Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Im Mai 2020 haben wir zum sechsten Mal die Danteperlen als schöne gedruckte Broschüre veröffentlicht mit einem prallen Jahr voller Lesetipps für Große und Kleine. Die Broschüren sind kostenlos bei uns erhältlich.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Nella Larsen: Seitenwechsel
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... für Erwachsene
Antje Rávik Strubel: Blaue Frau
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... für Erwachsene
Sven Regener: Glitterschnitter
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… für Jugendliche
Nora Dåsnes: Regenbogentage
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Nella Larsen: Seitenwechsel

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen mit einem Nachwort von Fridtjof Küchemann, Dörlemann 2021, 224 S., € 20,-

Irene und Clare sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Sie haben afroamerikanische Wurzeln, die nicht auffällig sind. Beide Frauen sind hellhäutig, womit sie sich als Schwarze in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre gewisse Privilegien erlauben können, zum Beispiel die Seite wechseln und sich als Weiße präsentieren. Genau das tut Clare, indem sie einen reichen weißen Rassisten heiratet, der nichts über ihre Herkunft weiß. Irene dagegen lebt mit ihrem Mann in Harlem und befasst sich intensiv mit der politischen Lage der Gemeinde.

Die Wege der zwei Frauen haben sich längst getrennt, als eine zufällige Begegnung in einer Teestube sie wieder in Kontakt miteinander bringt. Schnell erblüht ihre alte Freundschaft, allerdings ist nicht alles eitel Sonnenschein …

In einer schnellfließenden, leicht zu lesenden Prosa berichtet Larsen über komplexe soziopolitische Themen, die immer noch relevant sind. Dieses Buch lässt sich auf einen Zug lesen und bleibt dann lange in den Gedanken. (Giulia Silvestri)

Das bestelle ich!

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Fischer Verlag 2021, 432 S., € 24,-

Als Adina ihr Heimatdorf in den tschechischen Bergen in Richtung Berlin verlässt, ist sie voller Zuversicht. Deutsch lernen wird sie und studieren, ihren Weg machen. In Berlin lernt sie die selbstbewusste Rickie kennen, die ihr einen Job im Oderbruch vermittelt, wo ein Kulturzentrum entstehen soll, mit Fördergeldern der EU. Doch der, der die Gelder bewilligen soll, ist an Adina auf seine eigene Art interessiert. Vergewaltigt, misshandelt und traumatisiert findet Adina den Weg nach Finnland und muss all die ihr verbliebene Kraft aufwenden, sich nicht selbst zu verlieren und ihr Vorhaben, die Täter anzuzeigen, in die Tat umzusetzen.
Ein kunstvoll erzähltes Buch, das unter die Haut geht. In präzise, bisweilen poetisch formulierten Sätzen, in vier einander ergänzenden und aufeinander verweisenden Teilen, benennt es die Strukturen, die es möglich machen, dass – insbesondere osteuropäische – Frauen zu Sexualobjekten degradiert werden, handelt es von toxischer Männlichkeit, Machtmissbrauch und der Mitschuld derer, die wegschauen oder nicht gut genug hinsehen. Wer die blaue Frau ist, bei deren Auftauchen „die Erzählung innehalten muss“, sollte jede:r selbst für sich erlesen.
Der Roman ist auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert.
(Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Sven Regener: Glitterschnitter

Galiani 2021, 471 S., € 24,-

 

Westberlin in den Achtzigern, wieder das Café Einfall in der Wiener Straße. Sven Regener bleibt sich treu. Wieder von der Partie sind auch die alten Bekannten rund um Frank Lehmann, der versucht, vom Putzmann zur Tresenkraft  aufzusteigen, indem er mit aufgeschäumtem Milchkaffee in riesigen Schüsseln seltsame neue Kundschaft anzieht. Erwin, der Kneipier, will wie immer nur Flaschenbier verkaufen. Chrissies Mutter will ihrer Tochter im weit entfernten Spandau Möbel kaufen. Charlie, Ferdi und Raimund wollen mit ihrer Band Glitterschnitter samt Bohrmaschine unbedingt bei der Wall City Noise auftrumpfen. Die ArschArtGalerie-Männer wollen wieder palavernd ihr Unwesen treiben und H.R. Ledigt will unbedingt eine komplette (!) Ikea-Musterwohnung in seinem Zimmer nachbauen . . . Ein Möchtegern-KOB, Punks aus dem Hinterhaus, Manager, Nachbarn und eine Schwangerengruppe komplettieren das Personenpanoptikum, dem Regener bei aller Drastik und Absurdität multiperspektivisch Leben einhaucht. Mit seinen überbordenden Einfällen, atmosphärischer Detailgenauigkeit, aberwitzigen Bandwurmsätzen, rasant und rhythmisch getaktet, in einem wilden Bewußtseinsstrom können wir eintauchen in die Gefühlswelten, in die Leidenschaften und Verirrungen seiner Figuren – und oft herzhaft über sie lachen. Dabei geht es um die ganz großen Fragen nach Träumen und Selbstverwirklichung. Glitterschnitter – einfach genial! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Nora Dåsnes: Regenbogentage

Aus dem Norwegischen von Katharina Erben, Klett Kinderbuch 2021, 256 S., € 18,-, ab 10

Norwegens Kinderliteratur hat es in sich, nimmt sich mit Lockerheit und Ideenreichtum brisanter Themen an, so auch Nora Dåsnes in ihrer Graphic Novel über die 12jährige Tuva. Am letzten Ferientag freut diese sich auf ihre Freundinnen Bao und Linnéa, beginnt ihr Tagebuch mit fünf Vorsätzen für die 7. Klasse: Tagebuchvollschreiben, einen coolen Style finden, eine tolle Bude bauen, einen Übernachtungs-geburtstag feiern und sich vielleicht verlieben. Am nächsten Tag der Schock, es ist alles anders geworden. Linnéa hat einen Freund und hängt nur am Handy, Bao ist stinksauer, Tuva hin- und hergerissen – und dann kommt ein cooles Mädchen neu ins Schulorchester.

Fein lotet Dåsnes die Gefühle und Spannungen zwischen den Mädchen aus. Es kommt zur Spaltung zwischen denen, die sich verlieben und denen, die es nicht tun. Fragen wie Cool-Sein, Reif-Sein sind plötzlich enorm wichtig, entscheiden über Ausgrenzung oder Drinsein. Gleichzeitig trauert Tuva ihrer unbeschwerten Dreierfreundschaft nach. Kommen sie wieder zueinander? Spielt es eine Rolle, vielleicht lesbisch zu sein? Getragen wird das Hin und Her der Gefühle mit Happyend von den variantenreichen Illustrationen und der Gestaltung, die mit den Regenbogenfarben spielt. Auch wunderbar inspirierend zur Nachahmung für ein eigenes Tagebuch. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!