Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau, etc.

Aus dem Englischen von Tanja Handels, Tropen 2021, 512 S., € 25

Originalausgabe: Girl, Woman, Other, Penguin Books 2020, 464 S., € 12,50

12 Frauen, 12 Geschichten. Eine davon ist Winstom, deren Lieblingsdichterin die in Guyana geborene Lyrikerin Grace Nichols ist. Die in dem Buch zitierte Gedichtzeile „We the women/whose praises go unsung/whose voices go unhead“, kann als Motto des Romans verstanden werden. Bernadine Evaristo, die für dieses Buch mit dem Booker Preis 2019 ausgezeichnet wurde, entwirft 12 Charaktere und gibt damit girl, woman and other unterschiedlicher Generationen eine Stimme. Die Protagonist*innen, alle POC sind Feministinnen, sind politisch engagiert, lieben lesbisch oder heterosexual oder entscheiden sich für nicht binäre geschlechtliche Identitäten. Manche sind verheiratet und haben Kinder, einige kämpfen mit ihrer Karriere, alle ringen mit der Frage, wie sie leben wollen. In einer Rede „The danger of a single story“ erklärte die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, wie wichtig es ist polyphone Geschichten zu erzählen, um Misrepräsentationen und Stereotype zu vermeiden. Bernadine Evaristo hat diesen Gedanken in einer reichen vielstimmigen Sprache fulminant umgesetzt, und dem Konzept der Intersektionalität eine literarische Stimme gegeben. Die Lebenswege dieser Personen sind unvorhersehbar und werden immer wieder unvermutet miteinander verflochten, so dass die Leser*in stets aufs Neue überrascht wird. Die oben genannte Winstom beispielsweise migrierte in den 50er Jahren nach England; Jahrzehnte später, zurück in Barbados, wird sie ihrer Enkeltochter wie schwer es für sie in und ihren Mann Clovis als POC in England war. Der Roman ist fantastisch zu lesen, er ist aber auch ein Beispiel dafür wie politische Informiertheit zusammengehen kann mit einer ausgetüftelten literarischen Sprache. Um es mit Megan, einer der Akteur*innen zusammenfassen: woke. (Veronika Springman)

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Léonora Miano: Zeit des Schattens

Aus dem Französischen von Ina Pfitzner, w_orten und meer 2020, 256 S., € 14,-

In einem kleinen Dorf sind eines Nachts zwölf junge Männer verschwunden. Wo sind sie hin? Sind sie tot? Wer ist dafür verantwortlich? Keiner weiß, was genau zu tun ist. Die Mütter der Verschwundenen werden vom Rest des Dorfes isoliert: Es kann um einen Fluch, der mit den Müttern zu tun hat, gehen. Aber nichts macht wirklich Sinn und endlich wird beschlossen, in einem Nachbardorf zu fragen, ob dort etwas über das Verschwinden der Jungen bekannt ist. Langsam kommt die Wahrheit heraus: Sie wurden entführt und an die Küste verschleppt, um als Sklaven verkauft zu werden. In diesem eindringlichen und ergreifenden Roman wird über die Anfänge des transatlantischen Sklavenhandels aus der Perspektive der subsaharischen Bevölkerung erzählt. Miano gibt den Menschen eine Stimme, die diesem Trauma ausgesetzt waren. In einer traumartigen Prosa schildert sie, wie es gewesen sein muss, aus dem Alltag gerissen zu werden und plötzlich Terror, Gewalt und eine unbegreifliche Störung der Realität zu erleben. Eine wichtige, herzergreifende Lektüre! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Esther Becker: Wie die Gorillas

Verbrecher Verlag 2021, 160 S., € 19,-

Was bedeutet es, als Frau aufzuwachsen? Was bedeutet es, den eigenen Körper beim Erwachsenwerden von innen zu spüren, während er gleichzeitig von außen betrachtet wird? Welchen Einfluss hat die Gesellschaft auf die Entwicklung eines Wesens, wie wird ein Mädchen ihre Rolle in der Welt richtig spielen? In knappen Kapiteln befasst sich die namenlose Protagonistin mit diesen Fragen. Erzählt wird ihr Leben, begleitet von zwei Kindheitsfreundinnen, die sich mit ähnlichen Fragen konfrontieren.
Es geht um Freundschaft, Familie, Körperlichkeit, psychisches Leiden, Selbstbewusstsein, Selbstermächtigung. In ihrem Debütroman schafft Esther Becker etwas Seltenes: In klarer, eingängiger Sprache zu schreiben über tiefe, manchmal peinliche Gefühle, die jede Frau kennt, dennoch gar nicht leicht auszudrücken sind. Dieses Buch ist ein Trost für schwierige, einsame Zeiten: Jemand war schon da, wir haben uns alle falsch, hässlich, nicht dazugehörend, beurteilt gefühlt. Manchmal geht es uns noch genau so, wie damals. Und immerhin sind wir nicht alleine. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Tove Ditlevsen: Kindheit

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag 2021, 118 S., € 18,-

Kopenhagen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Tove Ditlevsen wächst in ärmlichen Verhältnissen im Arbeiterviertel Vesterbro auf. Der Vater, von Beruf Heizer und überzeugter Sozialist, wird früh arbeitslos, die Mutter ist gefühlskalt, dem Mädchen oft ein Rätsel. In der Schule und im Hof gilt das sensible, scheue Kind, das früh das Lesen entdeckt und heimlich Gedichte schreibt, als seltsam. Schonungslos, in einer konzentrierten nüchternen Prosa, beschreibt die Autorin ihre als nicht glücklich und bedrückend empfundene Kindheit in einem Umfeld, das für Mädchen Bildung nicht als notwendig ansah, und öffnet gleichzeitig den Blick, in eine Welt, die noch nicht lange vergangen ist und doch nicht mehr in dieser Form besteht. Toves Kindheit endet mit 14 Jahren. Das Gymnasium wird ihr von den Eltern verwehrt, sie muss ihre erste „Stelle“ antreten.
Diltevsens autobiografisch inspiriertes, faszinierendes Werk ist unbedingt lesenswert. Sie gilt als Wegbereiterin von Autorinnen wie Annie Ernaux oder auch Deniz Ohde. Die beiden zur Trilogie gehörenden Bände „Jugend“ und „Abhängigkeit“ werden gleichfalls in Kürze erscheinen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Anna Woltz, Regina Kehn (Illustr.): Heute kommt Jule

Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, Carlsen Verlag 2021, 32 S., € 15,-, ab 3

Heute ist Jules erster Tag als Babysitterin für Felix und Nina – ihren Hasen und den Hund. Quietschvergnügt verbringen sie den Tag gemeinsam, an dem wahrlich nicht alles glatt läuft, dafür aber sehr viele Sachen sehr viel Spaß machen. Doch dann ist Hase verschwunden … Anna Woltz ist bekannt für ihre einfühlsamen, am Leben geschulten Geschichten für Kinder. Mit diesem Bilderbuch beweist sie, dass sie auch für die Jüngsten großes erzählerisches Gespür besitzt. Verdichtet, in vagen Andeutungen und Auslassungen spornt sie die Fantasie an. Und mit Regina Kehn hat sie eine Partnerin gefunden, die ihr im Bild in nichts nachsteht, die Fäden geschickt aufnimmt und weiterspinnt. Mit jedem Anschauen entdeckt man neue Details, und Achtung Spoiler:  Achten Sie unbedingt auf den Hund! (Jana Kühn)

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Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Aus dem Englischen übersetzt von Dirk van Gunsteren, Claassen 2020, 464 S., € 24,-

9783546100144_cover2002, im Zuge der Terroranschläge von 9/11 wurde das United States Department of Homeland Security gegründet. Und auch wenn Leben und Alltag von Muslimen in den USA mit jenem Datum einschneidend verändert wurden, elegisch und klagend ist Akthars Erzählton nur selten. Seine Homeland Elegien verknüpfen klug die persönliche Einwanderungsgeschichte der pakistanisch-stämmigen Familie Akhtar mit historischen Fakten aus dem pakistanisch-indischen Gründungskonflikt, dem ersten Afghanistan-Krieg und der Entstehung der Terrororganisation Al-Qaida. Wir lesen mit ihm im Koran, gleichwohl Rushdie und Freud. Er führt uns aber auch mit Autopanne in Joe Bidens Heimatstadt Scranton, die schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat und berichtet aus dem Wahlkampf Donald Trumps im Jahr 2016, der einen tiefen Riss durch die Familie zieht: Vater Akhtar ist bekennender Trump-Fan. Dies liest sich kapitelweise und ohne Chronologie als Familiengeschichte und Entwicklungsroman. Ist persönliches Memoir wie politisches Essay. Aber Obacht, denn am Ende hat Ayad Akhtar einen Roman geschrieben. Ob sein Vater wirklich Trumps Kardiologe war? Egal! Nicht nur die Dialoge sind furios – und die Einblicke in den US-amerikanischen Alltag aus muslimischer Sicht ausgesprochen erhellend. (Jana Kühn) Leseprobe

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Sydney Smith: Unsichtbar in der großen Stadt

Aus dem Englischen von Bernadette Ott. Aladin Verlag 2020, 48 S., € 18,-, ab 4

Smith_Sydney_unsichtbar_in-der-grossen-stadt_Danteperle_Dante_Connection_buchhandlung-isbn-978-3-8489-0176-0_4Was für ein mutiger Einstieg in eine Bilderbuchgeschichte! Trübe Großstadtszenen hinter einer beschlagenen Scheibe, ein Kind, ganz unwichtig welchen Geschlechts, sitzt allein in einer Bahn, steigt aus und befindet sich in einer hektischen verwirrenden Großstadt. Die unterschiedlichsten Reize stürmen auf das Kind ein, Lärm, Gedränge, Menschenmassen, es blinkt, blendet, quietscht, alles auf kleinen Bildern zu entdecken. Doch das Kind weiß sich zu helfen, es gibt einem unbekannten Du Tipps, wie es sich in der Großstadthölle zurechtfinden kann, wo besondere Vorsicht gilt, wo es gute Verstecke, Schutz oder Hilfe gibt. Wer hat sich da wohl verlaufen, wem gibt das Kind nützliche Hinweise? Während das Kind immer selbstbewusster durch die Straßen läuft, fängt es heftig an zu schneien. Doch das Kind stapft zuversichtlich durch die Schneemassen, es freut sich aufs kuschelige Zuhause. Wie es endet, sei hier nicht verraten, nur dass im Schnee natürlich Spuren sichtbar sind und dieses grandiose spannende Bilderbuch zum Immer-Immer-Wieder-Anschauen und Neu-Interpretieren einlädt! (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Helon Habila: Reisen

Aus dem Englischen von Susann Urban. Hrsg. von Indra Wussow, Verlag Das Wunderhorn 2020, 320 S., € 25,-

Habila_helon_Reisen_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDer Roman beginnt ganz klassisch mit einem Neuanfang eines Ehepaares. Sie, eine US-amerikanische Künstlerin, hat ein renommiertes Stipendium in Berlin erhalten und konzentriert sich auf ihre Karriere. Er, ein nigerianischer Doktorand, will eigentlich für seine Dissertation forschen, lässt sich aber durch Berlin treiben und lernt dabei andere Afrikaner kennen. Als Geflüchtete und Migranten führen sie ein völlig anderes Leben als er, der privilegierte verheiratete Akademiker, dessen Frau gerade durchstartet. Während er sich von ihr entfernt, in das afropolitane Berlin eintaucht und das Buch die Konventionen eines klassischen Eheromans verlässt, konzentrieren sich die nächsten Abschnitte ganz auf diese Menschen und ihre individuellen Geschichten, wie die des aus Libyen geflüchteten Chirurgen Manu. Er arbeitet als Türsteher, geht mit seiner kleinen Tochter jeden Sonntag vom Flüchtlingsheim zum Checkpoint Charlie, in der Hoffnung, dort seine Frau und ihren Sohn zu treffen, eine Verabredung, die sie auf dem Mittelmeer trafen, während ihr Boot sank…
Wie in einem Reigen fokussiert sich Habila in den einzelnen Romanstrecken auf unterschiedliche Protagonist*innen und ihre zutiefst individuellen ergreifenden Lebensgeschichten. Geschickt verzahnt er ihre Schicksale miteinander und lässt den Ich-Erzähler vom Anfang immer weiter in ihre Migrationsgeschichten eintauchen. Das lässt einen nicht los und ist große sehr berührende Kunst. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Marcello Fois: Abschiede

Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Polar Verlag 2020, 497 S., € 14,-
(Del dirsi addio, Einaudi 2017, € 16,50)

Titel_Abschiede_Fois-768x1212Ein Kind verschwindet spurlos bei einem kurzen nächtlichen Halt von einem Rastplatz an einer einsamen Landstraße, ein Auto explodiert, eine Frau wird tot aus dem Fluss geborgen. Ein junger Kommissar versucht den Fall zu lösen, ermittelt in Bozen, geplagt von Schnee und Sturm, und liefert ganz zum Schluss eine überraschende Lösung. Ein echter Kriminalroman, zweifellos.
Und doch sollte, wer nur eine spannende Geschichte sucht, dazu noch rasant erzählt, die Finger lassen von diesem Buch, das so viel mehr ist als ein klassischer Noir. Denn was der große sardische Autor hier entfaltet taucht tief ein in die Komplexität menschlicher Beziehungen, erzählt von großer Liebe und dem Leiden an der Gesellschaft, von Vätern, Söhnen und Geliebten, von Trennung, Tod und Abschied, von Zärtlichkeit und der steten Mühe des Beieinanderbleibens, von Verrat und Verlust – und ist dabei spröde und karg, gefühlvoll und überschwänglich zugleich. Dabei scheut Fois keine Klischees und keine überraschenden Assoziationen. So stehen Texte zur Renaissance-Architektur, neben solchen aus der Popkultur, mythologische Exkurse neben Zitaten aus Bergman-Filmen und die Songtexte von Take That neben Gedichtzeilen von Elsa Morante. Wenn man sich darauf einlässt, wird man belohnt mit einem Roman voll düsterer Abgründe und tiefer Menschlichkeit. (Syme Sigmund)

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… per esploratori artistici

Susanna Mattiangeli, illustrazioni di Vessela Nikolova: Al museo, Topipittori 2020, pp. 40, dai 5 anni, € 23,-

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Che bella avventura andare in gita con la scuola, quante cose ci sono da scoprire! Al museo poi, sembra di camminare in mezzo a un sogno. Fra sguardi severi, visi allegri, cestini di frutta, paesaggi scintillanti e stranezze di vario tipo, una bambina si perde nei corridoi del grande museo alla ricerca di un segreto da rubare. La domanda è: come avranno fatto? A costruire busti meravigliosi, pitturare colori così vivaci? E chi sono tutti quei visitatori assorti, stanno cercando anche loro un segreto? Una bambina ci accompagna a visitare opere d’arte di ogni tipo. Con illustrazioni così dettagliate e un testo così coinvolgente, leggere e osservare questo libro è un po’ come aggirarsi per le stanze di una bella mostra! (Giulia Silvestri)

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