Elisabeth de Waal: Donnerstags bei Kanakis

Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Mit einem Vorwort von Edmund de Waal und einem Nachwort von Sigrid Löffler. Zsolnay 2014, € 19,90, TB Ausgabe € 9,90

donnerstags_bei_kanakis_danteperle_dante_connectionEdmund de Waal („Der Hase mit den Bernsteinaugen“)  hat jetzt einen Roman seiner Großmutter Elisabeth herausgegeben, einer hochgebildeten, aber zeitlebens unveröffentlichten Autorin aus der Ephrussifamilie, die aus Wien vertrieben und enteignet wurde.
“Donnerstags bei Kanakis“ spielt im Wien der Nachkriegszeit. Noch ist die Stadt unter amerikanischer Besatzung, längst haben die alten Mächtigen, die Nazis, Adeligen, Jesuiten, Immobilien- und Antiquitätenhändler ihre Terrains zurückerobert und fest abgesteckt. In diese geschlossene Gesellschaft lässt Elisabeth de Waal mehrere Menschen mit ihren Hoffnungen und Absichten eintreten, so einen jüdischen vertriebenen Wissenschaftler, einen schwulen Wiener Griechen, im Exil zu enormem Reichtum gekommen, eine halb von österreichischem Adel abstammende  junge Amerikanerin. Wie sie versuchen, anzuknüpfen, anzukommen, ja gar Recht zu erhalten, wird in einem vielschichtigen Tableau vorgestellt. Diese Erzählstränge erzeugen ein dichtes Stimmungs- und Gesellschaftsbild aus dem engen Wien der fünfziger Jahre, das für die Rückkehrer aber trotz allem Heimat und Sehnsuchtsort ist. Ihrer Zerrissenheit, ohne Bitterkeit viele Stimmen gegeben zu haben, macht die Lektüre heute zu einem großen Gewinn. (Stefanie Hetze) Leseprobe