Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Louise Kennedy: Red
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... für Kinder
Emma Carroll: Dracula & Töchter, Band 1
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... für Erwachsene
Nadia Davids: Kapfieber
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... für Erwachsene
Sabrina Janesch: Territorium
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Louise Kennedy: Red

Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Claassen 2026, 384 Seiten, 24 Euro 

Irland, 1980er Jahre. Als die Außenseiterin dem Mädchenschwarm der Schule einen Brief ihrer Freundin übergibt, nimmt eine außergewöhnliche Beziehung ihren Anfang. Red, der gutaussehende badboy aus finanziell besseren, aber gewaltgeprägten Verhältnissen, findet bei Róisín und deren alleinerziehender Mutter lebenslange Freundschaft und familiären Halt. Die moralische Enge und wirtschaftliche Aussichtslosigkeit des kleinen irischen Städtchens treiben die beiden zur Flucht. Sie hat den Dialekt der irischen Arbeiterklasse, er ein familiäres Trauma im Gepäck, so landen sie über Umwege gemeinsam in der Hausbesetzer*innenszene Londons. Stations heißt der Titel im englischen Original und dabei hätte man bleiben sollen, denn es ist der mitreißende Lebensweg einer wütenden, oft beschämten und so klugen jungen Frau, den Louise Kennedy hier erzählt. Róisín bricht ihr Studium ab und in ein Leben auf, in dem sie gerade neben den vorgesehenen Bahnen von Erfolg und Scheitern so etwas wie Selbstbestimmung entdeckt. Red verliert sie unterwegs, findet ihn wieder, bleibt ihm verbunden und versucht trotzdem nie ihn zu retten.
Eine Charakter- und Zeitstudie von unglaublicher Intensität. Selten wurde die Anarchie und Enge der Thatcherjahre so nah erzählt. (Kerstin Follenius)

Das bestelle ich bei Dante!

Emma Carroll: Dracula & Töchter, Band 1

Übersetzt von Fabienne Pfeiffer, Carlsen, 336 Seiten, 15 Euro
ab 10 

Der wohl berühmteste Vampir der Welt respektive der Kultur- und Literaturgeschichte heißt Dracula. Seit Bram Stokers Ur-Fassung aus dem Jahr 1897 gab es unzählige Adaptionen des Themas. Mit Dracula & Töchter reiht sich die englische Autorin Emma Carroll mit einer mehr als geglückten Variante für junge Lesende ein. Ihrem viktorianischen Setting (nebst Bram Stoker in einer nicht unwichtigen Nebenrolle) verpasst sie bei aller steampunkgien Ausstattung zwischen den Zeilen gehörig zeitgemäßen Schwung. Die Bewohner*innen Temstowns haben es seit einer gefährlichen Vampirepidemie vor über zwanzig Jahren gelernt, sich mit Knoblauch, Lavendel & Co. im Alltag gegen Vampire zu wappnen. Doch nun scheint der Spuk von vorn zu beginnen. Die drei charakterlich selbstverständlich sehr unterschiedlichen Protagonistinnen Mina, Buffy und Bella rutschen wider Willen in die Untersuchungen hinein und lernen dabei so manches eigene Familiengeheimnis kennen. Ein wirklich schön gestaltetes Buch, ein bisschen unheimlich und sehr witzig – dieser Reihen-Auftakt macht in jedem Fall Lust auf mehr Geschichten des selbstbewusst verwegenen Trios! (Jana Kühn)

Das bestelle ich bei Dante!

Nadia Davids: Kapfieber

Übersetzt von Stephanie Singh, Doerlemann 2026, 272 Seiten, 23 Euro

Eine Stadt am südafrikanischen Kap, Anfang der 1920er: Soraya scheint sich glücklich schätzen zu können. Bei einer alleinstehenden britischen Witwe kann sie als Dienstmädchen arbeiten, weder sind übergriffige Männer im Haus noch anstrengende Kinder. Trotzdem wappnet sie sich mit einer äußerlich devoten Fassade und verheimlicht Mrs Hattingh, dass ihr Vater, ein religiöser muslimischer Kalligraph, ihr Lesen und Schreiben beigebracht hat. Ihre Arbeitgeberin geriert sich als sozial engagierte Wohltäterin, schreibt für ihre junge Angestellte Briefe an deren Verlobten, verlangt von Soraya aber unablässig Verfügbarkeit und ständige Dankbarkeit. Sorayas Familie braucht dringend ihren Lohn, weshalb sie nicht gegen Mrs Hattinghs immer unverschämtere Ansprüche rebelliert. Aber sie erkennt die Schwächen der Witwe, die den äußeren Schein wahrt, aber kaum ihre Rechnungen bezahlen kann und sich nach ihrem weit entfernt in England lebenden Sohn sehnt. Das muss wiederum Soraya mit Besuchsverbot bei ihrer Familie und ihrem Liebsten büßen. Grandios, wie die Autorin den Kreis um die beiden so ungleichen und einander trotz allem so ebenbürtigen Frauen in dem Haus voller leerer, dauernd geputzter Zimmer immer enger zieht. Aus einem Kammerspiel entwickelt sich ein explosives spannungsreiches Drama um Privilegien, Macht und Ohnmacht, um Ausdauer und Widerstand – mit einem hoffnungsvollen Ende. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!

Sabrina Janesch: Territorium

Rowohlt 2026, 480 Seiten, 26 Euro

„Wie stiehlt man ein Land?“, fragt – rhetorisch – die Journalistin Emma Nãwahĩ in einer ihrer Kolumnen, um die sarkastische Antwort gleich mitzuliefern: durch Manipulation, Unterwanderung, Schamlosigkeit und Vetternwirtschaft. Bereits hier, auf Seite 28 des opulent erzählten Romans „Territorium“, kommt man kaum umhin, Bezüge zu aktuellen politischen Machtspielen zu ziehen.
Hawai’i 1893. Lili’uokalani, die letzte Monarchin des Inselstaates, regiert seit zwei Jahren und ist kurz davor, eine neue Verfassung zu proklamieren, die die Rechte der indigenen Bevölkerung stärken und die der ausländischen Plantagenbesitzer beschränken sollte. Der darauffolgende Putsch markiert den Anfang vom Ende des souveränen Königreiches Hawai’i. 1898 wird es annektiert, 1900 zu US-Territorium erklärt.
„Territorium“ erzählt von dieser Übernahme, mehr noch vom Widerstand, der sich ihr entgegenstellt und schließlich in einem Aufstand gipfelt. Sabrina Janesch hat spürbar tief recherchiert, und ebenso tief taucht man beim Lesen in Hawai’is Geschichte ein. Ein Buch für zwischendurch ist das nicht, dafür ist seine erzählte Welt zu dicht. Wer dem Roman aber Zeit gibt und sich die Muße gönnt, wird belohnt.

Das bestelle ich bei Dante!