„Meine Großeltern haben ab den 1980ern die DDR dekoriert.“ Doch Vorsicht: In diesem rasant und sehr persönlich erzählten Buch geht es um weitaus mehr als nur Dekoration. Aron Boks Großvater, ein Elektriker mit Angst vor Starkstrom und einer systemfremden Vorliebe für italienisches Lampendesign, entwirft nicht nur DIE Lampe in Erichs Lampenladen, dem Palast der Republik. Er und seine Frau gründen in ihrer Garage in Wernigerode ein livestyle startup avant la lettre. Ein überraschender und sehr unterhaltsamer Einblick in die jüngere Deutsche Geschichte! (kf)
Aron Boks: Starkstromzeit, HarperCollins 2025, 192 Seiten, 22 Euro

In Ungebetene Gäste wirft Ayelet Gundar-Goshen einen scharfen wie unerschrockenen Blick auf die israelische Gesellschaft, lotet die Mechanismen von internalisierten Rassismus aus und verfolgt präzise die feinen Verschiebungen zwischen Schuld und Unschuld. Die Unachtsamkeit einer jungen Mutter führt zum Tod eines Teenagers, ihr Schweigen dazu, dass ein arabischer Arbeiter unschuldig für diesen Tod verantwortlich gemacht wird. Psychologisch nuanciert und mit großem Gespür für die Macht des Verschweigens erzählt der Roman von der zerstörerischen Energie eines einzigen Geheimnisses. (kb)
Auf nach Gran Canaria mit Thorsten Nagelschmidt – nie wieder Weihnachten in Deutschland! An seiner Seite erkunden wir ein wenig die Insel, beobachten schrullige Hotelgäste, bingewatchen Sopranos, erinnern uns an Weihnachten in Familie und erfahren das eine oder andere historische Detail zum wichtigsten Fest der Deutschen. Wie in einem cineastischen Essay treffen autobiografisches Erzählen und kulturgeschichtliche Dokumentation aufeinander. Und natürlich geht es immer wieder um Musik. Gut gemixt ist der Text sowieso, es gibt ihn aber sogar vertont, denn zusammen mit Musiker Lambert wurde „Nur für Mitglieder“ zum groovigsten Hörbuch, das je auf Ohren tanzte – bei uns mit signierten Ausgaben. (jk)
Zehn Räder, vier Motoren & 18.500 Pferdestärken – das klingt wirklich nach einem fantastischen Bus! Und einen solchen braucht es auch, denn im Hafenviertel von Ahnstar City ist große Verzweiflung ausgebrochen. Alle Häuser sollen abgerissen werden und der kleine Timo ist schwerkrank. Was also hält Taku und seine Nachbarn noch in der industrieverräucherten Stadt, wenn es im fernen Land Balanka eine sagenumwobene Safran-Lilie geben soll, die alle Krankheiten heilen kann? Eine turbulente Reise beginnt, sensationell abenteuerlich und ein buchstäblich riesiger (Vor)Lesespaß! (jk)
Sister Deborah ist Prophetin – aus Amerika nach Ruanda gekommen, irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als nicht mehr die Deutschen, aber noch die Belgier das Land für sich beanspruchten. Sie verkündet das Königreich der Frauen, ruft zum Streik auf, wird der Hexerei beschuldigt und vielleicht, so heißt es, ist sie von den Toten wieder auferstanden. Ausgehend von dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte entfaltet Mukasonga eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Patriarchat, Rassismus und Missionierung. Ein sprachmächtiges, fulminant-feministisches Feuerwerk! (kb)
Alan Bennett kann es einfach perfekt. In kurzen Umrissen Menschen und all ihre Absonderlichkeiten einzufangen, dabei mixt er eine Prise Boshaftigkeit mit einem Schuss Aberwitz. Schauplatz ist ein elitäres britisches Altersheim, das alles andere als ein ruhiger Hafen ist. In der zweiten Geschichte gibt Bennett Einblicke in seine eigene Gedankenwelt als alter schwuler Schriftsteller. Grandios. (sh)
Carlo Collodis Geschichte einer vorwitzigen, kleinen Holzpuppe, die kaum in der Welt, diese schon wagemutig erkundet, ist sicher wohl bekannt. Imme Dros hat den großen Klassiker aus Italien für Kinder von heute zugänglich nacherzählt, und Carll Cneut hat ihn wunderschön, geradezu altmeisterlich illustriert. Mal skizzenartig, mal in malerischen Bildfindungen von großer Kunst wird die märchenhafte Erzählung zum prächtigen Sammlerstück, das auch Kinderherzen höher schlagen lassen wird.
Berühmt ist Therese Giehse für ihre Mutter Courage bei der Züricher Uraufführung, Furore machte sie beim mutigen politischen Kabarett Die Pfeffermühle. Aber wer kennt ihre Lebensgeschichte? Sie selbst hat über ihre Person kein Aufhebens gemacht, war auf der Bühne omnipräsent, im Privatleben zurückhaltend: „Ich bin ein alleiniger Mensch.“ Mit tiefem Respekt, historischer Akribie und in warm-dunkel gehaltenen Aquarellfarben nähert sich Yelin in ihrer pointierten Graphic Novel der Giehse an, erfahren wir von ihren Kämpfen als armes jüdisches „nicht schönes“ Mädchen, das Schauspielerin werden wollte, ihrer Karriere, der NS-Verfolgung, ihrer Arbeits- und Liebesbeziehung zu Erika Mann, ihrem erzwungenen Exil, aber vor allem ihrer außergewöhnlichen Hingabe an ihren Beruf. Großer Applaus für diese außergewöhnliche Künstlerinnenbiografie! (sh)
Dieses bildgewaltige und farbenfrohe Wimmelspielbuch ist Geschichte, Abenteuer und Spiel zugleich. Carp City aufzuschlagen ist wie durch ein Portal zu treten: überall geschieht hier etwas. Man kann einfach zusehen oder sich hinein wagen in das Treiben dieser Stadt. Über kleine Szenen gerät man tiefer in die Geheimnisse dieser Gemeinschaft, wird auf Erkundungstouren geschickt, kann Rätsel lösen oder Gegenstände sammeln, die an anderer Stelle vielleicht wichtig werden. Ein Lesespielspektakel für die ganze Familie. (kf)
Als im Rostock der 1960er und 1970er Jahre neue Stadtviertel wie Groß Klein und Lichtenhagen entstehen, passiert deutlich mehr, als dass nur neuer Wohnraum erschlossen wird. Eine andere Form des Zusammenlebens nimmt Gestalt an – baulich, gesellschaftlich, privat. In Collagen und kurzen biographischen Erzählfragmenten setzt die Künstlerin Wenke Seemann sich auseinander mit Fotografien dieser Zeit, den Raum- und Bildordnungen der Moderne. Ein Buch nicht nur über den Aufbau sozialer Utopien sondern auch über das biographische Potential des Dokumentarischen. (kf)