Danteperlen

image006

An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Alba de Céspedes: Was vor uns liegt
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
För Künkel, Mirjam Hildbrand: Zirkuskunst in Berlin um 1900
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Arundhati Roy: Meine Zuflucht und mein Sturm
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Mely Kiyak: Gute Momente
» Empfehlung lesen

 

Alba de Céspedes: Was vor uns liegt


Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Insel 2025, 380 Seiten, 25 Euro

Rom in den dreißiger Jahren: in einem von Nonnen geführten Internat leben junge Frauen, die fern ihrer Familien und Heimatorte an den römischen Universitäten studieren – ungewöhnlich für die Zeit, der Faschismus propagierte „die Frau am Herd“. Während die Studentinnen tagsüber im Rahmen ihrer Studien und finanziellen Möglichkeiten ein relativ selbstbestimmtes Leben führen können, allerdings immer dominiert von den patriarchalen Gegebenheiten, herrscht ab dem Abend ein strenges Klosterregiment mit Einschluss und Dunkelheit ab 22 Uhr. Das lässt sie zu abhängig-aufsässigen Mädchen werden, die ihren Phantasien freien Lauf lassen. Vom Wechsel von Drinnen und Draußen lebt dieser aufregende Generationenroman, der eine Gruppe sehr unterschiedlicher junger Frauen mit ihren individuellen Schicksalen und Lebensentwürfen porträtiert. Ihre Wünsche und Vorstellungen entsprachen so gar nicht der herrschenden Doktrin, was Alba de Céspedes auch zu spüren bekam: der Premio Viareggio wurde ihr aberkannt. Das tat dem Erfolg des Romans jedoch keinen Abbruch. Dank der Neuübersetzung Esther Hansens, die eine zeitlose lebendige Sprache für die Seelenlage dieser jungen Rebellinnen gewählt hat, bereitet die Lektüre auch heute enormes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

För Künkel, Mirjam Hildbrand: Zirkuskunst in Berlin um 1900

Theater der Zeit 2025, 208 Seiten, 45 Euro

Dieses Buch ist eine Einladung und ein Geschenk! Anhand alter Stadt- und Baupläne, Zeichnungen, Plakate, Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte und einer Fülle von Fotografien (um nur ein paar der hier versammelten Dokumente zu nennen), entfaltet sich ein noch unvollendetes Bild der Berliner Zirkuswelt um 1900. För Künkel und Mirjam Hildbrand agieren dabei weniger als Autorinnen im klassischen Sinn, eher als präzise Spurenleserinnen: mit detektivischem Gespür rekonstruieren sie Zirkuskunst als technisch avancierte, internationale Multimediashows – lange bevor dieser Begriff existierte. Das sehr schön gestaltete Buch ist in vier große Kapitel mit jeweils diversen Unterkapiteln aufgebaut. Dabei verzichtet es weitgehend auf erklärende Kommentare und vertraut stattdessen der erzählerischen Kraft des Archivmaterials selbst. Man staunt, schaut, gräbt sich durch Dokumente, entdeckt Unerwartetes und schmunzelt über historische Details. Große Freude! Große Empfehlung! (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!

Arundhati Roy: Meine Zuflucht und mein Sturm

Aus dem Englischen von Annette Grube
S. Fischer 2025, 368 Seiten, 26 Euro

Den Tod ihrer gleichermaßen geliebten wie gefürchteten Mutter nimmt Arundhati Roy zum Anlass, literarisch zu reflektieren, wie sie – immer im Spiegel der übermächtigen Mutter, der Zuflucht, dem Sturm – zu der wurde, die sie ist: Schriftstellerin, Menschenrechtlerin, Umweltaktivistin, mutig, suchend, unbeugsam. Früh verlässt sie die Mutter mit ihren Demütigungen, Schlägen und dem Geschrei, nicht aus Mangel an Liebe, sondern, wie sie schreibt, „um sie weiterhin lieben zu können“. Zugleich bleibt die mütterliche Prägung allgegenwärtig, und mit schmerzhafter Klarheit bringt Arundhati Roy diese Ambivalenz auf den Punkt: „Mrs. Roy lehrte mich zu denken und wütete dann gegen meine Gedanken. Sie lehrte mich, frei zu sein, und wütete gegen meine Freiheit.“ So entfaltet sich ein poetisches, vielschichtiges Geflecht aus Mutterbiografie, Autorinnenleben und indischer Geschichte – persönlich, politisch, literarisch verdichtet.
In ihrem ersten Roman Der Gott der kleinen Dingelegte Arundhati Roy einer der Figuren folgendes Motto in den Mund:
a) Jedem kann alles passieren
b) Am besten ist man darauf vorbereitet.
Nach der Lektüre von Meine Zuflucht und mein Sturm weiß man genau, was damit gemeint ist. (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!

Mely Kiyak: Gute Momente

Mikrotext 2025, 224 Seiten, 25 Euro

Wieder einmal nimmt Mely Kiyak uns mit in ihren Alltag, streift mit uns durch Berlin, ihre Familie, die Nachbarschaften und sammelt Geschichten, die mal am Wegesrand, mal mitten auf dem Tisch, mal zwischen Supermarktregalen liegen. Allen kurzen Episoden gemeinsam ist der „Gute Moment“ in ihnen, der kleine Perspektivwechsel, nach dem viele sich angesichts düsterer Weltpolitik gerade oft sehnen. Mit der ihr eigenen lakonischen Akkuratesse schweift Kiyak immer wieder ab, ins drängend Gesellschaftspolitische oder auch mal in das langsam Philosophische. „Nebenbeibeobachtungen“ nennt sie das, arrangiert in einer „Kartographie des Alltags“. Doch wer ihre Kolummnen kennt, weiß wie schnell die Kiyak’sche Leichtigkeit in bitterböse Wahrheit umschlagen kann, die irgendwo trifft, wo es weh tut, bestürzend komisch oder ganz einfach schön ist. Schreiben ist Beobachten, Stehenbleiben, Zuhören. Im Windschatten von Mely Kiyaks eindringlicher Sprache und ihrem empathischen Blick auf die Menschen wünschte ich, dass der Spaziergang durch dieses geliebte, hässliche, kantige und unendlich schöne Berlin nie enden möge. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!