Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nancy Mitford
Liebe unter kaltem Himmel
Übersetzt von Reinhard Kaiser

Schöffling 2026, 352 Seiten, 24 Euro

Polly ist eine Bilderbuchschönheit, aus bestem steinreichem Adel und in einem Alter, in dem selbstverständlich eine Eheschließung ansteht. Das findet zumindest ihre Mutter, die despotische Lady Montdore, eine Dame, mit der nicht zu scherzen ist. Ihre ihr ebenbürtige Tochter entzieht sich durch die Heirat mit einem angeheirateten und überdies übergriffigen Onkel den elterlichen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird enterbt, und da taucht ein Cedric auf, der schön wie Polly ist, überhaupt nicht dem englischen Männlichkeitsideal entspricht und nicht nur Lady Montdore verzaubert und verwandelt.
Nancy Mitfords politisch unkorrekter Roman ist ein grandioses Lesevergnügen. Aus der Perspektive der bürgerlich-vernünftigen Erzählerin Fanny, die zwischen Solidarität für ihre Freundin Polly und dem leidenschaftlichen Interesse am Hause Montdore schwankt, werden die Absurditäten der Gebräuche der britischen Aristokratie zwischen den zwei Weltkriegen bissig-genüsslich aufs Korn genommen. Eine Übertreibung reiht sich an die nächste Exaltiertheit. Und dies in einer funkelnden, klaren Sprache, die in der zeitlosen Übersetzung Reinhard Kaisers immer noch schön gemein klingt und nonchalant Themen wie Selbstoptimierung, Gendervielfalt, Queerness berührt. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich bei Dante!