Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Im Mai 2020 haben wir zum sechsten Mal die Danteperlen als schöne gedruckte Broschüre veröffentlicht mit einem prallen Jahr voller Lesetipps für Große und Kleine. Die Broschüren sind kostenlos bei uns erhältlich.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Maddalena Fingerle: Muttersprache
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... für Kinder
Sebastian Kiefer, Benjamin Tienti: Auf dem Gipfel wachsen Chinanudeln
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... für Erwachsene
Dantiel W. Moniz: Milch Blut Hitze
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... für Erwachsene
Gogliarda Sapienza: Tage in Rebibbia
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Maddalena Fingerle: Muttersprache

Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner, Folio 2022, 191 S., € 22,-
(Lingua madre, Italo Svevo 2021, ca. € 26,-)

Welch aufsehenerregendes Debüt aus der nördlichsten Gegend Italiens, das die komplexe Gemengelage im heutigen Südtirol seziert! Eigentlich könnte das Alto Adige heutzutage ein kreatives Labor für Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. In Wirklichkeit leben die Sprachgruppen fein säuberlich nach Proporz getrennt. Paolo, der Icherzähler und sensible Sohn einer italienischsprachigen Bozener Familie, für den Wörter eine fundamentale Bedeutung haben, nimmt wie ein Seismograf das Problematische dieses Missverhältnisses in sich auf. „Dreckige“ Wörter, für ihn gleichbedeutend mit unehrlichem Getue, hasst er so abgrundtief, dass er mit Waschzwang, Verweigerung und kompletter Ablehnung der Repräsentantin seiner Muttersprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt reagiert. Erst mit der Flucht nach Berlin, in den deutschen Sprachraum, kommen seine Obsessionen zur Ruhe, aber selbstverständlich schlummern sie noch.  Bissig-boshaft, klug und sehr unterhaltsam spielt Maddalena Fingerle in ihrem Debüt mit den Fallstricken der Mehrsprachigkeit. Sie übertreibt, persifliert und macht eine:n ziemlich nachdenklich. Und der Folio Verlag hat mit den „Flecken“ auf dem Schutzumschlag für eine besondere Pointe gesorgt! (Stefanie Hetze)

Blick ins Buch

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Sebastian Kiefer, Benjamin Tienti: Auf dem Gipfel wachsen Chinanudeln

Dressler Verlag 2022, 240 S., € 14,-, ab 9

Einige Zeit ist vergangen, seit der 11jährige Elmo zuletzt sein Zimmer verlassen hat. Dass es dem Jungen nicht gut geht, wird sofort klar. Dass der Unfalltod seines älteren Bruders der Grund dafür ist, erschließt sich nur peu à peu. Doch es geht klar aufwärts! Es ist ein struppiger, etwas stinkiger, kleiner Hund, der Elmo aus seinem Versteck vor dem Leben holt und der sein neuer Freund wird. Auch Elmos “Karriere” als Privatdetektiv nimmt sofort Fahrt auf, denn bei der Suche rund um den Hermannplatz nach dem eigentlichen Hundeherrchen stolpert der Junge von einem Fall zum nächsten. Der Platz mit all seinen Bewohner:innen und Imbissbuden mitten im urbanen Chaos ist wichtiger Protagonist in dem turbulenten Großstadtabenteuer. Er ist es zum einen als schwerbefahrener Verkehrsknotenpunkt, zum anderen soziales Epizentrum, in dem hipper Trendbezirk und von Armut gezeichneter Brennpunkt konfliktreich verschmelzen. Dies auch für alle Nicht-Berliner:innen  anschaulich einzufangen, gelingt dem Autoren-Duo mit viel stimmigem Lokalkolorit, witzigen Dialogen und einem temporeichen Erzählstrom. Und wie es mit dem verwegenen Computerspiel MeloDIY, das gerade von allen (!) gespielt wird, weitergeht, erfährt man hoffentlich im nächsten Band. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Dantiel W. Moniz: Milch Blut Hitze

Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Arlinghaus und Anke Caroline Burger, 230 S., C.H. Beck Verlag 2022, € 23,-

Eine Jugendliche mit zu viel Neugier auf die dunklen Seiten des Lebens, eine junge Frau, die nicht darüber hinwegkommt, ihr ungeborenes Kind verloren zu haben, ein Ehemann, der nicht verstehen kann, dass seine Frau den Kampf gegen den Krebs aufgibt, ein zehnjähriges Mädchen, das in existenzieller Not seine beste Freundin verrät und lernen muss, damit zu leben. Das sind nur einige, der immer Lebensumbrüche betreffenden Situationen, welche die junge Autorin Dantiel W. Moniz in ihrem großartigen Debüt beschreibt. Alle Figuren eint, dass sie schwarz sind und in Florida leben, aber jeder Charakter ist einzigartig, mit sensiblem Gespür für psychologische Feinheiten in wenigen präzisen, dichten Worten umrissen, elf meisterliche Kurzgeschichten, in denen jedes Wort sitzt, jeder Satz stimmt. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch weglesen kann, denn jede Geschichte zwingt zum Innehalten, zum Nachspüren. Doch es ist eine lohnende Reise in die Erzählungen einer hochtalentierten Autorin, die der typisch US-amerikanischen Form der Shortstory neues Feuer gibt, neues, zeitgemäßes Leben einhaucht. Bitte mehr davon! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gogliarda Sapienza: Tage in Rebibbia

Gefängnistagebuch. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Aufbau Verlag 2022, 189 S., € 20,-

(L’università di Rebibbia, Einaudi 2012, ca € 14,50)

Eine aus Not begangene Straftat hat die unkonventionelle Intellektuelle, Künstlerin und Aktivistin Gogliarda Sapienza 1980 ins römische Frauengefängnis Rebibbia gebracht. Mangels Häftlingskleidung sticht sie in ihren Seidenhosen mit Bundfalten optisch gleich als nicht Zugehörige heraus, schnell treiben ihr die Mitgefangenen ihr anbiederndes Reden im angelernten römischen Dialekt aus. Doch schnell überwindet sie die Scheu vor ihnen und taucht tief ein in diese abgeschlossene Welt, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Im vollen Frauengefängnis, in dem die Zellen tagsüber geöffnet sind und die unterschiedlichsten Frauen, junge, alte, „Kriminelle“, „Politische“, alle verschiedenster Herkunft, irgendwie miteinander klarkommen müssen. Prall wie ein Fellini-Film ist das Leben hier. Gewalt, Solidarität, Witz, Häuslichkeit, Gemeinheiten, Zartheit, Gleichgültigkeit, Kreativität… die ganze Bandbreite an Verhaltensweisen und Gefühlen, die sich im Knast gleichzeitig abspielen, erlebt Sapienza als einen „Erfahrungsschnellkurs“.  In ihrem Gefängnistagebuch überschreitet sie dabei die Grenzen des persönlichen Memoirs – eigentlich ein Kammerspiel hinter Gefängnismauern öffnet es sich zu einem vielstimmigen großen Gesellschaftspanorama. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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