Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag 2017, 640 S., € 26,00

Ulitzkaja_Ljudmila_Jakobsleiter_Danteperle_Dante_ConnectionEin sehr persönliches Buch und auch wieder nicht. Jahrelang ließ Ljudmila Ulitzkaja die Liebes- und Ehebriefe ihrer Großeltern ungelesen in einer Mappe, scheute sie sich, den Geheimnissen ihrer Familie ins Auge zu sehen. Als sie sich endlich überwand und die jahrzehntelange Korrespondenz las, die von inniger Liebe, großem Zerwürfnis und kleinen familiären Ereignissen in wuchtigen Zeiten von Revolution und Totalitarismus zeugt, war die Idee zu ihrem Roman geboren.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten, noch aus zaristischen und bis aus der Gegenwart, erzählt sie in Jakobsleiter, was unter den heftigen gesellschaftlichen Verhältnissen aus der schwärmerischen Liebe eines intellektuell-künstlerischen Paares und ihren Nachfahren wurde. Sie umspannt dabei ein ganzes Jahrhundert, schreibt von Armut, Verbannung, Stalinismus, von Alltag, Arbeit, Zusammenleben, von Theater, Musik, Wissenschaft und entwirft den intimen und ebenso allumfassenden Kosmos einer russischen Familie, die einem beim Lesen ungemein nahekommt. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire

Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser 2014, € 17,90, TB Ausgabe € 9,90

Gasdanow_24471_MR.inddNach “Das Phantom des Alexander Wolf” liegt nun der 1930 erschienene, stark autobiographisch gefärbte Debutroman Gasdanows erstmals auf deutsch vor. Die Liebe zu Claire, die der Autor nach zehn Jahren Trennung im Pariser Exil wiedertrifft, bildet die Rahmenhandlung zur Beschreibung einer Kindheit und Jugend im vorrevolutionären Russland. Der junge Kolja empfindet das Leben als sinnlose Abfolge von Ereignissen und Begegnungen, er tut sich schwer, Erlebnis- und Gedankenwelt, innere und äußere Existenz zu trennen. Der Wunsch seine “eigenartige Taubheit” zu überwinden lässt ihn auf Seiten der weißen Armee in den Krieg ziehen und schließlich auf der Flucht vor den siegreichen Bolschewiki nach Frankreich emigrieren. Kunstvoll erzählt, mit einer – von Rosemarie Tietze wunderbar übersetzten – Sprache großer Tiefe und poetischer Intensität, entfaltet sich dem Leser die illusionslose Sicht auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. (Syme Falco) Leseprobe

M. Agejew: Roman mit Kokain

Aus dem Russischen von Valerie Engler und Norma Cassau, Manesse Verlag 2012, € 22,95

22-agejew_kokainNein, sympatisch ist er einem nicht, der Protagonist dieses erstmals 1936 in Paris unter einem bis heute nicht mit absoluter Sicherheit zuordbaren Pseudonym veröffentlichten Romans – sogar Nabokov wurde er zugeschrieben, doch wahrscheinlich stammt er aus der Feder des zu jener Zeit in Istanbul ansässigen Mark Lewi. Der junge Mann behandelt seine alte Mutter mit Arroganz und Grausamkeit, verführt ein junges Mädchen und steckt sie bewusst mit Syphilis an, ist zynisch, gefühlskalt, hochmütig und ohne Moral. Er streift durch das Moskau der Vorrevolution, verprasst das seiner in Armut lebenden Mutter gestohlene Geld und verfällt schließlich dem Kokain, das ihn zugrunde richtet. Doch der Roman zieht den Leser durch seine elegante Sprache in den Bann und beschreibt mit unheimlicher Nachvollziehbarkeit die Abgründe einer intellektuellen, zur Grausamkeit und Narzismus neigenden menschlichen Seele. Eine in der Tradition der Großmeister der russischen Literatur stehende großartige literarische Wiederentdeckung. (Syme Falco)

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, Hanser 2012, € 17,90, TB dtv 2014, € 9,90

gasdanow-das-phantom-des-alexander-wolf_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin junger Mann schießt während des russischen Bürgerkriegs in Notwehr auf seinen Verfolger und lebt fortan mit der Überzeugung, einen Mord begangen zu haben. Jahre später liest er die Erzählungen eines Alexander Wolf, der die gleiche Szene aus Sicht des Verfolgers beschreib. Sein vermeintliches Opfer hat also überlebt. Fortan lässt den Ich-Erzähler die Idee nicht los, Wolf zu finden. Doch wer ist dieser Mann, der plötzlich so viele Spuren hinterlässt und so viele verschiedene Gesichter zu haben scheint? Ein elegant geschriebenes Buch, das letztendlich um das Thema Erinnerung kreist, aus der Feder eines lange verkannten ganz großen Autors der russischen Literatur. Der 1903 geborene Gasdanow gehörte einer Gruppe junger Literaten in Paris an, die sich von der russischen Prosatradition des 19. Jahrhunderts abwandten, und Proust, Kafka und Joyce zum Vorbild hatten. “Das Phantom des Alexander Wolf” schrieb er 1948. Es erscheint hier erstmals in deutscher Übersetzung. (Syme Falco)