Suhrkamp 2026, 253 Seiten, 24 Euro
Heike Geißler ist mit ihrem neuen Buch etwas ganz Großes gelungen. Michael Kohlhaas, Kleists
wutbürgernder Selbstjustiziar, dieses Urbild eines deutschen Aufbegehrens gegen die Obrigkeit, dass als Idee einer bürgerlichen Gegenwehr gerade von Rechts her ins Bild zu flimmern scheint, ist wieder sicher. Es brauchte dazu die Stimme einer Frau, die diesen männlichen Stolz, dieses Recht auf Rache hinter sich lässt und einer Kränkung Raum gibt, die endlich wieder politisch sein kann. Heike Geißler wagt sich hinein, in jenen Bereich zwischen zivilem Ungehorsam und Wutbürger*innentum, diesem aktuell so brandgefährlichen, weil so schwer fassbaren Terrain. Sie schickt eine Frau auf diesen schmalen Grat, die bestens ausgestattet ist, ihre Linie zu halten, sich nicht vereinnahmen zu lassen von populistischer Vereinfachung. Michaela Kohlhaas ist die „Stütze des Systems a.D.“, eine Mutter Courage, die mit ihrem Planwagen durch „leergeförderte Landschaften“ zieht, die eigene Zahmheit bekämpft und sich dem Unrecht des Systems sehr präzise und sichtbar entzieht. Sie ist die Möglichkeit eines Ausstiegs, der lockt und doch sehr hoch im Einsatz ist, was Geißler stets miterzählt: Immer wieder tritt die Erzählerinnenstimme hervor und zeigt ihr Ringen mit Michaela, der Zivilcourage, die diese Michaela in die Welt bringt. Eine Kampfschrift voller Demut. Ein so kluger, leiser Aufschrei nach Engagement. Eine Sprache, so präzise, wie verschlungen, um die Komplexität unserer Gegenwart einzufangen. Die wichtigste Überschreibung seit langem. (Kerstin Follenius)
