Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Im Mai 2020 haben wir zum sechsten Mal die Danteperlen als schöne gedruckte Broschüre veröffentlicht mit einem prallen Jahr voller Lesetipps für Große und Kleine. Die Broschüren sind kostenlos bei uns erhältlich.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Kinder
Sophie Blackall: Lieber Besucher aus dem All
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... für Erwachsene
Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte
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... für Erwachsene
Ulrike Draesner: Schwitters
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... für Erwachsene
Maria Attanansio: Der kunstfertige Fälscher
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Sophie Blackall: Lieber Besucher aus dem All

Aus dem Englischen von Anna Schaub, NordSüd Verlag 2020, 80 S., € 18,-, ab 4

Blackall_Coverentwurf.indd In wenigen Worten, dafür mit umso aufwendigeren Bildtafeln, erzählt Sophie Blackall von einem Kind, das einen Brief an einen Außerirdischen verfasst. Aber wie würde man jemandem die Erde beschreiben, der sie gar nicht kennt? Natur, Tiere, Städte und immer wieder Menschen, verschiedene Familien, Lebensformen und -orte. Staunend entdeckt man seitenweise liebevolle Details. Fünf Jahre hat sie daran gearbeitet – die Sorgfalt, alle mitzudenken, spürt man auf jeder Seite. Die weitgereiste Illustratorin sagt, sie hat versucht, ein Buch über uns alle und den Planeten, den wir uns teilen, zu machen. Und das ist ihr wirklich hervorragend gelungen! (Jana Kühn) Leseprobe

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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan und Robin Detje, Rowohlt 2020, 416 S., € 22,-

Verschwindende_Hälfte_Bennett_Danteperle_DanteConnectionDie Zwillinge Sara und Desiree wachsen im kleinen Städtchen Mallard nahe New Orleans auf. Ein besonderer Ort, denn hier leben nur Schwarze, die Weiß gelesen werden können. Je heller der Hautton, desto größer ist das Ansehen. Darüber hinaus gibt es nicht viel.  Deshalb schleichen sich die Schwestern als junge Frauen heimlich des Nachts davon. Mit einer Tochter an der Hand kehrt Desiree viele Jahre später zurück – der Hautton ihrer Tochter ist tiefschwarz. Von Sara fehlt jedoch jede Spur. Man ahnt nur, dass sie als Weiße lebend alle Brücken zum alten Leben abgebrochen hat. Aus diesen Geschehnissen webt Brit Bennett ein Familienepos über drei Generationen, in dem sie gekonnt Zeitensprünge und Perspektivwechsel arrangiert. Unerwartete Wendungen und kluge Twists machen das Buch zu einem großartigen Schmöker, der aber dennoch aufrüttelnd von gesellschaftlichen und politischen Konflikten erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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Ulrike Draesner: Schwitters

Penguin 2020, 480 S., € 25,-

59136772nKurt Schwitters, hannoverischer Künstler, Sprachspieler, Dadaist, Erschaffer des MERZ-Baus und der Ursonate, floh 1937 vor den Nationalsozialisten erst nach Norwegen und dann, 1940, nach England. Nach den auf das Überleben ausgerichteten Jahren von Flucht, Krieg und der steten Angst vor einer Abschiebung nach Deutschland, tritt in der Nachkriegszeit, da der Entschluss zum Bleiben gefallen ist, die Mühsal des Verstehens und Aneignens der doch so fremden, anderen Kultur in den Vordergrund. Neben der für den Dichter so schmerzlichen Sprachbarriere, verlangen ungekannte „Immerschon“-Regeln, gewöhnungsbedürftige Ess- und Trinkgewohnheiten (Tee mit Milch zu jeder Tages- und Nachtzeit) sowie ein schmerzliches Vermissen des Eigenen, eine anhaltende innere Zerrissenheit, einen kontinuierlichen Kraftakt.
Schwitters Leben steht hier emblematisch für die Schwierigkeiten eines jeden Exils, hilft beim Verstehen der Situation eines jeden Flüchtlings, ob 1940 oder heute. Dass Ulrike Draesner einen Ton findet, der literarisch und sprachkünstlerisch das schwittersche Innen- und Erleben miterfühlbar macht, sich mit diesem ent- und verwickelt und dabei einen fast hypnotischen Klangsog entfaltet, macht dieses Buch zu einem lang nachwirkenden Leseerlebnis. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Maria Attanansio: Der kunstfertige Fälscher

Aus dem sizilianischen Italienisch von Michaela Wunderle und Judith Krieg, Edition Converso 2020, 219 S., € 18,- (Il falsario di Caltagirone, 224 pp., Sellerio 2007, 18,50 €)

Attanasio_Kunstfertige_FälscherWer war Paolo Ciulla? Fast 100 Jahre nach seinem Tod sagt sein Name den meisten auch in Italien nichts. In diesem feinen historischen Roman wird seine einzigartige Geschichte erzählt. Durch eine minuziöse Recherche in Archiven, Gerichtsunterlagen und Mitteilungen wird sein kühnes, abenteuerliches Leben wiedererschaffen als Künstler, Geldfälscher und Pechvogel. Er war homosexuell und stand anarchischen und sozialistischen Gruppierungen nahe, lebte im Paris von Modigliani und Picasso, ging  nach Buenos Aires und kehrte nach Sizilien zurück, wo seine illegale Produktion falscher Geldscheinen entdeckt wurde. Arm und allein starb er nach einigen Jahren Gefängnis.
In kurzen, prägnanten Kapiteln, die an eine Chronik erinnern, schildert Maria Attanasio eine Figur, die die Mächtigkeit einer Legende hat. Mit einem Glossar und ausführlichen Erläuterungen, die die Leser*innen mit zahlreichen Persönlichkeiten, Ereignissen und Sprachbesonderheiten vertraut machen. Ein toller biografischer Roman, der völlig aus dem Rahmen fällt. (Giulia Silvestri)

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