Lisa Kränzler: Coming of Karlo

Verbrecher Verlag 2019, 624 S., € 29,-

Kränzler_Lisa_Coming_of_Karlo_Dante_Connection_DantperleSiebzehn zu sein ist schon in sich nicht einfach. Karlo ist cool, beliebt und dennoch von Langeweile besessen. Er hat Freunde, spielt Fußball, Mädchen stehen auf ihn. Und in seiner Teenagerwelt kann er sich viel leisten, sogar beleidigend zu werden, ohne den Preis für sein Verhalten zahlen zu müssen. Dann verletzt er sich beim Fußball spielen, beginnt zu zweifeln, dass sein Vater wirklich sein Vater ist und lernt eine starke, heftige junge Frau kennen. Das alles hat einen enormen Einfluss auf seine Existenz.
Mit rasanter Sprache erzählt Lisa Kränzler eine erbitterte Coming-of-Age-Geschichte, die mal amüsiert, mal wehtut. Camus wird zitiert und Hip-Hop Songtexte werden eingefügt, Anmerkungen stehen wie in einem wissenschaftlichen Text am Seitenfuß, geschwärzte Seiten tauchen plötzlich auf: Beim Lesen fühlt man sich wie auf einer bizarren Achterbahn der Gefühle. „Coming of Karlo“ ist wie ein verzwicktes Spiel, das man trotz geringer Gewinnchancen bis zum Ende spielen will, ein feines Kunstwerk für unabhängige Köpfe. (Giulia Silvestri)

Leseprobe

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Dilek Güngör: Ich bin Özlem

Verbrecher Verlag 2019, 157 S., € 19,-

IchBinÖzlem„Ich bin Özlem.“ Wenn sie sich mit diesen Worten in einer neuen Runde vorstellt, weiß die als Kind türkischer Einwanderer Geborene, dass ab sofort, ungewollt und unaufgefordert ihre Herkunft mit ihr im Raum steht, bzw. das was sich ihr Gegenüber darunter vorstellt. Meist beeilt sie sich noch den Satz, dass ihre Eltern aus der Türkei kommen, hinterherzuschieben. Dass sie Berlinerin ist, Ehefrau, Mutter zweier Kinder, Deutschlehrerin usw. beschreibt scheinbar einen deutlich kleineren, unwichtigeren Teil ihrer Person – auch für sie selbst. Damit hadert die erwachsene Frau zunehmend und dieser Konflikt sucht sich langsam seinen Weg an die Oberfläche, bis er in einer Diskussion mit den doch eigentlich besten Freunden zum Ausbruch kommt. Dilek Güngör kreist um die Themen Identität und Herkunft. Sie lässt Özlem aus ihrer Kindheit und Gegenwart erzählen, verschränkt die Zeitsprünge und Rückblenden gekonnt und geradezu leichtfüßig. Es geht um Zuschreibungen bzw. um die Angst davor und eigenen Umgang damit. Dabei rüttelt sie ihre Protagonistin Özlem einmal durch und vor allem auf – und ähnliches passiert auch beim Lesen, nur eben aus einer anderen Perspektive. Hochaktuell und sehr empfehlenswert, gerade auch um das eigene, ach so linksliberale und vermeintlich vorurteilsbewusste Denken zu hinterfragen! (Jana Kühn) Leseprobe

Dilek Güngör liest am Dienstag, den 2. April in unserer Buchhandlung!

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Dienstag, 2.4.

Dilek Güngör: Ich bin Özlem (Verbrecher Verlag)

DilekGüngör
(c) Ingrid Hertfelder

»Meine Eltern kommen aus der Türkei.« Alle Geschichten, die Özlem über sich erzählt, beginnen mit diesem Satz. Nichts hat sie so stark geprägt wie die Herkunft ihrer Familie, glaubt sie. Doch noch viel mehr glaubten das ihre Kindergärtnerinnen, die Lehrer, die Eltern ihrer Freunde, die Nachbarn. Özlem begreift erst als erwachsene Frau, wie stark sie sich mit dieser Zuschreibung identifiziert IchBinÖzlemhat. Aber auch wie viel Einfluss andere darauf haben, wer wir sind. Özlems Wut darüber bahnt sich ihren Weg, leise zunächst, dann allerdings, bei einem Streit mit ihren Freunden, ungebremst: Von Rassismus ist die Rede und von Selbstmitleid, von Scham und Neid, von Ausgrenzung und Minderwertigkeitsgefühlen. Ihre Geschichte will Özlem von nun an selbst bestimmen und selbst erzählen. Wie das geht, muss sie erst noch herausfinden.

Mit genauem Blick und bestechender Offenheit beschreibt Dilek Güngör, welche Kraft es kostet, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die besessen ist von der Frage nach Zugehörigkeit, Identität und der »wahren« Herkunft.

wann? Dienstag, 2. April um 20.00 Uhr

Vorverkauf 6 € / 4 €
Tageskasse 8 € / 5 €

Dilek Güngör, 1972 in Schwäbisch Gmünd geboren, studierte Übersetzen in Germersheim, Journalistik in Mainz und Race and Ethnic Studies in Warwick, England. Als Journalistin arbeitete sie bei der „Berliner Zeitung“. Ihre gesammelten Kolumnen aus der „Berliner Zeitung“ und der „Stuttgarter Zeitung“ erschienen in den Bänden, „Unter uns“ und „Ganz schön deutsch“. 2007 wurde ihr Roman „Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“ veröffentlicht. Dilek Güngör ist Stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Kulturaustausch“ und schreibt als Gastautorin Beiträge für die Zeit Online Kolumne „10 nach 8“.

Lesung mit Dilek Güngör

DilekGüngör
(c) Ingrid Hertfelder

 

 

 

 

 

 

»Meine Eltern kommen aus der Türkei.« Alle Geschichten, die Özlem über sich erzählt, beginnen mit diesem Satz. Nichts hat sie so stark geprägt wie die Herkunft ihrer Familie, glaubt sie. Doch noch viel mehr glaubten das ihre Kindergärtnerinnen, die Lehrer, die Eltern ihrer Freunde, die Nachbarn. Özlem begreift erst als erwachsene Frau, wie stark sie sich mit dieser Zuschreibung identifiziert hat.

Dilek Güngör: Ich bin Özlem
wann? Dienstag, 2. April um 20.00 Uhr

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Hendrik Otremba: Über uns der Schaum

Verbrecher Verlag 2017, 277 S., € 22,-

Otremba_Über_uns_der_Schaum_Danteperle_DanteConnectionEs steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)

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Naira Gelaschwili: Ich bin sie

Aus dem Georgischen von Lia Wittek, Verbrecher Verlag 2017, 169 S., € 22,00

CoverDie erste große Liebe ist immer ein Füllhorn neuer Gefühle, Gedanken und Erfahrungen. Aber das, was der 12jährigen Nia widerfährt, sprengt diesen geradezu abscheulich faden Gemeinplatz und in derart intensiv verdichteter Prosa hat man selten nur über dieses erste große Staunen des Herzens gelesen. Und Naira Gelaschwili lässt Nias Herz bei weitem nicht nur staunen: es windet sich, wimmert und vibriert, weiß nicht wohin und wie. Der junge Mann im Haus gegenüber bleibt dennoch unerreichbar fern. Man möchte dieses Mädchen in die Arme schließen … Ach Kind, es wird nicht einfacher, aber doch irgendwie leichter, mit der Zeit! In Zeiten der mächtig dicken Bücher ein beglückendes Kleinod und eine sehr lesenswerte Entdeckung aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. (Jana Kühn) Leseprobe

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Almut Klotz: Fotzenfenderschweine

Verbrecher Verlag 2016, 144 S., € 19,00

klotz_fotzenfenderschweine_danteconnection_danteperleErst trafen sie einander jahrelang nicht, obwohl es Überschneidungen gegeben hätte. Dann sollte es auch nach dem Kennenlernen noch lange dauern, bis aus beiden ein Paar wurde, und was für eines: Almut Klotz und Reverend Christian Dabeler. Sie vormals Sängerin der Lassie Singers, Betreiberin des Labels Flittchen Records und bestens vernetzt in der Berliner Indie Szene; er Hamburger Organist, düsterer Einzelgänger und eher Szene-Außenseiter. Und was für eine Beziehung die beiden lebten, die das Streiten bis zum Exzess kultivierte! So entblößend offen die Details sind, so unsentimental ihr Erzählton auch daherkommt, rührt diese Geschichte doch umso mehr an. Das Leben, die Liebe – verrückt, oder wie kann ein Mann, der im ersten Annähern “nicht nur narkoleptisch, impotent und esoterisch, sondern wahrscheinlich auch noch Legastheniker oder Schlimmeres” war, die große Liebe werden? Almut Klotz erzählt diese Geschichte, die zum ganz großen Ding wurde, bevor sie ein viel zu frühes Ende fand. Fotzenfenderschweine blieb Fragment, Almut Klotz verstarb 2013 an Krebs. Sie hinterließ eine Art Biografie, die nun von Reverend Christian Dabeler und Aaron Klotz, dem Sohn der Autorin, unverändert und unvollendet herausgegeben wurde. (Jana Kühn)

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Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz

Verbrecher Verlag 2014, € 19,00.

Layout 1Es ist verdammt ruhig geworden im Leben von Nina Krone: Häuser werden nicht mehr besetzt wie in den Achtzigern, sondern – wenn auch unsaniert – per Mietvertrag bewohnt, ein schmales, aber doch regelmäßiges Einkommen ist vorhanden, die Kinder sind erwachsen und ausgezogen, die befreundeten Akademikerpaare langweilen schlicht und nicht einmal Drogen taugen mehr zum großen Rausch und Taumel. Wann ist das alles nur so klein geworden? Desillusion pur! Doch mit der Kontaktaufnahme zur störrischen Nachbarin Frau Scholz, dem Kinderwunsch des schwulen Schluffi-Sohns und dem anstehenden Filmprojekt der Karriere-Tochter überschlagen sich plötzlich wieder die Ereignisse. Sarah Schmidt beobachtet ihre Protagonisten sehr genau und mit viel Witz, dreht dabei auf bis zur rabenschwarzen Komödie und bleibt dennoch ihren schrulligen Kreuzbergern herzlich zugewandt. Ein Großstadt- und Familienroman und eine amüsant kluge Lektüre nicht nur, aber besonders für alle von hier! (Jana Kühn) Leseprobe

Dienstag, 29.11. um 20.15 Uhr

Bücherklatsch mit Jörg Sundermeier und Kristine Listau

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(c) Nane Diehl
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(c) Nane Diehl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Autor und Journalist Jörg Sundermeier und die Literaturagentin Kristine Listau stellen ihren gemeinsam geführten, unabhängigen Berliner Verbrecher Verlag vor. Umfangreiche Werkschauen, moderne Klassiker und junge Talente bestimmen das Belletristikprogramm, kritische, engagierte Stimmen prägen das vor allem politische Sachbuch. Die Dantedamen empfehlen dazu ihre Lieblingsbücher der Saison. In aller Muße kann auch nach weihnachtlichen Geschenken gestöbert werden. Und wie immer gibt es kulinarische Köstlichkeiten zu probieren!

Eintritt frei. Reservierung erbeten.