Alessio Torino: Über mir die Sonne

Aus dem Italienischen von Johannes von Vacano, Verlag Hoffmann und Campe 2018, 160 S., € 18,- (Tina, minimumfax 2016, ca. € 20,50)

Alessio TorinoTina ist mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bea zum ersten Mal allein in Urlaub, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Träge und heiß sind die Tage im Sommer auf Pantelleria, der Insel vulkanischen Ursprungs zwischen Sizilien und Afrika. Das Mädchen – zwischen Kindheit und Jugend schwebend, noch nach Quallen fischend und kurzhaarig auf Fremde wie ein Junge wirkend – beobachtet die Zufallsgemeinschaft, die sich um das kleine Lokal in der Bucht versammelt hat: der attraktive Wirt Andrè, der Korse Stefano mit seiner französischen Freundin Parì, der alkoholsüchtige Kanadier Charles. Doch die Fröhlichkeit der Erwachsenen täuscht, ihre jeweilige Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, die Spannungen wachsen parallel zur Nervosität wegen der Quallenplage, die ein erfrischendes Bad, und der Intensität des Mistrals, der ein Anlegen der Fähre verhindert. Allen entgeht, dass Tina sich immer mehr verliert zwischen der Sehnsucht nach dem Vater und dem Wunsch, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Alessio Torino hat ein veritables Kammerspiel vorgelegt, voller Leerstellen und Andeutungen, ohne ein Wort zu viel, ist es dem Leser überlassen, die Hintergründe zu interpretieren. Eine empfehlenswerte Sommerlektüre voller Abgründe. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Linus Reichlin: In einem anderen Leben

Galiani 2015, € 19,99

reichlin-in-einem-anderen-leben-dante-connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergLuis Kindheit und Jugend sind geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern und dem Alkoholismus seines Vaters. Hinter der gutbürgerlichen Fassade der reichen Zahnarztfamilie herrschen Gefühlskälte und Aggressivität, die den Jungen schon mal zum Schlafen in den Keller treiben, da die Angst vor Ratten und Spinnen kleiner ist, als die vor dem Vater. Luis ergreift die erste Möglichkeit diesem Haus zu entfliehen und beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los, bestimmt seine Ängste, seine instinktiven Reaktionen und die seiner Lebensgefährtinnen. Als er selbst Vater wird, holt Ihn die Last seines früheren Lebens mit aller Wucht ein.
Reichlin geht auf feinfühlige Weise der Frage nach, wie Kinder von Suchtkranken ihr Leben lang unter ihren Erfahrungen leiden und von diesen beherrscht werden. Dass dabei auch noch ein packend zu lesender Roman heraus gekommen ist, macht dieses Buch zu einer äußerst interessanten, lohnenden Lektüre. (Syme Falco) Leseprobe