Jérôme Ferrari: Nach seinem Bilde

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2019, 208 S., € 20,-

FerrariAntonia, eine junge Fotografin, verunglückt auf dem Weg in ihr korsisches Heimatdorf tödlich.
Ihr Onkel, ein Priester, hält die Totenmesse. Im Laufe der Begräbnis-Liturgie – deren einzelne Stationen auch das Buch in Kapitel strukturieren – erinnert er sich an seine Nichte, die sich als junges Mädchen in einen militanten Kämpfer der korsischen Unabhängigkeitsbewegung FLNC verliebt und später als Kriegsfotografin nach Bosnien geht.
Anhand der fiktionalen Fotografien seiner Protagonistin zeichnet Ferrari die Lebensgeschichte Antonias nach, für die es irgendwann nur noch zwei Kategorien der Fotografie gibt, jene, die nicht hätte existieren dürfen, da sie die unerträgliche Brutalität der Welt zeigt, und solche, die so banal ist, dass sie nicht verdient zu existieren, aber auch die Geschichte der FLNC und der Kriegsfotografie als Dokument des Todes und der Gewalt, bis mit den Drohnen „der Tod verblasst und sich im Raum einer virtuellen Welt aufhebt“. Dem Autor ist ein philosophisch-literarisches Kleinod über die Abgründe des Menschlichen gelungen, ein Text, der den Leser mit dichter Atmosphäre und sprachlicher Brillanz zu fesseln vermag. (Syme Sigmund)

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Fran Ross: OREO

Mit einem Nachwort von Max Czollek. Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, dtv 2019, 289 S., € 22,-

Ross_Fran_Oreo_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungChristine Clark, die nach dem dunklen Keks, der  eine helle Füllung hat, den Spitznamen „Oreo“ trägt, ist tough und superschlau und hat bereits als Mädchen eine unschlagbare Selbstverteidigungsmethode entwickelt. Ihre familiäre Situation ist komplex: Oreo wächst mit ihrem kleinen Bruder bei der schwarzen Großmutter auf, der schwarze Großvater ist verstummt, ihre Mutter arbeitet als Musikerin im ganzen Land, der weiße jüdische Vater hat sich komplett aus dem Staub gemacht. Ausgestattet mit einigen kryptischen Hinweisen  begibt sich Oreo, gerade 17, nach New York, um ihren Vater aufzuspüren.
Das ist die Gemengelage für einen atemberaubenden Roman, der jede Kategorisierung sprengt. Gender, Rassismus, Antisemitismus, Feminismus, die griechische Mythologie, Jiddisch, Mathematik … werden schräg und krass durcheinandergewirbelt. Das braucht beim Lesen ein wenig, bis man dabei ist, aber dann entwickelt OREO einen unwiderstehlichen Sog. In der deutschen Ausgabe ist das nicht zuletzt der Verdienst der Übersetzerin Pieke Biermann, die kunstvoll die vielen sprachlichen Ebenen des Romans  überträgt und interpretiert. 1974 in den USA ein Flop, ist OREO heute das Buch der Stunde. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Turit Fröbe: Alles nur Fassade?

mit 500 farbigen Abb., Dumont 2018, 176 S., € 20,-

Fröbe_Turit_Alles_nur_Fassade_Dante_ConnectionDie meisten von uns gehen gerade im Alltag durch vertraute Umgebungen, ohne wirklich zu schauen. Die praxiserfahrene Architekturhistorikerin Turit Fröbe legt mit ihrem Bestimmungsbuch für moderne Architektur gut strukturiertes Werkzeug vor, wie sich anhand von Fenstern, den „Augen der Architektur“, sowie dem Einsatz von Materialien, Formen und Farben Gebäude einschätzen lassen. Es macht enormen Spaß, mit dem Führer durch die Stadt zu laufen und gerade auch „hässliche Häuser“ eingehend anzusehen! Eine tolle Ergänzung für die tägliche Sehschulung ist Fröbes „Abrisskalender 2020″ (Dumont € 18,-) (sh) Blick in den Kalender

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Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten

Kleine Dinge im Stadtraum, Wagenbach 2019, Großformat, 192 S., € 30,-

Lampugnani Bedeutsame Belanglosigkeiten_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergJede Stadt hat ihr eigenes Gesicht, geprägt nicht zuletzt durch die Dinge, die wir zwar wahrnehmen aber nicht bewusst sehen, wie Straßenschilder, Bürgersteige, Bushaltestellen, Poller oder Ampeln. Lampugnani, einer der international bedeutendsten Städtebautheoretiker, erzählt ihre (oft schon in der Antike beginnenden) Geschichten, sowie amüsante Anekdoten, anschaulich gemacht durch zahlreiche Fotos und Abbildungen. Ein Buch voller Überraschungen zum Stöbern, Staunen und Festlesen. (sy)

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John Ruskin: Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger

Aus dem Englischen von Helmut Moysich u. e. Nachwort von Wolfgang Kemp, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2019, 272 S., € 25,-

ruskin_John_Grundlagen_des_Zeichnens_Danteperle_Dante_ConnectionIn den Zeiten des elektronischen Overkills ist es eine entspannende Wohltat, Bleistift und Feder (!) in die Hand zu nehmen und akribisch Linien zu üben, gleichmäßig Farbe aufzutragen und sich Schritt für Schritt, Ruskin schreibt von einer Stunde täglich über sechs Monate lang, den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. Nicht auf Show und Wirkung kommt es ihm an, sondern auf die Wahrnehmung und die Schulung des Auges. Die regelmäßige künstlerische Praxis kann laut Ruskin regelrecht eine „drawing cure“ zur Belebung von Seele und Geist werden. In England seit dem ersten Erscheinen 1857 ein populärer vielaufgelegter Klassiker, lädt die (nach 100 Jahren) neue deutsche Übersetzung in feinster schönster Gestaltung ein, sich den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. (sh)

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Jessica Courtney-Tickle: Peter Tschaikowsky – Schwanensee

Aus dem Englischen von Birgit Franz, Prestel 2019, mit 10 kurzen Soundmodulen, 24 S., € 25,-, ab 5

Courtney-Tickle_Jessica_Schwanensee_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDer Ballettklassiker als großformatiges traumhaftes Bilderbuch, hier mit einem glücklichen Ende. Zum Anschauen und zum Anhören der wichtigsten Schwanensee-Motive mit Hintergrundinformationen zum Ballett und zu Tschaikowsky, die anregen, die Musik ganz anzuhören und es sich anzusehen. Der Clou: Heldin und Held sind dunkelhäutig, auch die übrigen Figuren wie die „Schwäne“ sind sehr vielfältig gezeichnet. Endlich einmal spiegelt eine magisch-schöne Geschichte gleichzeitig die Realitäten. (sh) Blick ins Buch

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David Wagner: Der vergessliche Riese

Rowohlt Verlag 2019, 269 S., € 22,-

Wagner vergessliche Riese_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergEin Vater wird dement und der Sohn muss ihm immer wieder die Situation oder die Vergangenheit erklären. Und so wie sich die familiäre Ordnung auflöst, löst sich auch die Bewertbarkeit und Gewichtung der Ereignisse auf. Da ihm nun die zweite Ehefrau kürzlich verstorben ist, ist seine wiederkehrende Sorge, dass er nur schwer auszuhalten sei. „Eigentlich ist es ganz angenehm mit dir. Oft sogar lustig“, antwortet der Sohn darauf mehrmals im Buch.
Es ist
dieser liebevolle, zugleich angenehm unheilige Umgang miteinander, der diesem schweren Thema die Dramatik nimmt. So ist man berührt, aber nicht erschlagen und findet sich neben der individuellen Vater-Sohn-Geschichte auch im wunderbar gezeichneten Kosmos einer Kindheit der Siebzigerjahre in der Bonner Republik wieder.
Demenzerkrankungen sind
wahre Zerreißproben: vor unseren Augen vollzieht sich ein unberechenbarer und unaufhaltsamer Prozess der Auflösung alles Vertrauten und des sensiblen Konstruktes unserer Erinnerungen. Bei David Wagner wird daraus aber etwas Tröstliches. „Wir passen auf dich auf“ sagt der Sohn zum Vater und die gemeinsame Anstrengung, sich zu erinnern  und immer wieder entstehende Lücken neu zu füllen schafft hier einen Raum, sich neu und anders zu begegnen. (Franziska Kramer)

Leseprobe

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Géraldine Schwarz „Die Gedächtnislosen“ (Secession) Termin muss leider verschoben werden!

 


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© Mathias Bothor

Géraldine Schwarz entdeckt eines Tages, dass ihr deutscher Großvater, ein Mitglied der NSDAP, 1938 ein jüdisches Unternehmen in Mannheim im Zuge der Arisierung erworben hat. Nach dem Krieg weigert er sich, dem einzigen Überlebenden der in Auschwitz ermordeten Fabrikantenfamilie, Julius Löbmann, Reparationen zu zahlen. Hier beginnt ihre Recherche über drei Generationen ihrer Familie, dabei stets mit der Frage, wie die Verwandten und andere sich der Vergangenheit stellten – auch in Frankreich, denn bald erfährt die Autorin, dass ihr Großvater mütterlicherseits unter dem Vichy Regime in einem Gebiet als Gendarm gedient hat, in dem Franzosen mit Razzien nach Juden suchten. Die Gedächtnislosen  ist ein sehr persönliches Werk der Erinnerungskultur. Mit beispielhafter Sorgfalt plädiert dieses Buch für eine Fortführung der Gedächtnisarbeit, um den völkischen und nationalistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Eines der besten und gleichzeitig provozierendsten Beispiele dieser Arbeit liefert es selbst.

Moderation: Géraldine Schwarz‘ deutscher Verleger und Übersetzer Christian Ruzicska

        

wann?         Mittwoch,  4.12. um 20 Uhr es wird einen anderen Termin geben, demnächst hier!!

wo?              bei uns in der Buchhandlung Dante Connection

Karten?      8 € / 5 €

Géraldine Schwarz über ihr Buch bei Arte

 

 

7.11. – Hinrich Schmidt-Henkel bei uns zu Gast!

Zum Norwegenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse stellt der preisgekrönte Übersetzer und leidenschaftliche Literaturvermittler Hinrich Schmidt-Henkel zwei bedeutende Klassiker der jüngeren norwegischen Literatur vor.

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© Ebba D. Drolshagen

Den 1970 verstorbenen Tarjei Vesaas, von dem er in diesem Herbst mehrere Werke in Erst- oder Neuübersetzungen bei Guggolz und Kleinheinrich vorlegt, so unsere Danteperle Das Eis-Schloss, und den großen Meister der kleinen Form Kjell Askildsen, zu dessen neunzigstem Geburtstag demnächst eine Gesamtausgabe bei Luchterhand erscheint. Zwei markante, sehr persönliche und beeindruckende literarische Stimmen.

Und zu unserer großen Freude wird der Verleger Sebastian Guggolz dabei sein!

Mit freundlicher Unterstützung durch NORLA !

Wann?       Donnerstag 7.11. um 20 Uhr

Wo?            Bei uns in der Buchhandlung Dante Connection

Karten?      8 € / 5 €

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Albertine Sarrazin: Querwege

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Ink Press 2019, 228 S., € 20,-

Sarrazin_Albertine_Querwege_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungAlbe ist eine junge Frau, die ein Viertel ihres Lebens im Knast verbracht hat. Da drinnen hat sie ihre gymnasiale Ausbildung abgeschlossen, gelesen, geschrieben und davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Nun ist sie frei und sucht einen Weg zur Veröffentlichung. Einfach ist es allerdings nicht: Ihr Mann ist noch im Gefängnis, alte Freunde lassen sie im Stich, sie kann nicht frei durch Frankreich reisen und hat dazu kein Geld.
„Querwege“ ist Albertine Sarrazins dritter und letzter Roman, autobiografisch wie die beiden davor. Die Autorin hatte ein kurzes Leben voller Übertretungen und Qualen, tatsächlich ein Querweg zur Freiheit, der sich in ihrem Schreibstil spiegelt. Ihre Sprache hat eine magische Energie, sie kommt dem Leben ganz nahe, bewegt sich zwischen Poesie und Argot, der Sprache der Unterwelt. Sarrazin ist eine Autorin, die sich nicht vergessen lässt. Ihre Bücher, obwohl vor 50 Jahren entstanden, bleiben so aktuell und berührend, als ob sie heute geschrieben worden wären. Eine herzliche Empfehlung für alle, die sich für Einzigartigkeit begeistern! (Giulia Silvestri)

Claudia Steinitz über ihre Übersetzung

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