… empowernd!

Patricia Thoma: Activists. Verlagshaus Jacoby & Stuart 2020, 104 S., € 22,-, für Jugendliche

Activists_001-104_mit-Scans_Font neu_neu.inddNach dem Rebel Girls-Erfolg erschien eine Reihe ähnlicher Bücher, die besondere Persönlichkeiten von überall und aus allen Zeiten kurz als Vorbilder präsentieren. Patricia Thoma hat einen eigenen Weg gewählt. Sie stellt jüngere Menschen von hier vor, die sich aktiv und kreativ gegen soziale Missstände wehren und tolle Projekte auf die Beine stellen: So eine Designerin, die Mode für Rollstuhlfahrerinnen und Blinde entwirft, Jugendliche, die sich konkret für Seenotrettung einsetzen oder ein junger Islamwissenschaftler, der mit einem eigenen Youtube-Kanal  mit viel Humor Stereotype und Vorurteile aufbricht. Patricia Thomas ausdrucksstarke schwarz-weiß gezeichnete Bildergeschichten, in denen sie nur wenige gelblich-grüne Akzente setzt, porträtieren die Aktivist*innen in ihrem sozialen Umfeld und mit ihren eindrucksvollen mutigen Aktivitäten. Das ist ungemein anregend, mitreißend und zur Nachahmung empfohlen! (Stefanie Hetze)

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… für Geschichtsinteressierte

Thomas Blubacher: Das Haus am Waldsängerpfad. Wie Fritz Wistens Familie in Berlin die NS-Zeit überlebte. Berenberg Verlag 2020, 192 S., € 22,-

Blubacher_Thomas_Das_haus_am_Waldsängerpfad-Danteperle_Dante_connectionIn der großbürgerlichen Villengegend Berlin – Schlachtensee fällt ein Haus komplett aus dem Rahmen ob seiner Schlichtheit und Schönheit: eine Bauhausikone entworfen von Peter Behrens. Dieses Haus gehörte seit 1934 dem jüdischen Schauspieler Fritz Wisten und seiner Frau Dorothea, ebenfalls einer Schauspielerin. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Nazigrößen und wenigen NS-Gegnern überlebten sie hier mit ihren Töchtern, ihrem schwulen jüdischen Untermieter Freddy Balthoff und anderen, denen sie halfen, Naziterror und Bombenangriffe und die Nachkriegszeit, in der sich in der deutschen Kulturlandschaft schnell wieder die alten Seilschaften durchsetzten.
Prall gefüllt mit historischen Figuren und Ereignissen, mit Erinnerungen und Anekdoten der Familie  sowie mit 619 (!) detaillierten Anmerkungen erzählt dieses wunderbare Buch Zeit-, Familien-, Berlin- und Theatergeschichte auf einmal. (Stefanie Hetze)

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Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder der liebevolle Jägersmann

Aus dem Englischen von Ann Anders, mit einem Nachwort von Manuela Reichart, Dörlemann Verlag 2020, 272 S., € 25,-

Warner_Sylvia_Townsend_Lolly_willowes_Danterperle_Dantge_connectionLaura, von allen Lolly genannt, ist fast dreißig und noch unverheiratet, als ihr Vater, mit dem sie im alten Familienhaus wohnt, stirbt. Ihr Bruder holt sie nach London, wo sie einen guten Mann kennenlernen, endlich erwachsen werden soll. Doch sie entscheidet sich, zurück aufs Land zu ziehen. Great Mop, ein kleines Dorf in Südostengland, klingt nach dem perfekten Ort, um endlich ihre Ruhe finden zu können. Doch läuft es anders als gedacht und Lolly entwickelt sich langsam, aber unvermeidlich zu einer gänzlich unabhängigen Frau, einer Hexe.
In ihrem ersten Roman erzählt Sylvia Townsend Warner mit klarer Sprache und feinem Humor die Geschichte einer ungewöhnlichen selbstbestimmten Frau, die sich entgegen aller Erwartungen entscheidet und stolz ihre eigenen Wege geht. In diesem großartigen Roman aus den 20ern wird eine unvergessliche, starke literarische Figur meisterhaft dargestellt. Dazu kommen schöne Landschaftsbeschreibungen, die Lust auf herbstliche Waldspaziergänge machen. Ein Genuss, diesen Roman (wieder-) zu entdecken! (Giulia Silvestri) Lese-und Hörprobe

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Johny Pitts: Afropäisch – Eine Reise durch das schwarze Europa

Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Suhrkamp 2020, 461 S., € 26,-

AfropDer junge Autor und Fotograf Johny Pitts hat sich auf eine Reise durch Europa begeben, um nach den „afropäischen“ Schwarzen des Kontinents zu suchen, jenen, die – wie er selbst – ihre Wurzeln und ihre kulturelle Prägung hier sehen und sich gleichzeitig ihrer afrikanischen Wurzeln sehr bewusst sind, ein schwarzer Backpacker auf der Suche nach dem Europa, das er als sein eigenes erkennen kann. Pitts trifft in Paris Intellektuelle, Künstler und Autoren, besucht in Brüssel ein Zentrum der Afrosurinamischen Community, die junge schwarze Akademiker unterstützt, versucht mit den Bewohnern der verarmten Vorstädte in Frankreich, Amsterdam oder Lissabon ins Gespräch zu kommen und gerät in Berlin mitten hinein in eine Antifa-Demo. Er reflektiert über Rassismus in Schweden, untersucht in Moskau die Wandlung von einer einst toleranten in eine fanatisch fremdenfeindliche Gesellschaft, sucht an der Côte d’Azur nach den Spuren von James Baldwin und Frantz Fanon und findet im multiethnischen Marseille sein „afropäisches Mekka“.
Intelligent und scharfsinnig, mit viel Hintergrundwissen, spinnt er das Narrativ der unterschiedlichsten Menschen und Orte des schwarzen Europas, zeigt die Afropäer als „hybride Vertreter komplizierter kultureller Allianzen“, afropäisch als integrierte Form des Schwarzseins jenseits von Stereotypen, ohne die eigene Pluralität und Hautfarbe zu verleugnen. Gleichzeitig wird offensichtlich, wie stark Europa noch immer von seiner kolonialen Vergangenheit gezeichnet ist und wie sehr Rassismus und Armut, Ausbeutung und Marginalisierung den Alltag vieler schwarzer Europäer prägen. Das unter anderem von Pitts ins Leben gerufene multimediale Online-Journal afropean.com wird zur Vertiefung wärmstens empfohlen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber. AvivA Verlag 2020, 224 S., € 19,-

Goldsmith_Margaret_Patience_geht_vorüber_Danteperle_Dante_Connection Im Frühjahr 1918 feiern zwei innig-unzertrennliche Freundinnen ihr Abitur in einer Konditorei in der Berliner Uhlandstraße. Beide verabscheuen den Krieg, Grete als Sozialistin und Patience steht dank ihrer englischen Mutter und ihres deutschen gefallenen Vaters sowieso zwischen allen Stühlen.
Wie der Titel es andeutet, konzentriert sich die Autorin auf Patience, die in Grete verliebt ist und zwischen Verlangen und Scham hin und her gerissen ist. Ihre distanzierte Mutter ist ihr dabei keine Hilfe. Der scheinbare Ausweg aus ihrem Gefühlschaos ist eine Heirat aus „Mitleid” mit einem Fliegersoldaten. Anschließend fährt sie aber mit Grete an die Ostsee und lässt sich auch bald von ihrem Mann scheiden.
Margaret Goldsmith hat in ihrem außergewöhnlichen bereits 1931 erschienenen Roman eine ganz und gar moderne Protagonistin entworfen. Patience geht ihren sehr eigenen selbstbestimmten Weg. Wie heutige Großstadtnomadinnen sucht sie ihr Glück in anderen Ländern, wechselt ihren Beruf, findet einen unkonventionellen Zugang zur Mutterschaft und hat mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ganz lakonisch und direkt bleibt Goldsmith ihr auf der Spur und erfüllt absolut ihren eigenen Anspruch, das „wirkliche Leben” zu beschreiben. Das ausführliche Nachwort und die schöne Covergestaltung runden das Leseerlebnis aufs Allerfeinste ab! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Wir trauern um Eva Muszynski

Gerade haben wir erfahren, dass die wunderbare Eva Muszynski gestorben ist und sind sehr, sehr traurig.

Biko
Illustration aus „Bikos letzter Tag“ von Saskia Hula illustriert von Eva Muszynski erschienen bei Klett Kinderbuch.

Die Autorin und Illustratorin zahlreicher Kinderbücher – aus ihrer Feder stammt unter anderem Cowboy Klaus –  wird uns sehr fehlen. So viele, so schöne Veranstaltungen haben wir mit ihr erlebt. Unvergesslich die überraschenden und so fröhlichen Treffen auf den Buchmessen in Bologna und Leipzig. Ihre liebevolle, kreative und vor allem unermüdliche Arbeit mit geflüchteten Kindern hier in Kreuzberg. Und so vieles mehr. Wir denken an dich, liebe Eva … und an deine Familie.

Lily King: Writers & Lovers

Aus dem Englischen von Sabine Roth, C.H. Beck Verlag 2020, 319 S., € 24,-

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Boston, USA, in den Neunzigerjahren. In Caseys Leben läuft so gar nichts rund. Sie jobbt zeitaufwendig als Kellnerin, wohnt in einer Garage, ist nicht krankenversichert. Ihre Mutter ist vor kurzem gestorben, der Vater ein Spanner und ihr Freund hat sich verdrückt. Komplett verschuldet nach ihrem Unistudium ist sie auch noch. Schriftstellerin will sie werden, seit Jahren schreibt sie an ihrem Roman. Längst haben sich Freundinnen mit ähnlichen schriftstellerischen Ambitionen in geregelte Ehe- und Berufsleben verabschiedet, doch Casey bleibt unbeirrt bei ihrem Ziel, auch wenn Liebesverhältnisse mit diversen männlichen Kollegen und Panikattacken ihre Schreibblockaden befeuern. Ein Drama auf das andere setzt Lily King in ihrem Roman des sperrigen Werdegangs einer werdenden Künstlerin. Intime authentische Einblicke in die Erfahrungen und Gefühle einer Schriftstellerin kombiniert sie kunst-und humorvoll mit Reaktionen aus ihrer Außenwelt, die ihr männlicherseits unterstellt, nichts zu sagen, zu haben. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven

Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring, Penguin Verlag 2020, 224 S., € 20,-

Hurston_Zora_Neale_Barracoon_Danteperle_Dante_Connection„Dies ist die Lebensgeschichte von Cudjo Lewis, von ihm selbst erzählt.“ So führt die Autorin ihr erschütterndes Zeitdokument ein. Cudjo Lewis, eigentlich Oluale Kossola, wurde 1860 mit dem letzten Sklavenschiff vom heutigen Benin nach Nordamerika deportiert. Als Zora Neale Hurston ihn 1927 in Alabama besucht und befragt, ist er weit über 80 und damit der letzte bekannte Überlebende des Sklavenhandels. Er spricht über seine Jugend, die Gefangennahme, über seine Zeit als Versklavter in Alabama, seine Freilassung und seine anschließende Suche nach den eigenen Wurzeln und einer Identität in den rassistischen USA.
Der Text fand über 90 Jahre keinen Verleger und wurde erst 2018 in den USA veröffentlicht. Sprache und Inhalt waren zu ungeschminkt, zu hart für die Zeit. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte bleibt von absoluter Relevanz, ebenso die authentische Schreibweise seiner großartigen Autorin. Mit dem detaillierten Anhang voller vertiefender Erläuterungen ist dieses Buch für alle, die sich der Vergangenheit stellen wollen. Deborah G. Plants im Nachwort: „Wir müssen diese Geschichte bejahen, denn sie ist, wie James Baldwin erkannte, »in allem, was wir tun, buchstäblich gegenwärtig«, und wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind, übt sie eine tyrannische Macht über uns aus“. (Giulia Silvestri)

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Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal kriegt man einfach die Krise

Carlsen Verlag 2020, 160 S., € 12,-, ab 10

Muser_Martin_Kannawoniwasein_Manchmal_kriegt_man_einfach_die_Krise_Danteperle_Dante_ConnectionEndlich ist es soweit. Finn hat Besuch von Jola, seiner abenteuerlustigen Freundin aus dem kleinen Dörfchen Vehlefanz. Eine Woche bleibt sie bei ihm in der, wie sie sagt, „Tzitti“. Sie will Berlin unsicher machen, möglichst viel Aufregendes erleben und Finn ist gerne dabei! So helfen sie einer ehemaligen alten Nachbarin, einen verlorenen Schatz wiederzufinden, machen bei einem Filmdreh mit und treffen auf alte Bekannte aus ihren früheren Abenteuern in Brandenburg und Polen. Zum Glück muss Finns Mutter überstürzt auf Dienstreise fahren und sie haben sturmfreie Bude. Doch anstatt somit richtig Party bei ihm Zuhause machen zu können, schließen sie sich aus. Ob es zur Party kommt und was weiter passiert, sei hier nicht verraten.
Auch im dritten Band der „Kannawoniwasein“-Reihe sprüht Martin Muser nur so vor inhaltlichen und sprachlichen Einfällen, spielt er mit Tabus, bettet er seine temporeiche Geschichte in einen Kontext vielfältiger Familien- und Lebensformen ein und nimmt die Gefühle seiner 12-jährigen Protagonist*innen ernst. Und als schönes Schmankerl lässt es sich mit dem Buch bestens durch Kreuzberg flanieren! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Marie Parakenings: Berliner Tiere

Ein kleiner Guide für Naturbanausen & Stadtkinder, Kulturverlag Kadmos 2019, 160 S., zahlreiche farbige Illustrationen und ein ausklappbares illustriertes Tierverzeichnis, € 19,90, für alle ab 6

Parakenings_Marie_Berliner_Tiere_Danteperle_Dante_ConnectionBerlin ist das Mekka für unzählige Tierarten, die Autorin geht von rund 20.000 unterschiedlichen Wildtierarten (!) aus, die die Parks, Gärten, Wälder, Seen und Straßenbäume der Stadt bevölkern. Für ihr Buch hat sie 91 Tiere ausgesucht, die sie jeweils mit einer großformatigen farbigen Illustration, Kurzinfos zu ihren Essgewohnheiten, ihrer Familie, Größe, etwaigen Lauten und vor allem mit einem Porträt, das sich explizit auf die Berliner Verhältnisse bezieht, vorstellt. Der Einstieg ist immer eine prägnante überraschende Zahl. 155 Tage zum Beispiel sind Bereiche des Tempelhofer Feldes für die Feldlerche gesperrt, die, eigentlich auf der Roten Liste, dort zur dichtesten Feldlerchenpopulation Deutschlands gehört. Oder für die Blattlaus sind die 254 Bäume „Unter den Linden“ das reine Schlaraffenland. Unterhaltsam und kenntnisreich werden die Tiere in ihrem Berliner Umfeld präsentiert. Viel gibt es da zu entdecken und zu erfahren in diesem hinreißend gestalteten Gesamtkunstwerk. Und wir haben seit neuestem das dazugehörige Berliner Tiere-Memospiel. (Stefanie Hetze)

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