Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es gewesen
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... für Erwachsene
Heike Geißler: Michaela Kohlhaas
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... für Erwachsene
Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel
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... für Kinder
Christian Linker: Fische sind scheiße
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Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es gewesen

S. Fischer 2026, 144 Seiten, 22 Euro

Unerhört ist das. Otoos Protagonistin macht etwas, was sich die meisten Frauen und vermutlich noch mehr Schwarze Frauen angesichts unerträglicher männlicher und rassistischer Übergriffigkeit schon einmal gewünscht haben: sich einfach des Problems zu entledigen. Mühelos stranguliert die Schwarze Deutsche ihren penetrant gutmeinenden Chef auf einer heißen Autofahrt mit seinem eigenen Schal. Er hatte sich ihr, die in Zeitstress war, aufgedrängt, sie an die Lübecker Bucht zu fahren, wo sie zu einem privaten und gleichzeitig überaus politischen Treffen mit ihrer Mutter verabredet war. Amata steht zu ihrer Tat, aber sie steht auch ziemlich allein da. Selbst aktivistische Freund*innen und Kolleg*innen verurteilen ihre kompromisslose Radikalität. In der Nacht vor ihrer Gerichtsverhandlung schreibt sie in ihrer engen Zelle ohne Larmoyanz ihre Sicht des Hergangs der Ereignisse auf.

Dies ist kein klassisch erzählter Roman. Otoo kombiniert verschiedenste Texte, nicht nur Amintas Aufzeichnungen, sie bezieht sich auf Schwarze Autor*innen, historische Figuren, Ereignisse, auf Deutschlands Kolonialgeschichte, aber auch auf aktivistische Debatten, sie zitiert und kommentiert. Auf nur 140 Seiten gelingt der Autorin so das Kunststück, einen gedanklichen Raum zu schaffen, der das Entweder–Oder überwindet, keine Lösungen anbietet, statt dessen aufrüttelt und lange nachhallt. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

Heike Geißler: Michaela Kohlhaas

Suhrkamp 2026, 253 Seiten, 24 Euro

Heike Geißler ist mit ihrem neuen Buch etwas ganz Großes gelungen. Michael Kohlhaas, Kleists
wutbürgernder Selbstjustiziar, dieses Urbild eines deutschen Aufbegehrens gegen die Obrigkeit, dass als Idee einer bürgerlichen Gegenwehr gerade von Rechts her ins Bild zu flimmern scheint, ist wieder sicher. Es brauchte dazu die Stimme einer Frau, die diesen männlichen Stolz, dieses Recht auf Rache hinter sich lässt und einer Kränkung Raum gibt, die endlich wieder politisch sein kann. Heike Geißler wagt sich hinein, in jenen Bereich zwischen zivilem Ungehorsam und Wutbürger*innentum, diesem aktuell so brandgefährlichen, weil so schwer fassbaren Terrain. Sie schickt eine Frau auf diesen schmalen Grat, die bestens ausgestattet ist, ihre Linie zu halten, sich nicht vereinnahmen zu lassen von populistischer Vereinfachung. Michaela Kohlhaas ist die „Stütze des Systems a.D.“, eine Mutter Courage, die mit ihrem Planwagen durch „leergeförderte Landschaften“ zieht, die eigene Zahmheit bekämpft und sich dem Unrecht des Systems sehr präzise und sichtbar entzieht. Sie ist die Möglichkeit eines Ausstiegs, der lockt und doch sehr hoch im Einsatz ist, was Geißler stets miterzählt: Immer wieder tritt die Erzählerinnenstimme hervor und zeigt ihr Ringen mit Michaela, der Zivilcourage, die diese Michaela in die Welt bringt. Eine Kampfschrift voller Demut. Ein so kluger, leiser Aufschrei nach Engagement. Eine Sprache, so präzise, wie verschlungen, um die Komplexität unserer Gegenwart einzufangen. Die wichtigste Überschreibung seit langem. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel

Suhrkamp 2026, 176 Seiten, 24 Euro

Judith Schalansky schreibt nicht nur Bücher, sie gestaltet sie auch. Und so ist davon auszugehen, dass sie auch bei der Gestaltung ihres jüngsten Buches die Finger mit im Spiel hatte. Schon in der Erscheinung greift das Buch den Titel auf, fast marmoriert wirkt der Umschlag, quecksilberschillernd die Schrift. Und auf dem Titelblatt im Inneren löst sie sich fast nebulös auf. Ein Band, der schon optisch genau das einlöst, was sein Titel verspricht. In drei großen Kapiteln – Marmor, Quecksilber, Nebel – basierend auf ihren Frankfurter Poetikvorlesungen 2025, nimmt Judith Schalansky die Leser*innen jeweils mit an einen bestimmten Ort – die Ägäis, Guadalajara (Mexiko) und den Brocken – um von dort aus und unter dem Eindruck des titelgebenden Stoffes, gedanklich die Welt zu erforschen. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einbilde, die gesamte Weltgeschichte ließe sich anhand eines einzigen Gegenstandes erklären“schreibt die Autorin gleich auf einer der ersten Seiten. Diesem Versuch beizuwohnen und den mäandernden, gleichwohl konsequenten Gedankenströmen zu folgen, macht große Freude.
Ein wunderbares Buch zum Lesen und Verschenken, das den Blickwinkel weitet und Horizonte zu verschieben vermag. Aber Achtung: Rabbithole Gefahr! (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!

Christian Linker: Fische sind scheiße

dtv, 256 Seiten, 15 Euro
ab 10

Mit einem regelrechten Paukenschlag beginnt Christian Linker seinen umwerfenden Roman für Kinder: Tills Vater wird mit Polizei und Rettungswagen abgeholt, sein Hund Flocke wird ins Tierheim gebracht und der Junge selbst von einem Sozialarbeiter in eine Wohngruppe. Was genau an diesem Tag geschehen ist, enthüllt der Autor geschickt erst einiges später und auch nur Stück für Stück. Relativ schnell ist jedoch klar, dass Till und Flocke sich wohl von ganzem Herzen, aber ganz sicher kein gutes Zuhause hatten. In der Wohngruppe wiederum findet Till schnell Anschluss, Freundschaft sogar, um nicht zu sagen eine Wahlfamilie – nur Flocke vermisst er schmerzlich. Als Till seinen Hund endlich im Tierheim besuchen kann, ist dieser jedoch gerade an eine andere Familie weitergegeben worden. Was Till komplett aus der Bahn wirft, wird im Buch zum Auslöser einer rasanten erzählerischen Beschleunigung. Gemeinsam mit seinem neuen Freund Pawel folgt Till der Spur der neuen Hundefamilie bis an die holländische Nordseeküste, wo es zum spektakulären Showdown kommt. Es ist ein Kinderbuch, es braucht ein Happy End – dieses hier ist wirklich stimmig. Christian Linker erzählt berührend und spannungsgeladen von Kindern aus Familien in Schieflage, die ihren Weg finden gemeinsam mit Freund*innen und Wahlverwandschaften. Diesen mitreißenden Ferienschmöker mit Tiefgang legt niemand so schnell aus der Hand! (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!