Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf

Aus der aus dem Afrikaans übersetzten englischen Fassung von J. M. Coetzee übertragen von Renate Stendhal, Wagenbach 2020, 160 S., € 18,-

StockenströmEine Frau unbestimmten Alters lebt allein in einem hohlen Baobabbaum im Veld, dem Plateau im Inland Südafrikas. Die in der Nähe lebenden „Kleinen Menschen“ – wahrscheinlich Mitglieder des San-Volks, die sich durch eine recht helle Hautfarbe und eine geringe Körpergröße auszeichnen- meiden sie, versorgen sie jedoch auch mit Lebensmitteln. Wie aus der Zeit gefallen versucht sie sich und die Zeit zu fassen, kreist um ihren Aufenthaltsort, ihre Seele, verliert sich in Träumen und im Schlaf. In Episoden, welche die chronologische Zeit aufheben, erzählt sie uns ihr Leben. Als Kind mit Gewalt aus ihrem Dorf entführt, als Sklavin verkauft, hat sie unter drei „Herren“ gelebt, die sie alle auch als Sexualobjekt missbrauchten und ihre Kinder früh weiterverkauften, bis ein „Fremder“ sie als Geliebte mitnimmt auf eine aussichtslose Expedition ins Inland, auf der Suche nach einer nie erreichten mythischen Stadt, und sie allein zurückbleibt.
Ein hochpoetischer Roman von größter Erzählkunst und schwebender Präzision, der uns in eine sowohl wirklichkeitspralle als auch magische Welt entführt und verzaubert zurücklässt. Jetzt ist das erstmals 1987 auf Deutsch erschienene Buch in der wunderschön gestalteten Quartheft-Reihe von Wagenbach endlich wieder erhältlich. (Syme Sigmund)

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Yewande Omotoso: Die Frau nebenan

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck, List 2017, 272 S., € 18,00

Yewande_Omotoso_Die_Frau_nebenan_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleKapstadt, Südafrika – die achtzigjährigen Nachbarinnen Hortensia und Marion sind erbitterte Feindinnen, die einander in den Eigentümerversammlungen ihrer exklusiven Wohnanlage auf hohem Niveau und mit allen Raffinessen bekriegen. Beide Frauen waren beruflich außerordentlich erfolgreich und mit ebensolchen Männern verheiratet. Doch ist ihr Machtkampf keiner zweier Gleicher. Hortensia ist die einzige schwarze Villenbesitzerin in diesem Reichenvorort und hat als Trumpf immer den Rassismusvorwurf in petto. Doch weiß Marion genau, wie sie die andere treffen kann. So unterbreitet sie ihrer Feindin genüsslich das Ansinnen von Nachfahren ehemaliger Bewohner des Lands, ausgerechnet auf Hortensias Grundstück bestattet werden zu wollen und damit in deren Autonomie einzugreifen.

Je weiter sich das Nachbarinnendrama hochschaukelt, zerlegt Yewande Omotoso mit viel Fingerspitzengefühl und charmanter Ironie die vielschichtigen Folgen von Kolonialismus und Apartheid, aber auch von den gescheiterten Lebensentwürfen ihrer toughen Protagonistinnen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Malla Nunn: Tal des Schweigens

Aus dem australischen Englisch von Laudan & Szelinski. Argument Verlag 2015. €13,-

31_nunn_tal-des-schweigensSüdafrika 1953, Emmanuel Cooper, der mit der Geliebten seines Chefs im Bett liegt, wird nachts zu einem unerquicklichen Einsatz beordert. Fernab der Stadt wurde ein schönes Zulumädchen, Tochter des mächtigen ansässigen Chiefs, im Gebirge nur mit langem Fußmarsch erreichbar, blumenbeschmückt und auf einer kostbaren Decke liegend, ermordet aufgefunden. Rätsel über Rätsel tun sich in diesem “Tal des Schweigens” auf. Die Zuluclans samt ihren Kriegern, die weißen Farmer, die sich als Afrikaaner und Buren befeinden, die Ärztin, die örtliche Polizei, sie alle mauern und sind Teil des starren absurden Apartheitssystems. Selbst Cooper, Repräsentant der mächtigen weißen Polizei, aber auch nicht “reinrassig”, und sein Assistent Shabalala, ein Zulu im Maßanzug, die sich bestens verstehen, müssen jede ihrer Handlungen an den schizophrenen Regeln des Regimes austarieren. Direkt nachvollziehbar zu machen, wie sich die Apartheit auf die minimalsten menschlichen Beziehungen auswirkte, ist neben dem sehr spannenden Plot Malla Nunns großer Verdienst. (Stefanie Hetze)

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