A.L. Kennedy: Süßer Ernst

Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel. Hanser Verlag 2018, 560 S., € 28,-

Kennedy_A._L._Süsser_Ernst_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungWas für ein Buch – ein Tag und eine Nacht, zwei Protagonisten mit ihren Nöten und Träumen, dazu jede Menge Streiflichter auf Menschen in der rastlosen Megastadt London! Jon ist ein Mann „alter Schule“, ein hoher Regierungsbeamter, der desillusioniert von seiner Arbeit und verlassen von seiner Frau, fremden Frauen in ihrem Auftrag einfühlsam-förmliche Liebesbriefe schreibt. Meg ist tief gefallen, als Alkoholikerin hat sie ihre Lizenz als Wirtschaftsprüferin verloren. Seit einem Jahr ist sie trocken und versucht sich als Buchhalterin in einem Tierheim bei knappstem Lohn in der überteuerten feindlichen Großstadt durchzuschlagen. Sie erliegt dem Zauber Jons altmodisch-feinsinniger Briefe.
Bis sie nach einem sehr langen Tag zögerlich zueinanderkommen, hat die Autorin A.L. Kennedy ihr meisterliches Können zum Höhepunkt gebracht und auf der Folie einer zarten Romanze ein starkes vielschichtiges Porträt unserer Gegenwart mit all ihren unerträglichen Verwerfungen entworfen. Und das in einer reichen Sprache, die alle Register kennt, sich nicht weg duckt und großen Lesegenuss bereitet. Eine Danteperle at her best. (Stefanie Hetze)

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Alex Rühle: Zippel das wirklich wahre Schlossgespenst

Illustriert von Axel Scheffler. dtv Verlag 2018, 144 S., € 12,95, ab 6

Ruehle_Alex_Zippel_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungAls schüchternes Einzel- und Schlüsselkind ist Pauls Leben ziemlich freudlos. Auch seine Schulkameraden hänseln und ärgern ihn ständig. Als er eines Tages wie immer nach der Schule die Wohnungstür aufschließen will, hört er seltsame Geräusche, die aus dem alten Schloss kommen. Ein bisschen Angst hat er schon, aber das Geschimpfe ist so leise, dass er sich traut, nachzuhaken und mit der Stimme zu reden. Sie materialisiert sich und aus dem Schloss entweicht ein weißes schwebendes Ding, ein kleines Gespenst! Was Zippel, das frech-kreative Schlossgespenst, und Paul in der Wohnung, im Haus, in der Schule und in einem echten Schloss miteinander erleben, ist ein einziges Abenteuer und spannend-lustiger Vorlesestoff für die ganze Familie.  Axel Schefflers phantasievolle farbsatte Illustrationen krönen dann noch das Lesevergnügen. (Stefanie Hetze)

 

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… für Geschichtsinteressierte

Yuri Slezkine: Das Haus der Regierung -Eine Saga der russischen Revolution. Aus dem Englischen von Helmut Hierlamm, Norbert Juraschitz und Karin Schuler. Hanser Verlag 2018, 1338 S. mit zahlreichen Fotos und Abb. sowie einem ausführlichen Register, € 49,-

Slezkine_Yuri_Das_Haus_der_Regierung_Danteperle_Dante_Connection_Buchhandlung Mit diesem Opus Magnum zeichnet der Autor die Geschichte dieses überdimensionierten Gebäudes und der ihrer prominenten Bewohner nach. Als Elitebolschewisten zogen die Funktionäre 1931 in das komfortable Haus ein und gewöhnten sich und ihre Familien schnell an den dort gebotenen spießbürgerlichen Lebenstil. Als es zu den Säuberungen unter Stalin kam, war es für die Regierung ein leichtes, im Gebäudekomplex  Verhaftungen und Hinrichtungen durchzuführen. Slezkine verfolgt die Biografien diverser Einzelschicksale, erzählt von ihrem ideologischen Irrglauben und lässt die literarischen Zeugnisse der Zeit einfliessen. Da kann man so richtig eintauchen. (sh)

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… für alle, die sich fürs Bauen begeistern

Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke. Aus dem Englischen von Ursula Held, Hanser Verlag 2018, 262 S., € 24,-

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Warum stehen römische Brücken mit ihren gemauerten Rundbögen noch, stürzen aber manche Hochhäuser aus den Sechzigern ein? Welchen Kräften  wie Wind, Wasser, Erde, Schmutz, Feuer müssen Gebäude trotzen? Welche Auswirkungen hat das Material, aus dem sie gemacht sind? Dies alles und viel mehr erklärt die begeisterte Physikerin und Bauingenieurin in ihrem reich bebilderten Gang durch die Geschichte der Bauwerke sehr persönlich und anschaulich. Mitreißend – ihre Leidenschaft für die Kunst des Bauens! (sh)

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… für alle, die sich für andere Welten begeistern

Neil MacGregor: Leben mit dem Göttern.
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn und Annabel Zettel, C.H. Beck Verlag 2018, 542 S., € 39,95

Leben mit den Göttern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin Kreuzberg Eine opulent bebilderte, faszinierende Reise durch 40.000 Jahre Glaubens- und Gesellschaftsgeschichte anhand zahlreicher Artefakte, vom Ulmer Löwenmenschen aus Elfenbein über griechische Vasen und Reliquienschreine. Kein Buch über Religion, sondern ein überzeugender Versuch zu verstehen, warum der Glaube, seine Mythen, Narrative und Rituale  für Gemeinschaften so wichtig und identitätsstiftend sind und die irdischen Beziehungen untereinander prägen. (sy)

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Kathleen Collins: Nur einmal. Storys

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Mit einem Nachwort von Daniel Kampa und Cornelia Künne, Kampa Verlag 2018, 188 S., € 20,-

Collins_Nur_einmal_DanteConnection_DanteperleEine Aufbruchsstimmung ließ im New York der frühen Sechziger Jahre vieles möglich erscheinen: Bürgerrechte, Selbständigkeit und  Aussichten auf mehr Freiheit und Erfolg, bis dato undenkbar für junge schwarze Frauen. Auch glückliche Liebesbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen schienen auf einmal realistisch.  In diesem aufregenden Klima der Hoffnungen und Erwartungen siedelt Kathleen Collins ihre Geschichten an. Mit an ihrer Filmausbildung geschulten rasanten Perspektivwechseln, Schnitten und schnellen Dialogen kommt sie in ihren Storys sofort auf den Punkt, ist mittendrin im Leben und in den Gefühlen ihrer meist schwarzen Protagonistinnen. Ganz fein lotet sie die Spannungsverhältnisse zwischen Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe aus und ist damit ihrer Zeit weit voraus.  Als afroamerikanische intellektuelle Künstlerin und Aktivistin hat Kathleen Collins erfahren müssen, wie die eigenen Vorhaben und Träume zerplatzten. Zum Glück für uns haben ihre unveröffentlichten Erzählungen  in einer Kiste überlebt und sind nun in all ihrer Brisanz und Unmittelbarkeit für uns zu entdecken. (Stefanie Hetze)

Film über Kathleen Collins

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Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp Verlag 2018, 164 S., € 20,-

Ernaux_Annie_Erinnerung_eines_Mädchens_Dante_Connection_Buchhandlung_Danteperle1958 betrat Annie Duchesne, die einzige behütete Tochter von Besitzern eines Kramladens und eine sehr gute katholische Schülerin, eine völlig neue Welt: eine lockere Ferienkolonie, in der die anderen Betreuer, die schon studierten und überwiegend aus der gehobenen  Mittelschicht stammten, es sich selbstverständlich gutgehen ließen. Das, was ihr dort als Achtzehnjährige widerfuhr, wie sie ihr sexuelles Begehren entdeckte und gnadenlos ausgenutzt und verhöhnt wurde, vergrub sie tief in ihrem Innersten. Erst 2014 nähert sich die Schriftstellerin Annie Ernaux dem Mädchen aus ihrer Vergangenheit an, indem sie dieses frühere Ich wie eine ganz Andere betrachtet. Von außen, mit Hilfe von Fotos, Briefen und weiteren Materialien beschreibt sie ihr Äußeres, die Orte und Abläufe des Geschehens und vergleicht sie mit dem, was in ihrem Gedächtnis hängengeblieben ist. Mit diesem speziellen Verfahren geht sie weit über die Rekonstruktion einer persönlichen Geschichte hinaus, sondern macht sehr anschaulich, wie sich einzelne Ereignisse, verstärkt durch ungleiche Machtverhältnisse, ein Leben lang auswirken können und wie sich das anfühlt. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)

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Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Verlag Galiani Berlin 2018, 592 S., € 25,-

DuveMan schreibt das Jahr 1817, die 20-jährige Nette lebt als behütetes Freifräulein inmitten einer großen Familie. Ihre schwache Gesundheit und ihre extreme Kurzsichtigkeit hindern sie nicht daran, ihren äußerst scharfsinnigen und regen Geist anzuwenden. Gedichte schreibt sie und sie interessiert sich für Geologie, hat immer einen Hammer dabei. In ihrer Familie gilt sie als einer Dame unangemessen vorlaut und scharfzüngig. Als sie sich in den bürgerlichen Straube verliebt, der als einziger ihr Genie erkennt, kommt es zum Eklat und zur innerfamiliären Verschwörung. Nette ist die Dichterin Annette von Droste Hülshoff. Karen Duve hat akribisch recherchiert und auf der Basis historischer Fakten einen höchst lebendigen, unterhaltsamen und gleichzeitig äußerst interessanten Roman geschrieben. Selten sind einem historische Persönlichkeiten und Ereignisse, ja das Portrait einer ganzen Epoche – unter anderem die Gebrüder Grimm, die damaligen nationaldeutsch-romantischen Göttinger Studentenkreise oder auch Heinrich Heine – so frisch, so aktuell und gleichzeitig so fundiert präsentiert worden wie hier. (Syme Sigmund)

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Andrea Scrima: Wie viele Tage

Aus dem Amerikanischen von Barbara Jung, Droschl Verlag 2018, 188 S., € 23,-

Scrima_Wie_viel_Tage_Danteperle_DanteConnectionDie Eisenbahnstraße und die Fidicinstraße in den Achtziger und Neunziger Jahren hier in Berlin-Kreuzberg und auf der anderen Seite des Atlantiks die Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street in New York  und Brooklyn bilden die Koordinaten, um die sich das Leben der amerikanischen bildenden Künstlerin Andrea Scrima dreht. Sie pendelt zwischen Wohnungen und Kontinenten und versucht, in diesen vielen Dazwischensituationen  ihren Alltag als Künstlerin, als Tochter, als Freundin und als Liebende zu  leben. Das ist nicht ohne. Nicht nur Gegenstände aus ihrer Vergangenheit, die sich nur mit viel Aufwand über den Atlantik verschiffen lassen, auch scheinbar belanglose Fundstücke, die sie in ihrem Kreuzberger Umfeld entdeckt und verwandelt, lösen Erinnerungen und Assoziationen aus. Diese verdichtet sie zu wunderbaren literarischen  Miniaturen, die um die großen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, nach Weggehen und Ankommen kreisen und gleichzeitig konkret das Lebensgefühl einer Künstlerin mit all seinen Widrigkeiten abbilden. (Stefanie Hetze)

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Anneliese Mackintosh: Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Aus dem Englischen von Gesine Schröder, Blumenbar 2018,  400 S., € 20,-

Verdammt_perfektNichts im Leben von Ottila McGregor ist perfekt, von Glück kann keine Rede sein. Seit dem plötzlichen Tod ihres Vaters hat sie jeden Halt verloren. Das schlechte Gewissen plagt sie, zu weit weg von ihrer psychisch kranken Schwester zu leben und ihre Mutter mit zu vielen Sorgen allein zu lassen. Die Affäre mit ihrem verheirateten Chef ist eine komplette Katastrophe, wobei sie ihre Arbeit in einem Krebs-Therapiezentrum ohnehin genug belastet. Aus all diesen Gründen trinkt Ottila, nein, sie säuft regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit. Dann kommt Das kleine Buch vom Glück ins Spiel. Von Anfang an kann Ottila es nicht ausstehen. Auf halbleeren Seiten versammelt es in ihren Augen debile Kalendersprüche à la „Eine Freude vertreibt hundert Sorgen“. Dennoch behält sie es und formt daraus eine Art Tagebuch, indem sie Seiten herausreißt und neue hinein klebt. Diese Textcollage liest man mit. Sie besteht aus Kurznachrichten, E-Mails, Zeitungsartikeln, Drehbuchentwürfen und nicht zuletzt transkribierten Therapiegesprächen. Vielstimmig und stilistisch verschieden erzählt Anneliese Mackinstosh auf diese Weise. Verzweifelt geht es zu, aber auch urkomisch, immer geradeheraus und vor allem warmherzig – darin liegt der besondere Reiz dieses Tagebuches. Denn ja, Ottila versucht es: Trocken und endlich glücklich zu werden. (Jana Kühn)

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