Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag 2017, 640 S., € 26,00

Ulitzkaja_Ljudmila_Jakobsleiter_Danteperle_Dante_ConnectionEin sehr persönliches Buch und auch wieder nicht. Jahrelang ließ Ljudmila Ulitzkaja die Liebes- und Ehebriefe ihrer Großeltern ungelesen in einer Mappe, scheute sie sich, den Geheimnissen ihrer Familie ins Auge zu sehen. Als sie sich endlich überwand und die jahrzehntelange Korrespondenz las, die von inniger Liebe, großem Zerwürfnis und kleinen familiären Ereignissen in wuchtigen Zeiten von Revolution und Totalitarismus zeugt, war die Idee zu ihrem Roman geboren.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten, noch aus zaristischen und bis aus der Gegenwart, erzählt sie in Jakobsleiter, was unter den heftigen gesellschaftlichen Verhältnissen aus der schwärmerischen Liebe eines intellektuell-künstlerischen Paares und ihren Nachfahren wurde. Sie umspannt dabei ein ganzes Jahrhundert, schreibt von Armut, Verbannung, Stalinismus, von Alltag, Arbeit, Zusammenleben, von Theater, Musik, Wissenschaft und entwirft den intimen und ebenso allumfassenden Kosmos einer russischen Familie, die einem beim Lesen ungemein nahekommt. (Stefanie Hetze)

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Elvira Dones: Hana

Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Mit einem Nachwort von Ismail Kadare. Ink Press 2016, 252 S., € 19,00

(Vergine giurata, Feltrinelli 2016, €13,50)

 

In den Bergen im Norden Albaniens herrscht auch in kommunistischen Zeiten eine archaische Welt, in der die Geschlechterrollen fest zementiert sind. Für Frauen gibt es gar keinen Bewegungsraum. Nur wenn sie Jungfrau sind und ganz ihrem Geschlecht entsagen, können sie übertreten und als Mann lebend männliche Rechte erwerben. So bestimmt es das Gewohnheitsrecht Kanun.

Um für ihren schwerkranken Onkel Medikamente aus der Stadt besorgen zu können und einer Verheiratung zu entgehen, bleibt der jungen Hana keine andere Wahl, als einen Schwur abzuleisten und äußerlich zu einem Mann zu werden. Blitzschnell verwandelt sie sich in den fluchenden, trinkenden LKW-Fahrer Mark, der sich vor allem und jedem abschottet. Die literatur- und männerliebende Hana bleibt tief in ihrem Inneren verborgen. Erst viele Jahre später kann Mark über den Umweg des amerikanischen Exils versuchen, wieder zu Hana zu werden, das bedeutet zu einem begehrenden und begehrten komplexen Menschen. Das gestaltet sich alles andere als leicht. Um so erstaunlicher, wie mühelos und bravourös die Autorin diesen Prozess mit ihrem im Original auf Italienisch geschriebenen Roman beschreibt. Ein großes Lesevergnügen, das sehr zum Nachdenken über Gender anregt. (Stefanie Hetze)

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Yaa Gyasi: Heimkehren

Aus dem Englischen von Anette Grube, Dumont Verlag 2017, 416 Seiten, € 22.

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Mitte des 18. Jahrhunderts werden im heutigen Ghana zwei Schwestern geboren: Effia und Esi. Ihre Lebenswege werden sich nie kreuzen. Präziser ließe sich von Leidenswegen sprechen, denn, noch fast ein Kind, wird die eine mit dem britischen Gouverneur verheiratet; die andere wiederum entführt und als Sklavin weit über den Atlantik in „die Hölle“ verkauft. Diese, jede auf ihre Weise unfassbar brutalen Szenarien sind der Ausgangspunkt für Yaa Gyasis fesselnd wie erschütternd erzählte Familiensaga, die den Bogen bis in die heutige USA und zurück an die Küsten Ghanas spannt. In eindrücklichen Episoden verfolgt Gyasi beide Familienstränge und porträtiert dabei Menschen im Hadern an den diskriminierend rassistischen Verhältnissen und dennoch zähem Kämpfen um das kleinste bisschen Menschenwürde. Gyasis beachtliche historische Recherche öffnet einmal mehr die Augen für postkoloniale, heutige Verhältnisse. Aber vor allem ist Heimkehren ein großartiges Stück Literatur, dessen Figuren nie nur als Stellvertreter ihrer Zeit funktionieren, sondern als detailliert liebevoll und plastisch beschriebene Charaktere tief berühren und lange in Erinnerung bleiben werden. Ein hartes, ein sprachlich dunkel funkelndes, ein sehr empfohlenes Buch! (Jana Kühn)

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Tipp 1) Zur selben Thematik und quasi gleichzeitig ist bei Hanser der Roman The Railroad Underground von Colson Whitehead erschienen – lesen Sie bitte unbedingt beide!

Tipp 2) Yaa Gyasi liest am 12. September auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin.

Anne Brouillard: Der große Wald

Aus dem Französischen von Julia Sübrich, Moritz Verlag 2017, 80 Seiten, € 19, ab 6.

Brouillard_Der_große_Wald_DanteConnection_DanteperleDie Autorin und Illustratorin Anne Brouillard entführt uns in den großen Wald, eine geheimnisvolle Landschaft im fernen Land der Fantasie: Chintia. Dort beginnt eine abenteuerliche Reise damit, dass der Hund Killiok den roten Zauberer Varin von Drunter vermisst. Mit seiner Freundin Veronika macht er sich auf die Suche nach dem zaubernden Freund. Keine leichte Aufgabe, denn im Großen Wald wartet so manche Überraschung. Vermisste Mooskinder, fliegende Sahneschläger und düstere Schwarzmäntler sind nur wenige Details der schier überbordenden Fantasie der Belgierin. Brouillard wechselt zwischen großzügigen Illustrationen, längeren Textstrecken und Comicstripes, wodurch auch für ganz unterschiedlich alte Kinder ein gemeinsames Vorlesevergnügen entsteht. Ebenso ungewöhnlich wie diese Form ist der traumverloren anmutende Stil der Belgierin. Mit dem detailgetreuen Kartenmaterial und den gezeichneten Zeitungsausschnitten betont sie die unzweifelbare „Echtheit“ ihrer märchenhaften Welt, die Kinder  begeistern wird – auch und gerade in ihren fast gruseligen Momenten. (Jana Kühn)

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Caroline Eden, Eleanor Ford: Samarkand

Kulinarische Erlebnisse entlang der Seidenstraße. Aus dem Englischen von Elke Homburg, Hölker Verlag 2017, 224 S., € 24,95

Samarkand_Danteperle_DanteConnectionSamarkand – sagenumwobene Stadt der Gewürzhändler, Oasenstadt inmitten der usbekischen Steppe, Treffpunkt der unterschiedlichsten Kulturen. Dieses neben den Rezepten auch mit kurzen kulinarkulturellen Beiträgen und suggestiven Fotos ausgestattete Kochbuch lädt ein, die imponierenden Weiten Zentralasiens mit dem Gaumen zu erkunden. Und so fremd-faszinierend, wie das Gebiet zwischen Georgien und Tadschikistan dem westlichen Besucher anmutet, sind auch die Geschmacksexplosionen der enthaltenen Rezepte. Zubereitung und Zutatenliste überfordern den mäßig erfahrenen Hobbykoch nicht, und begeistern doch immer wieder im Resultat. Wer frische Kräuter, getrocknete Früchte, Nüsse und Granatäpfel liebt, wird mit diesem Buch glücklich werden. (Syme Sigmund)

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José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. C.H. Beck Verlag 2017, 197 S., € 19,95

Agualusa_José_Eduardo_Eine_allgemeine_Theorie_des_Vergessenes_Dante_Connection_Buchhandlung_BerlinDiese Frau hat es offensichtlich gegeben.  Am Vorabend des angolanischen Bürgerkriegs mauert sich die Portugiesin Ludovica, nachdem sie in Notwehr einen Einbrecher erschossen hat, komplett in ihrer Hochhauswohnung in Luanda ein. Fast dreißig Jahre lebt sie von einer Hühner- und Gemüsezucht auf ihrer Dachterrasse und fängt in ihrer Not Tauben. Abgeschnitten von der Welt, bald hat sie keine Batterien mehr für ihr Radio, notiert sie ihre Erinnerungen, Träume und Reflexionen in einem Tagebuch. Als ihr das Papier ausgeht, beschreibt sie mit komprimierten Gedichten die Wände ihres selbstgewählten Gefängnisses. Nur von fern, ihrer Terrasse, beobachtet sie, was draußen vor sich geht. Auch in der Außenwelt ist alles in Aufruhr, geraten Täter und Opfer, Revolutionäre und Unpolitische, Profiteure und Gegner aneinander. Ihre Stimmen mischt Agualusa eindrücklich mit dem Innenleben der isolierten Frau und verdichtet sie zu einem hochintensiven spannenden Roman, der nachempfinden lässt, was es heißt, wenn ein Land um Unabhängigkeit ringt. (Stefanie Hetze)

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Silke Schlichtmann: Bluma …

… und das Gummischlangengeheimnis, Hanser 2017, 176 Seiten, € 12, ab 8

Schlichtmann_Moeltgen_25701_MR.inddEs beginnt mit einer 5 in Mathematik, der Wunsch-Adoption eines Labradors und einem abgebissenen Gummischlangenkopf. Und dabei  wollte Bluma doch eigentlich nur allein ein kniffliges Problem lösen. Eigentlich. Aber alles geht schief. Erst hört keiner zu, dann macht sie etwas ziemlich Dummes und schließlich kann sie auf keinen Fall mit jemand darüber reden – oder doch?! Mit großem Feingefühl erzählt Silke Schlichtmann von Blumas liebenswertem Chaos‘ Marke Eigenbau, das sie mit viel Ideenreichtum und der einen oder anderen Notlüge geradezu filmreif verschlimmbessert. Dass es einige Missverständnisse gibt, macht die Sache nicht gerade einfacher. Freundschaft & Familie, Lüge & Wahrheit, Vertrauen & Verrat – bei all diesen Schwergewichtsthemen findet Silke Schlichtmann stets einen sowohl einfühlsamen wie humorvollen Ton, um von Blumas Nöten zu erzählen. Die erfrischend anders, in schwarz-roter Tusche und Farbstiften gezeichneten Illustrationen von Ulrike Möltgen runden dieses Kleinod stilistisch ab. (Jana Kühn)

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John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

Aus dem Amerikanischen von Alex Capus. Blumenbar 2016, 141 S., € 16

Fante_1933_Danteperle_DanteConnectionDominic Molise ist 17 Jahre alt, klein, schüchtern, hat schiefe Zähne und ist italienischer Herkunft. Er lebt in einer kleinen Stadt in Colorado. Nichts an ihm ist besonders außer sein linker Arm, der einen großen Traum nährt: Dominic möchte nach Kalifornien gehen, um Baseball-Star zu werden. Schade, dass zwischen ihm und diesem Wunsch seine Eltern stehen, die sich Sorgen um seine Zukunft machen und ihn lieber als Mitarbeiter im Familienbetrieb sähen.

John Fante hat einen Bildungsroman vom Feinsten geschrieben, in dem Hoffnung, Enttäuschung, aber vor allem die Träume eines ganz normalen Jungens im Mittelpunkt stehen: Diese unspektakuläre Geschichte erzählt er in seinem üblichen leisen Ton, in einer Sprache, die einfach bedeutungsvoll wie wenige ist. 1933 ist ein kompakter, schneidender, zärtlicher Roman, der ein prächtiges Finale hat, und der einen wichtigen, zu oft vergessenen Autor in seiner besten Form zeigt. (Giulia Silvestri)

 

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Hendrik Otremba: Über uns der Schaum

Verbrecher Verlag 2017, 277 S., € 22,-

Otremba_Über_uns_der_Schaum_Danteperle_DanteConnectionEs steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)

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Graham Swift: Ein Festtag

Aus dem Englischen von Susanne Höbel, dtv 2017, 142 S., € 18,00

Swift_Graham_Ein_Festtag_Danteperle_Buchhandlung_Dante_ConnectionIn einem England, in dem die Reichen die ersten Autos fahren, sich aber nur weibliches, da billiges Personal leisten, nutzen die Hausangestellte Jane und ihr Geliebter Paul, Sohn wohlhabender Eltern, die Gunst der Stunde. Am Mothering Sunday, dem Tag, an dem Dienstmädchen in ein paar freien Stunden ihre Mütter besuchen sollen und Pauls Eltern sich mit den Eltern seiner Verlobten treffen,  verbringen die zwei ungleichen Geliebten erstmalig Zeit bei ihm zu Haus. In seinem Zimmer, in seinem Bett, die Fenster sind weit geöffnet. Der geschenkte Vormittag beschert den beiden Liebenden Momente auf Augenhöhe, die die inzwischen 90 Jahre alte und berühmt gewordene Schriftstellerin Jane als Gedanken- und Inspirationsquelle ihr Leben lang begleiten. Raffiniert verzahnt Graham Swift das folgende dramatische Geschehen mit Janes Schicksal, ihrem Innenleben und Entwicklungen in der englischen Klassengesellschaft, und dies auf wunderbar knappen 140 Seiten. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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