Dilek Güngör: Ich bin Özlem

Verbrecher Verlag 2019, 157 S., € 19,-

IchBinÖzlem„Ich bin Özlem.“ Wenn sie sich mit diesen Worten in einer neuen Runde vorstellt, weiß die als Kind türkischer Einwanderer Geborene, dass ab sofort, ungewollt und unaufgefordert ihre Herkunft mit ihr im Raum steht, bzw. das was sich ihr Gegenüber darunter vorstellt. Meist beeilt sie sich noch den Satz, dass ihre Eltern aus der Türkei kommen, hinterherzuschieben. Dass sie Berlinerin ist, Ehefrau, Mutter zweier Kinder, Deutschlehrerin usw. beschreibt scheinbar einen deutlich kleineren, unwichtigeren Teil ihrer Person – auch für sie selbst. Damit hadert die erwachsene Frau zunehmend und dieser Konflikt sucht sich langsam seinen Weg an die Oberfläche, bis er in einer Diskussion mit den doch eigentlich besten Freunden zum Ausbruch kommt. Dilek Güngör kreist um die Themen Identität und Herkunft. Sie lässt Özlem aus ihrer Kindheit und Gegenwart erzählen, verschränkt die Zeitsprünge und Rückblenden gekonnt und geradezu leichtfüßig. Es geht um Zuschreibungen bzw. um die Angst davor und eigenen Umgang damit. Dabei rüttelt sie ihre Protagonistin Özlem einmal durch und vor allem auf – und ähnliches passiert auch beim Lesen, nur eben aus einer anderen Perspektive. Hochaktuell und sehr empfehlenswert, gerade auch um das eigene, achso linksliberale und vermeintlich vorurteilsbewusste Denken zu hinterfragen! (Jana Kühn) Leseprobe

Dilek Güngör liest am Dienstag, den 2. April in unserer Buchhandlung!

Das bestelle ich!

Attica Locke: Bluebird, Bluebird

Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende, Polar Verlag,  327 S., € 20,-

Locke_Attica_Bluebird,_Bluebird_Danteperle_Dante_ConnectionEin Kaff in der tiefsten Provinz in Texas mit nur einem Café, in das die Schwarzen gehen, und einer Bar für Weiße, dem Treffpunkt der „Aryan Brotherhood of Texas“. Dazu der Highway durch den Ort, der außer dem Café der schwarzen Genoveva komplett einem Weißen gehört. Das ist das Setting, an dem zwei Morde passieren, der erste an einem unbekannten Schwarzen, einem durchreisenden  BMW-Fahrer in städtisch-teuren Klamotten, der zweite an einer jungen weißen Kellnerin, die mit einem Redneck verheiratet war. Der hiesige  Sheriff interessiert sich nur für den Mord an der blonden Weißen. Selbstverständlich ist jeder hier bewaffnet und lässt sich nicht in die eigenen Karten gucken, wie Darren Matthews, der übergeordnete schwarze Gesetzeshüter, ein eigentlich suspendierter Texas Ranger, schnell feststellt.
Was sich aus dieser hochexplosiven Gemengelage und den vielen Erscheinungsformen von Rassismus, von Hass, Angst und Gewalt entwickelt, ist leider erschreckend aktuell. Was diesen Krimi jedoch atemberaubend macht, ist wie die Autorin die Wucht alter und neuer Liebes- und Familiengeschichten mit den sozialen Beziehungen in einem zutiefst rassistischen Land verzahnt. (Stefanie Hetze).

Das bestelle ich!

Thilo Reffert: Linie 912

Illustriert von Maja Bohn. Klett Kinderbuch 2019, 112 S., € 13,-, ab 8

Linie 912Es ist ein ganz normaler Morgen, halb acht, der Bus kommt. In 10 Geschichten erzählt Thilo Reffert immer wieder dieselben dreißig Minuten, doch wie unterschiedlich können die sein! Denn in jeder der kurzen Geschichten ist die Erzählperspektive eine andere. Da ist Leon, der Geburtstag hat, und Tami, die sonst immer mit dem Rad fährt. Da ist Uhland, der sich auf einen anderen Planeten wünscht, und seine kleine Schwester Rubi, die endlich was anders will, als immer nur Muttermilch. Und da ist auch der junge Wachmann, der müde von der Nachtschicht kommt, und die Mutter von Uhland und Rubi und ein Mops und die alte Frau, die heute fast den Bus verpasst hätte. Und dann ist da noch der Busfahrer der vielleicht, ganz vielleicht ein Bisschen zaubern kann.
Und jeder von ihnen hört und sieht etwas ein Bisschen anderes, hat andere Gedanken, Sorgen, Ideen. Und mit jeder neuen Geschichte nimmt die Neugier des Lesers zu, was denn nun von den Vorherigen einfließen, und anders, neu erzählt werden wird.
Ein rundum gelungenes Buch über die Vielfalt der Welt und eine wunderbare Anregung, auch mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. (Syme Sigmund)

Das bestelle ich!

Marie Darrieussecq: Unsere Leben in den Wäldern

Aus dem Französischen von Frank Heibert, Secession Verlag 2019, 110 S., € 18,-

Darrieussecq Leben in den Wäldern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin Kreuzberg

Vivianne lebt in einer zukünftigen Welt, in der Menschen dank Implantaten ständig online und transparent sind, Roboter den größten Teil menschlicher Arbeit übernommen haben und die Lebenserwartung aufgrund von Umweltverschmutzung und modifizierten Lebensmitteln recht niedrig geworden ist. Eigens aufgezogene Klone sorgen dafür, die wenigen Reichen permanent mit gesunden Organen zu versorgen. Vivianne arbeitet als Psychoanalytikerin. Ihr Gesundheitszustand ist schlecht, doch Klon Marie sorgt für Ersatzteile. Eine Reihe von Ereignissen überzeugen Vivianne aus dieser Gesellschaft in einer Waldkolonie von Rebellen zu fliehen. Rasant geschrieben und sehr atmosphärisch, könnte dieser Roman eine Folge von Black Mirror sein. Mit subtiler Intelligenz und schwarzem Humor befasst sich Marie Darrieussecq mit höchst aktuellen Themen wie digitaler Vernetzung und Automatisierung, Konsum, Überwachung und menschlicher Autonomie, Einsamkeit, Ungerechtigkeit und der Behandlung von Minderheiten. Ein beunruhigendes, politisches Buch, das viele der Sorgen unserer Zeit ausdrückt und uns daran erinnert, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. (Giulia Silvestri)

Das bestelle ich!

Agata Królak: Was Bären so machen und Wie Bären so sind

Aus dem Polnischen von Svenja und Thomas Weiler, Gerstenberg Verlag 2019, beide 26 S., € 9,95, ab 2

U_5693_1A_WAS_BAEREN_SO_MACHEN.IND13Polnische Kinderbücher haben hierzulande von rühmlichen Ausnahmen wie bei Moritz abgesehen immer noch Seltenheitswert. Diese Lücke füllt nun der Gerstenberg Verlag mit zwei hinreißenden Pappbüchern für die ganz Kleinen: Ein Buch über das, was Kinder tagtäglich betrifft, die Gegensätze, und eines über das, was sie besonders interessiert, die Berufe der Großen.U_5694_1A_WIE_BAEREN_SO_SIND.IND13
Schön vielfältig, detailreich und witzig sind die vorgestellten Tätigkeiten. Eine Bärin ist Astronautin, eine Dirigentin, wieder eine Briefträgerin. Bei den Bären reicht das Spektrum vom Zuckerbäcker über den Richter bis zum Fußballer. Da ist garantiert für jedes Kind etwas dabei.
„Wie Bären so sind“  erzählt auf abwechselnd dunklen und hellen Hintergründen und in ausdrucksstark reduzierten Bildern von den Unterschieden zwischen stark und schwach, laut und leise, hungrig und satt… und bietet viel Anlass, über die kleinen und großen Dinge und was diese Gegensätze auslösen, miteinander ins Gespräch zu kommen.  (Stefanie Hetze)

Die bestelle ich!

 

Michael Ende, Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe

Illustrationen von Regina Kehn. Thienemann 2019, 208 S., € 17,-, ab 6

9783522185004(1) Knirps hat genug davon, mit dem langweiligen Puppentheater seiner Eltern durch die Lande zu ziehen, und so macht er sich in einer finsteren Gewitternacht auf durch den Bangewald, um Knappe des gefährlichen Raubritters Rodrigo Raubein zu werden, denn Angst – Angst kennt er nicht. So beginnt eine von Michael Ende mit viel Sprachwitz begonnene und von Wieland Freund mit sensibler Hand und voll sprühender Phantasie fabelhaft zu Ende geführte, abenteuerliche Geschichte, in der nichts ist, wie es scheint, und ein schlauer Papagei, eine furchtlose Prinzessin, ein melancholischer König und ein fieser Magier eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Ach ja, ein Drache sowie einige genervte Sumpfdruden haben auch ihren Teil an den Geschehnissen, mehr wird aber nicht verraten! Ein fantastisches, überaus witziges Vorlesevergnügen. (Syme Sigmund)

Leseprobe

Das bestelle ich!

 

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

Wagenbach Verlag, 168 S. mit Playlist zum Buch, € 19,-

Mevissen_katharina_Ich_kann_dich_hören_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleNach außen hin scheint alles zu stimmen. Osman studiert relativ erfolgreich Cello, er spielt Fußball, wohnt in einer WG und bandelt mit einer Mitbewohnerin an – ein Studentenleben eben. Doch hinter der Oberfläche kratzt es gehörig. Ohne Kontaktlinsen sieht er schlecht. Sein Dozent bescheinigt ihm eine gute Spieltechnik, aber emotionale Schwachstellen. Mit seinem Vater, einem Profimusiker, will er keinen Kontakt mehr, seiner Tante, seiner Ziehmutter, hört er nicht richtig zu und erzählt nichts von sich. Auch mit seiner Mitbewohnerin kommt er sich nicht wirklich näher. Erst der Zufallsfund eines besprochenen Diktiergeräts bringt ihn dazu, mal jemandem wirklich zuzuhören. Was er da aus einem anderen Leben mitkriegt, dem einer Frauenstimme und ihrer gehörlosen Schwester, lässt ihn nicht los und öffnet ihm die Ohren für sein eigenes Umfeld.
Um das Nichtzuhören, Nichthören und Zuhören, um Stimmen,  Töne und Schweigen, um Musik und Stille  kreist Katharina Mevissens faszinierender Roman, ein Debütschatz. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

Julya Rabinowich: Hinter Glas

Hanser Verlag 2019,  200 S., ab 14 ,€ 16,-

Rabinowich_Hinter Glas_DanteperleAlice wohnt mit ihren Eltern in einer großen Villa. Ihr Großvater ist ein wohlhabender Mann, der die Macht über die Familie hat und diese tyrannisiert. Alice hat keine Freunde. In der Schule wird sie gemobbt. Doch dann kommt Niko neu in die Klasse. Der braungebrannte Junge, der das Leben als Abenteuer nimmt und unglaublich viel zu erzählen hat, macht sie glücklich. Zusammen mit ihm fühlt sie sich stark. Alice hat genug von ihren schwierigen Familienverhältnissen und sieht ihre einzige Chance darin, zusammen mit Niko abzuhauen. Ein langer Sommer ohne Zeitgefühl, doch Niko verändert sich zunehmend. Alice muss entscheiden, was das Richtige ist und was sie überhaupt will …
Ein unglaubliches Buch, das die Entwicklung der Persönlichkeit einer Jugendlichen innerhalb eines Sommers hervorragend zeigt und wie viel Kraft es kostet Nein zu sagen. Außerdem wunderschön geschrieben, man fühlt sich ab der ersten Seite mit den Charakteren verbunden. Sollte man unbedingt gelesen haben! (Rosa, Schülerpraktikantin, Januar 2019)

Das bestelle ich!

Joanne Liu: Kunst für Max

Prestel 2018, 32 S., € 12,99, ab 3

Liu_Kunst_für_Max_Danteperle_DanteConnectionMax geht zum ersten Mal in ein Museum für moderne Kunst: Monet, Picasso und Miró stehen auf dem Plan. Ganz genau schaut Max sich alles an – aber eben nicht nur die Gemälde und Skulpturen.  In kindlicher Unvoreingenommenheit ignoriert er große Namen und Berühmtheiten, und sucht stattdessen nach besonderen Farben und Formen. Er stellt verblüffende Vergleiche an und entdeckt so Ähnlichkeiten, ja vielleicht sogar Vorbilder in der Natur. In leuchtenden Farben, kräftigen Pinselstrichen und ganz ohne Worte erzählt Joanne Liu von einem aufregenden Museumsbesuch, der vor Augen führt, wie wunderbar sich große Meisterwerke immer wieder neu entdecken lassen. Das Bilderbuch macht Lust, selbst einmal wieder ins Museum zu gehen … am besten mit der ganzen Familie! (Jana Kühn)

Blick ins Buch

Das bestelle ich!

Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt

Galiani Berlin 2018, 368 S., € 22,-

Klute Was dann nachher_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergBochum 1986. Volker macht Zivildienst, im Altenheim, aber eigentlich, eigentlich ist er Dichter, angehender zumindest. Immerhin wird er eingeladen, nach West-Berlin, zu einem Seminar für junge Schriftsteller. Das ist zwar nicht die Gruppe 47, die seine Tagträume bestimmt, aber doch ein Anfang. Und in Berlin lernt er Katja kennen, die ihn wirklich für begabt hält und ihm auch sonst eine neue Welt eröffnet – vor allem die Club- und Kneipenszene der geteilten Stadt. Sensibel und höchst komisch begleitet Hilmar Klute diesen jungen Mann auf dem Weg ins Erwachsen-Sein. Der Alltag eines durchschnittlichen Pflegeheims und der um sich selbst kreisende Literaturbetrieb werden einander in geschicktem Wechselspiel gegenübergestellt. Klute gelingt dies mit unterhaltsam-eleganter Ironie ohne dabei in Überheblichkeit abzugleiten. Ein Werk voll leichten Witzes und Poesie sowie ein Hoch auf die Kraft und die Schönheit, die Worte zu entfalten in der Lage sind. Ein wunderbares Buch. (Syme Sigmund)

Leseprobe

Das bestelle ich!