Danteperlen

image006

An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Eva Menasse: Alleinruhelage
» Empfehlung lesen

… für Jugendliche
Caryl Lewis : Wenn die Bienen schweigen
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Eka Kurniawan: Bellende Katzen
» Empfehlung lesen

 

Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nancy Mitford
Liebe unter kaltem Himmel
Übersetzt von Reinhard Kaiser

Schöffling 2026, 352 Seiten, 24 Euro

Polly ist eine Bilderbuchschönheit, aus bestem steinreichem Adel und in einem Alter, in dem selbstverständlich eine Eheschließung ansteht. Das findet zumindest ihre Mutter, die despotische Lady Montdore, eine Dame, mit der nicht zu scherzen ist. Ihre ihr ebenbürtige Tochter entzieht sich durch die Heirat mit einem angeheirateten und überdies übergriffigen Onkel den elterlichen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird enterbt, und da taucht ein Cedric auf, der schön wie Polly ist, überhaupt nicht dem englischen Männlichkeitsideal entspricht und nicht nur Lady Montdore verzaubert und verwandelt.
Nancy Mitfords politisch unkorrekter Roman ist ein grandioses Lesevergnügen. Aus der Perspektive der bürgerlich-vernünftigen Erzählerin Fanny, die zwischen Solidarität für ihre Freundin Polly und dem leidenschaftlichen Interesse am Hause Montdore schwankt, werden die Absurditäten der Gebräuche der britischen Aristokratie zwischen den zwei Weltkriegen bissig-genüsslich aufs Korn genommen. Eine Übertreibung reiht sich an die nächste Exaltiertheit. Und dies in einer funkelnden, klaren Sprache, die in der zeitlosen Übersetzung Reinhard Kaisers immer noch schön gemein klingt und nonchalant Themen wie Selbstoptimierung, Gendervielfalt, Queerness berührt. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

Eva Menasse: Alleinruhelage

Eva Menasse
Alleinruhelage
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 23 Euro

Eine Frau mittleren Alters entschließt sich, das in den 1990ern erworbene Haus im Brandenburgischen zu verkaufen. Sie selbst stammt aus Österreich und aus diesem Sprachraum stammt auch die Bezeichnung der Alleinruheelage des vereinzelt stehenden Hauses mitten im Wald und nah an einem See. Als sprachliches Bild kann der gleichnamige Titel des Romans ebenso als Beschreibung der mittlerweile allein lebenden und in sich selbst ruhenden Protagonistin verstanden werden. Eine Lebensrückschau beginnt und im Wiederauflebenlassen von alten Geschichten rund um das Haus träumt sich die Erzählerin in ihre Vergangenheit zurück. Menasse bezeichnet sie als „Archäologin einer untergegangenen Familie“ und gleichzeitig steht ihr ein Aufbruch bevor. Episodenhaft streift sie mit kritischem wie (selbst)ironischem Blick durch das persönlich Erlebte und führt gleichermaßen durch die von außen betrachtete deutsch-deutsche Geschichte, vor allem die Nachwendezeit, ohne jedoch einer Chronologie zu folgen. Elternschaft, Nachbarschaftsnöte, Stasi, Kindheitserinnerungen, Liebeslagen, Rasenpflege, Bürokratie, Borkenkäfer. Vermeintlich plaudernd, lotet Menasse dieser Art Diskurse voller historischer Brisanz und großer politischer Aktualität aus. Wer einen handlungsgetriebenen Roman sucht, wird mit Menasses mäandernder Erzählerin sicher nicht glücklich. Alle anderen dürfen sich in ihrem klugen und stilistisch ausgefeilten Gedankenstrom von Höckchen zu Stöckchen treiben lassen und einfach genießen. (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Caryl Lewis : Wenn die Bienen schweigen

Caryl Lewis
Wenn die Bienen schweigen
Übersetzt von Anu Stohner
dtv, 304 Seiten, 18 Euro
ab 14

Ein hoch umzäuntes Barackenlager mitten in der menschenleeren, verdorrten Ödnis. Mehrere hundert Mädchen leben hier, beaufsichtigt von sogenannten Müttern, bewacht von männlichen Soldaten. Als die 13 jährige Jess eingeliefert wird, entlarvt sie ihr kurzes Haar, das eigentlich nur verheiratete Frauen tragen dürfen, unmittelbar als Aufsässige. Ihre Mutter hatte versucht, die Tochter so lange wie möglich “als Junge” vor eben solchen Lagern zu schützen. Jeden Morgen bringen endlose LKW-Kolonnen die Mädchen zu Obstplantagen, wo sie wie emsige Bienen die Blüten per Hand mit Pinseln bestäuben. Mit der ersten Periode wird ihnen in einem öffentlichen Akt das Haar kurz geschnitten und sie werden mit einem genetisch passenden Mann zwangsverheiratet – das Weibliche als Arbeits- und Gebärmaschine. Es ist ein absolut dystopisches Szenario, das sich die preisgekrönte walisische Autorin, Dramatikerin und Drehbuchautorin Caryl Lewis für ihren packenden Jugendroman erdacht hat. Dabei erinnern Setting wie feministischer Erzählton nicht von ungefähr an literarische Klassiker von Magret Atwood oder Jacqueline Harpman. Zudem verortet ihr eindringliches Nachwort die Aspekte der Climate Fiction mit glasklaren Fakten in unserer schon heute brennend aktuellen Realität. Ihre Protagonistin stattet Lewis dafür in großer Zuversicht mit viel Mut und der Macht der Fantasie aus. Ihr leiser, kreativer Akt der Rebellion weckt schließlich den Mut der anderen Mädchen und verbindet sie kraftvoll miteinander für einen Aus- und Aufbruch. (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Eka Kurniawan: Bellende Katzen


Übersetzt aus dem Indonesischen von Sabine Müller
Unionsverlag 2026, 154 Seiten, 22 Euro

Sato Reang ist ein Lausbub im besten Sinne. Fröhlich, lebhaft, neugierig – und mit dem zweifelhaften Talent gesegnet, Ärger geradezu magisch anzuziehen. Gleichzeitig ist Sato der Sohn eines Vaters, der sich nicht nur ein frommes Kind wünscht, sondern eines will. Und fromm zu sein bedeutet in des Vaters Augen: fünf Mal am Tag in die Moschee zu gehen, abends im Koran zu lesen, gottesfürchtig zu sein und eben keinen Ärger zu machen. Weil Sato den Ärger aber anzieht (oder umgekehrt), folgen viele Demütigungen und Strafen, die sich tief in Satos Körper und Denken einschreiben.
Sato ist sieben, als er beschließt, kein frommes Kind sein zu wollen und 16 – der Vater ist gerade gestorben – als er immer wieder zu weit geht. Aus dem süßen Lausbub ist ein gemeiner, ungerechter Junge geworden, den nun selbst andere demütigt. Und zu dem Gefühl von Wut und Verletzung gesellen sich Schuldgefühle, die sich nun ihrerseits in Satos Körper einschreiben.
Eka Kuriawan ist mit „Bellende Katzen“ eine furiose, witzige und wütende, manchmal verstörende Coming-of-Age-Erzählung über Rebellion, Gewalt, Schuld und die schwierige Suche nach einem eigenen moralischen Kompass gelungen, von Sabine Müller mit großer Leichtigkeit ins Deutsche übersetzt. (Katharina Bischoff)

Das bestelle ich bei Dante!