Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen, Kiepenheuer&Witsch, 368 Seiten, 26 Euro
In einer tiefen Lebenskrise flieht Joachim Meyerhoff aufs Land zu seiner betagten Mutter, die allein einen riesigen Garten bewirtschaftet. Als toughe alte Dame duldet sie bei ihrem „lieben Sohn“ kein Selbstmitleid, spannt ihn im Gegenteil unermüdlich mit Arbeitsaufträgen ein. Äußerst unterhaltsam kombiniert der Autor gnadenlose Demaskierungen seiner eigenen Befindlichkeit mit grotesk-liebevollen Stories seiner Theatererlebnisse. Königin des Romans ist aber seine unnachahmliche Mutter, der er damit eine hinreißende Liebeserklärung gemacht hat. (sh)
Für alle, die sich für Biografien begeistern …
Marco Meier: IngeFeltrinelli. Das erste Leben, aus dem Italienischen von Julika Brandestini und Verena von Koskull, Rowohlt 2024, 348 Seiten, 28 Euro
In der mitreißenden Biografie geht es nicht um Inge Feltrinelli als Frau des berühmten Verlegers. Ihr eigenes Leben als Inge Schönthal, die in der männerdominierten Medienwelt der 1950er erfolgreiche Self-made-Fotoreporterin wird, steht ganz im Fokus. Aus Gesprächen, Tagebüchern, Kalendern und Fotos schuf der Autor ein fesselnd zu lesendes Porträt dieser außergewöhnlichen Frau. Ingemaus stürzte sich geradezu ins Leben. Hindernisse waren dazu da, überwunden zu werden. Mit Unerschrockenheit, Charme und Kontaktfreude ging sie ihren besonderen Weg. (sh)
Für alle, die sich im Kartenlesen besonders gut erden können …
Christian Grataloup: Die Geschichte der Erde – ein Atlas, C.H. Beck 2024, 320 Seiten, 38 Euro
Globale Geschichte(n) erzählen, das kann Christian Grataloup. In 300 Karten geht der „Historiker unter den Geografen“ und sein 30köpfiges Expert*innenteam erneut den Wechselbeziehungen von Mensch und Erde auf den Grund. Geopolitische Verwicklungen spielen wieder die entscheidende Rolle, diesmal jedoch nicht mit Fokus auf die Zivilisationsgeschichte, sondern mit Blick auf vermeintlich unbeeinflussbare Naturgesetze. Inwieweit auch hier die Gegenwart des Menschen einen Unterschied macht: Smartphone abschalten, im Sofa versinken auf Weltreise gehen! (kf)
Für alle, die ahnen, dass es auch früher schon Frauen gab …
Emma Southon: Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen, aus dem Englischen von Rita Gravert & Caroline Weißbach, Aufbau Verlag 2024, 495 Seiten, 28 Euro
Emma Southon ist Punk in der britischen stiff-upper-lip Academia. Die Historikerin schlägt einen unbekannten Ton an und ungewohnte Wege ein. Virtuos schlägt sie Bögen, die von der einstigen Sklavin, späteren Millionärin Hispala Faecenia der Römischen Republik bis zu Marina Abramovics Performance Rhythm 0 von 1974 reichen können. Southon erzählt uns nicht nur marginalisierte Heldinnengeschichte(n), sie spricht auch von den Täterinnen und zeigt uns, wie sehr das vorherrschende Bild der Antike vom Fehlen weiblicher Macht, Wut und Entschlossenheit geprägt ist. (kf)
Mittwoch, 27. November
Geänderte Öffnungszeiten

Am Mittwoch, den 27.11. öffnen wir unsere Türen ausnahmsweise erst 12 Uhr. Wir workshoppen fleißig anderenorts.
Kerstin und Katharina sind auf dem „Jahrmarkt der Beteiligung“ und geben einen Workshop zu „Digitaler Beteiligung in der Kinder- und Jugendarbeit“.
Jana und Emil betreuen unseren Kita-Buchclub in der O45.
Im Anschluss … alles wie immer: Gute Bücher & gute Leute für euch!
Maria Stepanova: Der Absprung
Hundertvierzig schmale Seiten, die es in sich haben, die das erzwungene Lebensgefühl wiedergeben, sich auf absolut gar nichts mehr verlassen zu können. Selbst eine harmlose Lesereise von A nach B entwickelt sich für die Protagonistin, die aus ihrem Land, das Krieg gegen ein Nachbarland führt, flüchten musste, zu einer Grenzerfahrung. Unterwegs verpasst sie ihren Zug, funktioniert ihr Telefon nicht. Sie strandet in einer Grenzstadt, ohne dass irgendjemand davon weiß. Was ihr erst ein Atemholen verschafft, sie einfach herumstreift und sich ein Hotelzimmer nimmt. Doch die Gedanken, die Erinnerungen, die Wut auf das „Untier“, die Scham lassen sie nicht los, selbst als sie einem Mann durch leere Vorstadtstraßen regelrecht nachstellt. Das, was zu ihrem Exil führte, ist zu übermächtig, drängt immer wieder an die Oberfläche, selbst als sie als zersägte Jungfrau in einem heruntergekommenem Wanderzirkus landet. Doch alles andere als ohnmächtig setzt Maria Stepanova ihre Sprache, ihre Bilder, ihre Gefühle, ihre Phantasie so klug, stark und poetisch ein, dass es tief berührt und gleichzeitig überzeugend demonstriert, dass sie sich ihre Sprache nicht wegnehmen lässt. Und Olga Radetzkaja hat den Roman in ein verdichtetes knappes Deutsch übertragen, das trotzdem die vielen Anspielungen und doppelten Böden aufschimmern lässt. (Stefanie Hetze)
Eva Rottman: Fucking fucking schön
Jacoby & Stuart 2024, 176 Seiten, 16 Euro
Fucking Fucking schön der Autorin Eva Rottmann umkreist das erste Mal, oder besser die vielen unterschiedlichen ersten Male des Coming of Age aus der Sicht von 12 Teenagern. Aus Gesprächen mit Schüler*innen hat die Autorin Themen, Fragen und Bilder ausfindig gemacht, die sie in zehn erzählten Kapiteln verdichtet. Jeder Text umkreist dabei sehr assoziativ und doch immer greifbar konkret ein Thema – Queerness, Lust oder Netzpornos zum Beispiel, aber auch Flüchtigeres wie atemloses Verliebtsein, Zweifel, Scham oder Reue. Die einzelnen Episoden stehen für sich, sind aber durch immer wieder aufscheinende, dünne rote Fäden miteinander verbunden. Rottmann ist auch Theaterautorin was man den Texten anmerkt – lebendig, sprachintensiv und mit dem Ohr ganz nah dran an der Zielgruppe, szenisch erzählt und aufgebaut. Tatsächlich kann man das Oeuvre Rottmanns als einen Organismus lesen, in dem Figuren und Orte ganz beiläufig immer wieder auftauchen. Deshalb Achtung – Spoileralarm! Wer die Vorgängergeschichten von Eva Rottman – Mats und Milad und Kurz vor dem Rand, übrigens gerade mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet – noch nicht kennt, liest einige Details nicht linear. Das macht aber nichts, denn es ist nahezu egal aus welcher Richtung man die Welt Eva Rottmanns betritt: es macht Fucking fucking Spaß. (Kerstin Follenius)
Anke Kuhl & Moni Port: MUKKEKUKKE
Reprodukt, 152 Seiten, 20 Euro, ab 5
Mit Musik entstehen Bilder im Kopf. Das dachten sich wohl auch Anke Kuhl und Moni Port und initiierten ein Gemeinschaftsprojekt, dessen Namensliste der teilnehmenden Zeichner*innen sich wie das Who’s Who der hiesigen Kinderbuchwelt liest. Rotraut Susanne Berner, Nadia Budde, Axel Scheffler, Philipp Waechter und noch einige mehr haben in ihrem ureigenen Strich Musikstücke u.a. von den Ärzten, Ludwig van Beethoven und Max Rabe illustriert. Es gibt also wahrlich Klassik, Pop et cetera. Und bunt gemischt sind in den zahlreichen Genres auch die Stimmungen: da wird fröhlich gerangelt, melancholisch das Selbst begrübelt und gemütlich der Abend begrüßt. Das macht Kindern alleine Spaß ist, aber auch für die ganze Familie toll. Auf allen gängigen Streamingportalen findet sich die komplette Playlist zum Buch, und so ist Mukkekukke, wie der geniale Titel es schon sagt, ein echtes Bilder-Hör-Buch. (Jana Kühn)
Iida Turpeinen: Das Wesen des Lebens
Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann, S. Fischer Verlag, 2024, 320 Seiten, 24 Euro
„Einst brauchte die Seekuh keine Angst vor Raubtieren zu haben, doch egal wo sich der Mensch ausbreitet, verschwinden alsbald die großen Arten.“ Davon erzählt Iida Turpeinen in ihrem Debütroman – mitreißend, berührend und klug geht es in vier Zeitkapiteln, die sich über drei Jahrhunderte erstrecken, um Wissenschaftsgeschichte.
1741 entdeckt der Naturforscher Georg Wilhelm Steller die später nach ihm benannte Stellersche Seekuh. Er begleitet die Große Nordische Expedition von Vitus Behring, sie erleiden Schiffbruch und die Besatzung muss auf einer unbewohnten Insel überwintern. Hier sieht und beschreibt der Forscher das friedliebende, gesellige, spielfreudige, riesige und unschuldige Tier ein erstes Mal. Dreißig Jahre später ist die Stellersche Seekuh ausgestorben, ausgerottet von Pelzjägern.
In den weiteren Kapiteln wird von Constance Furuhjelm in Alaska erzählt, die – eher zufällig und against all odds – das Skelett einer Stellerschen Seekuh katalogisiert, von der fast symbiotischen Beziehung zwischen dem Zoologen Alexander von Nordmann und der Zeichnerin Hilda Olsen, die ihm die alternden Augen und Hände ersetzt und das erste Bild einer Stellerschen Seekuh anfertigt, und von vier Brüdern, die ihre Liebe zur Natur verbindet. Einer von ihnen wird später mit der Restaurierung eines Stellerschen Sehkuh Skeletts beauftragt.
Immer wieder geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Forscherdrang und Faszination, Ausbeutung und Ehrfurcht. Ein spannendes, wenngleich melancholisches Buch. Nach der Lektüre würde man so gerne eine Stellersche Seekuh mit ihrer Familie im Meer spielen sehen … (Katharina Bischoff)
Sonntag, 10. November
Lesung und Workshop für Kinder

Wir feiern weiterhin Italien als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und laden herzlich ein zu Kaya – Lesung und Workshop für Kinder mit dem deutsch-italienischen Doppel Heike Brandt und Giulia Orecchia.
Wann? Sonntag, 10. November um 11 Uhr
Wo? im Projektraum O45 // Oranienstraße 45
