. Ein Schatz, vier Tagebücher ihres Großvaters, lässt sie tief in deren Vergangenheit eintauchen, manch im familiären Schweigen Verborgenes tritt so zutage. Auch wenn Sprachlosigkeit das reale Vater-Tochter-Verhältnis dominierte, verwandelt Anne Berests Sprachkunst das Porträt ihres Vaters in eine facettenreiche kritische Liebeserklärung an ihn und schreibt gleichzeitig ihre spannende, berührende Mikrogeschichte nach der Postkarte fort. (Stefanie Hetze)

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