Samuel Selvon: Die Taugenichtse

Mit einem Nachwort von Sigrid Löffler. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow, dtv 2017, 176 S., € 18,-

Selvon_Samuel_Die_Taugenichtse_Dante_Connection_BuchhandlungSonntags treffen sich in Moses Aloettas schäbigem kleinen Zimmer „die Taugenichtse“, er, seine Freunde und Zufallsbekannten und reden über ihre Geldsorgen, Wohnungsprobleme und vor allem über den Rassismus, den sie, die schwarzen Einwanderer aus der Karibik tagtäglich im kalten abweisenden London erfahren. Unterschiedlich sind ihre Strategien, das zu überleben. Manche sind Meister, auf Pump zu leben, andere Kleinkriminelle, verzweifelte Taubenfänger und -esser, andere wieder versuchen sich als unwiderstehliche Verführer junger Engländerinnen oder nehmen die Widrigkeiten mit Witz und Ironie.

Eine kleine Sensation hat der dtv-Verlag da ausgegraben, „The Lonely Londoners“ 1956 in Großbritannien erschienen und ein Pionierwerk für migrantische Literatur, war bis heute nie in deutscher Übersetzung erschienen. Vermutlich bestanden Zweifel ob der Übersetzung, dass sich in Deutschland niemand an die Herausgabe wagte, denn Selvon schuf für seinen Roman eine ganz eigene kreolisch-englische Kunstsprache. Plus den vielen Stimmen, die er seinen Figuren, gibt, hat er einen unvergleichlichen neuen Erzählton geschaffen, den Miriam Mandelkow bravourös ins Deutsche übertragen hat. (Stefanie Hetze)

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Elisabeth de Waal: Donnerstags bei Kanakis

Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Mit einem Vorwort von Edmund de Waal und einem Nachwort von Sigrid Löffler. Zsolnay 2014, € 19,90, TB Ausgabe € 9,90

donnerstags_bei_kanakis_danteperle_dante_connectionEdmund de Waal („Der Hase mit den Bernsteinaugen“)  hat jetzt einen Roman seiner Großmutter Elisabeth herausgegeben, einer hochgebildeten, aber zeitlebens unveröffentlichten Autorin aus der Ephrussifamilie, die aus Wien vertrieben und enteignet wurde.
“Donnerstags bei Kanakis“ spielt im Wien der Nachkriegszeit. Noch ist die Stadt unter amerikanischer Besatzung, längst haben die alten Mächtigen, die Nazis, Adeligen, Jesuiten, Immobilien- und Antiquitätenhändler ihre Terrains zurückerobert und fest abgesteckt. In diese geschlossene Gesellschaft lässt Elisabeth de Waal mehrere Menschen mit ihren Hoffnungen und Absichten eintreten, so einen jüdischen vertriebenen Wissenschaftler, einen schwulen Wiener Griechen, im Exil zu enormem Reichtum gekommen, eine halb von österreichischem Adel abstammende  junge Amerikanerin. Wie sie versuchen, anzuknüpfen, anzukommen, ja gar Recht zu erhalten, wird in einem vielschichtigen Tableau vorgestellt. Diese Erzählstränge erzeugen ein dichtes Stimmungs- und Gesellschaftsbild aus dem engen Wien der fünfziger Jahre, das für die Rückkehrer aber trotz allem Heimat und Sehnsuchtsort ist. Ihrer Zerrissenheit, ohne Bitterkeit viele Stimmen gegeben zu haben, macht die Lektüre heute zu einem großen Gewinn. (Stefanie Hetze) Leseprobe