Buchempfehlungen

... für Erwachsene
Milena Magnani: Der gerettete Zirkus

Edition Nautilus 2010, aus dem Italienischen von Maja Pflug, 18 €

Ein Romalager am Rand einer unbenannten Stadt, deren lärmender Autobahnring Menschen abzweigt in die urbane Abgeschiedenheit. Sie kommen aus der Slowakei, Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien. Was sie eint, ist die Ausgrenzung durch die Anderen jenseits der Autobahn. Sie bleiben unter sich, leben in Armut. Alkohol und Drogen, Gewalt und Kriminalität gehören zum Alltag. Betteln ist ein Beruf. Als eines Tages Branko im Camp auftaucht, kehrt sich die Gemeinschaft einhellig gegen ihn. Er wird zum Außenseiter der Peripherie. Einzig die Kinder akzeptieren den Fremden. Er weckt ihre Neugierde mit Geschichten um einen geheimnisvollen Zirkus.
Magnani bringt das historische wie aktuelle Thema der sozialen Ausgrenzung von Sinti und Roma mit viel Poesie zur Sprache, ohne die Brisanz aus den Augen zu verlieren.Die Übertragung ihrer Poetik auf die Realität ist sicher streitbar. Ein guter Grund, neben der wunderbaren Sprache, dieses Buch zu lesen! (jk)

... für Erwachsene
Iris Hanika: Das Eigentliche

TB bei btb 2011 8,99 €

Iris Haniks beschreibt Leben und Arbeitsalltag des phlegmatischen Archivars Hans Frambach am “Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung” und seiner platonischen Freundin Graziella. Diese Erzählebene durchsetzt sie mit geschichtswissenschaftlichen, philosophischen Zitaten und Leerseiten (sic!). Provozierend und zugespitzt in jedem Satz und Wortspiel hinterfragt sie, was übrig geblieben ist von deutscher Vergangenheitsbewältigung. Als junger Mann geradezu zerfressen von Schuld und Scham über die Shoah langweilt sich Frambach zunehmend in seiner Tätigkeit. So wie sich selbst Stolpersteine als großstädtisches “Inventar ” mit der Zeit abgelaufen haben, man keineswegs mehr stolpert auf gewohnten Wegen, so verliert auch für Frambach der Text eines jüdischen Lyrikers im stupiden Abtippen seine Eindringlichkeit, das Eigentliche. Keinesfalls jedoch ist der Roman als gewollter Schlussstrich oder gar Absolution zu verstehen, sondern vielmehr als eine Aufforderung zum Nachdenken über einen Umgang mit den Naziverbrechen jenseits institutionalisierter Gedächtniskultur. (jk)

... für Erwachsene
Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

TB bei btb, 2011 9,99 €

Der Roman erzählt eine Woche im Leben von Darius Kopp, einem dicklichen Mittvierziger, Anzugträger und einzigem Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Kommunikation, der seine Tage mit ziellosem Surfen im Internet verbringt. Dieser stammt aus der DDR, war als Informatiker nach deren Zusammenbruch ein gefragter Mann und ist ein liebevoller wenn auch bis an die Geduldsgrenze langsamer, unordentlicher und fauler Ehemann. In letzter Zeit laufen die Geschäfte nur mehr schlecht als recht. Eines Tages lässt ein säumiger Kunde eine Pappschachtel mit Geld in seinem Büro abgeben. In der Folge versucht Darius Kopp vergeblich, einen seiner Chefs in London oder Los Angeles zu erreichen, um zu beraten, was mit dem Geld geschehen soll, doch es scheint, als gebe es die Firma überhaupt nicht mehr…
Dynamisch und rasant ist dieser neue Roman der sprachkräftigen Autorin, mit  höchst amüsant verstecktem Spott und dennoch voller Verständnis für die naive Menschlichkeit des Protagonisten.
Kopp ist ein “Held unserer Zeit”, bis über den Kopf verstrickt in seine alltäglichen kleinen Sorgen und dabei ein ahnungsloser Spielball der globalisierten Wirtschaft. (sf)

... für Kinder
Xavier-Laurent Petit: Sonnenglut und Wüstenpferd

Dressler 2010, ab 11, 12,95 €, aus dem Französischen von Anja Malich

Galshan verbringt den Sommer bei ihrem Grossvater Baytar in der mongolischen Steppe. Durch eine ungewöhnliche Hitzewelle wird diese mehr und mehr zur Wüste. Galshans Onkel will auf der Suche nach Wasser in den Norden ziehen. Galsham begleitet ihn, um für die amerikanische Journalistin Sofia zu dolmetschen und sich um eine hochschwangere Stute zu kümmern. Durch einen lebensgefährlichen Sandsturm wird Galshan von den anderen getrennt …. Dieser dritte Band einer zum Teil preisgekrönten Trilogie, der jedoch durchaus unabhängig von den Vorbänden gelesen werden kann, ist nicht nur ein spannender Abenteuerroman sondern vermittelt auch einen Einblick in eine uns fremde Kultur, verdeutlicht die schwerwiegenden Folgen des Klimawandels in uns fernen Gegenden der Erde und ist – nicht zuletzt – ein unkitschiges Muss für alle Pferdeliebhaber(innen). (sf)

... für Kinder
Silke Lambeck: die wilde Farm

Bloomsbury 2010, ab 8, 12,90 € illustriert von Karsten Teich

David kann sich nichts langweiligeres denken, als Ferien auf dem Bauernhof. Als jedoch Bauer Sterzing, von dem man munkelt, er habe Diebesgut versteckt, einen Herzinfarkt erleidet, macht er sich zusammen mit dem Nachbarsmädchen Marie auf dem Hof des Alten auf die Suche nach dem “Schatz”. Leider sind sie nicht die einzigen, und so werden die Ferien noch richtig spannend. Wärenddessen haben die Tiere des verlassenen Hofes ihre eigenen Sorgen. Sie müssen sich gegen eindringende Füchse, Schlangen und Wildschweine wehren. (sf)

... für Jugendliche
Jenny Valentine: Wer ist Violet Park?

dtv 2009, ab 12, 8,95 €, aus dem Englischen von Klaus Fritz

Violet Park ist eine verstorbene Pianistin, die von dem Ich-Erzähler, dessen Vater verschwunden ist, in einer Urne gefunden wird. Mithilfe von Vaters Freund Bob, seinem vergessenen Opa – also Dads Vater – und einem alten Tonband, findet er heraus, was Violet mit seinem Vater zu tun hat und hatte. Das Buch ist witzig und sehr gut geschrieben.
(Rezension von Emil Jennerich, 12 Jahre)

... für Jugendliche
Will Gatti: Diebe!

Beltz 2011, ab 12, 8,95 € aus dem Englischen von Karsten Singelmann

In der Hitze einer namenlosen Großstadt kämpfen das Mädchen Baz und ihr einziger Freund Demi ums Überleben. Baz und Demi sind die Besten in ihrer Gang, die Meisterdiebe der Straße. Die beiden fühlen sich unbesiegbar, bis Demi einen der gefährlichsten Männer  der Stadt bestiehlt. Plötzlich ist ihr Leben keinen Cent mehr wert. Sie geraten zwischen die Fronten der Schläger des Slums und der korrupten Polizei – und sogar ihrer eigenen Gang können sie nicht mehr trauen. Als Demi angeschossen und verschleppt wird, versucht Baz alles, um ihren Freund zu retten.
Rasant und spannend erzählt, gibt das Buch ganz nebenbei einen informativen Einblick in die Lebensbedingungen der Armen dieser Welt. (sf)

... für Jugendliche
Antje Wagner: Unland

bloomsbury 2010, 9,95 €, ab 12

In dem Roman “Unland” von Antje Wagner geht es um sieben Kinder, die mit ihren beiden Erziehern in einem kleinen Dorf in einem Haus namens “Eulenruh” leben. Das berliner Mädchen Franka, die neu eingezogen ist, kommt in eine ihr unvertraute Dorfwelt und fühlt sich von Anfang an beobachtet. Vielleicht kommt dieses Gefühl von den unheimlichen schwarzen Ruinen Unlands her? Doch als sie mit ihren Mitbewohnern und einer Freundin den merkwürdigen Dingen, die hier vor sich gehen, auf den Grund gehen will, stellen sich die Dinge auf den Kopf.
Jeder, der diesen fantastischen Thriller liest, versinkt in einer sommerlichen Welt, die von schwarzen Ruinen, Vorurteilen und den traurigen Vergangenheiten der Bewohner Eulenruhs getrübt wird. Doch es ist auch eine Welt von Freundschaft und Liebe. Wenn man das Buch liest, steigert man sich so in die Gefühle der einzelnen Personen rein, dass man um sich herum alles vergisst und noch lange über den leicht mysteriösen Roman nachdenkt.
(Rezension von Emil Jennerich, 13 Jahre)

... für Jugendliche
John Green: Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)

dtv 2010, € 8,95, ab 14, aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Cover GreenColin scheint ein Problem zu haben: Jeder seiner  Versuche mit einer Katherine zusammen zu sein scheitert. Gerade hat ihn auch noch Katherine Nummer 19 abserviert. Warum klappt es nie mit seinen Katherines? Dank seines Wissens (Colin spricht elf Sprachen, liebt Anagrame und kann das Lexikon zitieren) kann er eine Rechnung aufstellen, an der man den Tag der Trennung ablesen können soll. Doch dann trifft er, auf einer Reise mit seinem Freund Hassan, Lindsey. Ist  seine Rechnung wohl richtig? Ein witziges, fantastisches Buch, das man nicht aus der Hand legen will. (Rezension von Kara Mikus 15 Jahre)

... für Jugendliche
Jenny Valentine: Kaputte Suppe

dtv 2010, 12,90 €, ab 13, aus dem Englischen von Klaus Fritz

Cover ValentineDie Ich-Erzählerin muss sich tagein tagaus um ihre kleine Schwester Stroma kümmern, weil ihre Mom duch ihres Sohnes Tod so in einen Trauerzustand gekommen ist, dass sie sich um nichts mehr kümmern kann. Ihr Vater lebt seit dem Tod ihres Bruders Jack von Mom getrennt. Zu ihrem Glück lernt sie Bee kennen, nachdem ihr ein in einem Krankenwagen lebender Junge ein Negativ in die Hand gedrückt hat. Sie freundet sich mit beiden an. Bee hilft ihr oft mit Stroma, doch am Ende des Buches erfährt sie Bees Geheimnis. Der Roman von Jenny Valentine ist zwar traurig, aber auch schön, weil sich alles zum Guten wendet und die Hauptfigur nicht mehr allein ist.
(Rezension von Emil Jennerich, 12 Jahre)

... für Erwachsene
Sibylle Berg: Der Mann schläft

TB dtv 2011, 9,90 €

Eine nicht mehr junge Frau findet das, wonach sie so lange, immer und keinesfalls auf der Suche war, dass es ihr mehr als schwer fällt, sie anzunehmen: die Liebe. Sie hat sich eingerichtet in ihrem Alleinsein, das sie ehrlicher und lebbarer empfindet als all die zwischenmenschlichen Beziehungskatastrophen, die sie umzingeln. Und dann erwischt es sie doch. Und sie traut sich. Doch eines Tages ist der Mann verschwunden. Als Ich-Erzählerin berichet die Frau selbst aus ihrem Leben vor, mit und nach dem Mann. Schonungslos offen und genau bis ins kleinste emotionale Detail ist der Erzählton. Dabei wird es jedoch nie weinerlich, denn Sibylle Berg bleibt aich in ihrem neuesten Roman ihrem ganz eigenen und immer hart am Zynismus schrammenden Humor treu. (jk)

... für Erwachsene
Ilma Rakusa: Mehr Meer – Erinnerungspassagen

Bloomsbury 2011, 9,95 €

rakusa coverIlma Rakusa beschreibt ihre Kindheit und Jugend zwischen den Kulturen Ost- und Westeuropas. Die Autorin ist Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter und ihre Lebensstationen führen von einer slowakischen Kleinstadt über Budapest, Ljubljana und Triest nach Zürich und von da weiter nach Leningrad/Petersburg und Paris.

Die überall Fremde, Nicht-ganz-Zugehörige findet sehr früh schon ihre innere Heimat in den Klängen der vielen unterschiedlichen Sprachen ihrer Kindheit, in der Musik und in der Literatur sowie im Reisen, im “Sammeln” von Orten und Ortsnamen. Mehr Meer geht weit über eine Nacherzählung einer Kindheit und Jugend hinaus. Es ist die Beschwörung dessen, was von den vielen Lebensorten und Begegnungen bleibt: Töne und Klänge, Farben und Stimmungen, einzelne Szenen. Die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts erscheinen hier auf faszinierend poetische Weise im prismatischen Blick einer Schriftstellerin, die wie wenige in und zwischen verschiedenen Kulturen lebt. (sf)