… für Erwachsene

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay Verlag 2011, € 19,90

Cover de WaalHinter einem sperrigen Titel, geschrieben von einem hierzulande bislang unbekannten Autor, dem englischen Keramikkünstler Edmund de Waal, verbirgt sich eines der faszinierendsten Bücher dieses Jahres. Ausgehend von kleinen Erbstücken, kostbaren japanischen Minaturschnitzereien (Netsuke) rekonstruiert de Waal die Geschichte seiner Familie, einer jüdischen Getreidehändler-, Bankiers- und Kunstsammlerfamilie im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei spannt er einen Bogen von Paris, Wien, Odessa, Tokio nach London, erzählt vom kometenhaften Aufstieg, enormem Reichtum, Mäzenatentum, von Verfolgung, Enteignung und Vertreibung – und wie die Netsuke, die dank einer Hausangestellten als einziges von all den Besitztümern überlebt haben, zu ihrem Ursprung nach Tokio zurückkamen. Ganz ohne Nostalgie, aber präzise und einfühlsam gelingt de Waal eine ganz neue Form der Familienerzählung. Ganz nebenbei schreibt er auch eine weitläufige europäische Geschichte. Unbedingt lesen. (sh)

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen

Kiepenheuer & Witsch 2011, € 18,99

Cover KlüssendorfEin schmaler Band, ein großes Stück Literatur über ein Phänomen, das es laut realsozialistischer Propaganda so in der DDR hätte gar nicht geben dürfen: familiäre Verwahrlosung, Gewalt gegen Kinder, Alkoholismus. Namenlos bleibt das Mädchen, wie auch sein kleiner Bruder und erschütternd ist, was ihnen geschieht, wie sie aufwachsen müssen. Ohne Zuneigung, ohne Rückhalt, stattdessen voller Wut und Grausamkeiten. Wie das Mädchen daran krankt und dennoch wächst, ist absolut lesenswert! (sh)

Angelika Klüssendorf ist mit “Das Mädchen” für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert.

Boualem Sansal: Harraga

Merlin Verlag 2011, aus dem Französischen von Riek Walther, € 15,80

Cover SansalZwei ganz ungewöhnliche Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Romans aus Algerien. Lamia, eine Mittdreißigerin, Kinderärztin, alleinstehend, unabhängig, aber auch einsam und desillusioniert von vergeblichen Lebensmühen. Und die 16-jährige Cherifa, die eines Tages völlig überraschend in Lamias Leben platzt. Sie ist schwanger, offensichtlich verstoßen, aber nichtsdestotrotz voller Freiheitsdrang, Lebenslust und Freude, die einer Frau in ihrer Situation keinesfalls zusteht in einer islamischen Gesellschaft. Poetisch wie hochspannend erzählt Sansal aus dem Alltag algerischer Frauen. Lakonie und Dramatik wechseln einander ab – ein sprachlicher Hochgenuss! (jk)

Boualem Sansal ist Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011.

Einar Már Gudmundsson: Vorübergehend nicht erreichbar

Eine Liebesgeschichte. Hanser 2011, aus dem Isländischen übersetzt von Angela Schamberger und Wolfgang Butt, € 19,90.

Cover GudmundssonEine wahre Begebenheit: Die zarte frische Liebe Evas und Einar Pórs wird auf eine harte Probe gestellt: beide sind drogen- und alkoholkrank. Er kommt in Haft, beide sind auf  Entzug, es herrscht absolutes Besuchsverbot. Eine Situation, die eigentlich zum grandiosen Scheitern verurteilt ist. Nur einander ihre Lebensgeschichten zu erzählen und  Briefe der Sehnsucht, der starken Gefühle zu verfassen,  bleibt ihnen. Und da kommt der  Autor selbst ins Spiel. Die ihm anvertrauten Briefe der beiden treffen ihn ins Mark. Er kann es nicht länger ignorieren, er selbst ist alkoholsüchtig, wird Teil der Geschichte, die er mit vielen Perspektivwechseln, rasant und leidenschaftlich erzählt. (sh)

Ein starkes inniges Buch aus dem großen Literaturland Island – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.

Michela Murgia: Accabadora

TB dtv 2011, € 8,90 Aus dem Italienischen von Julika Brandestini (Originaltitel: Accabadora, Einaudi 2009, 20,50 €)

“Es gibt Orte, an denen die Wahrheit gleichbedeutend ist mit der Meinung der Mehrheit.” Maria ist die vierte Tochter einer verarmten Witwe und eine offensichtliche Belastung. So ist auch ihre Eigenwahrnehmung geprägt davon, unerwünscht zu sein. Als sie von der alleinstehenden, wohlhabenden alten Schneiderin aufgenommen wird, tuschelt das ganze Dorf. Es entsteht eine wundersame Gemeinschaft zwischen der wortkargen klugen Alten und dem Kind, das langsam eine Selbstverständlichkeit entwickelt. Doch ihre neue Zugehörigkeit wird von irritierenden Heimlichkeiten der Alten getrübt. Es scheinen Gesetze zu herrschen, nach denen Maria nicht fragen darf. Erst nach Jahren erfährt sie, was das ganze Dorf als offenes Geheimnis wahrte. Mit klarsichtiger und wunderbar unkitschiger Sprache erzählt die Autorin die Welt eines kleinen sardischen Dorfes in den 50er Jahren. Und sie erzählt davon, dass der Pakt der Generationen mehr sein kann als nur Pragmatismus. (fk)

Nina Pauer: Wir haben keine Angst

Fischer, 2011, € 13,95

Wir haben keine Angst … aber eigentlich doch. Und zwar so ziemlich vor allem. Davor den perfekten Augenblick zu verpassen um dem Leben genau die Richtung zu geben, wie es werden soll. Davor den pefekten Lebenspartner zu verpassen. Davor in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von uns zu verbreiten, weshalb wir tagtäglich Facebook  checken um zu schauen, was der Rest der Welt an die Pinnwände postest. Davor unsere Eltern zu enttäuschen. Oder einfach davor erwachsen zu werden.
Anna und Bastian, deren Lebensläufe nicht unterschiedlicher sein könnten, der eine Dauerstudent, die andere erfolgreiche Junior Assistent in einer Werbeagentur, sind Nina Pauers Protagonisten, an denen sie die Probleme einer ganzen Generation treffend und auf wundervoll witzige, humorreiche Art und Weise analysiert. Und was macht man mit solch einer Generation, die sich nicht zu helfen weiß? Richtig, man schickt sie zum Therapeuten. Ich hätte mich am Ende dieses Buches gern selbst zum Therapeuten geschickt, denn hilfe lieber Gott,  sind wir denn wirklich so unglaublich verkorkst kompliziert? Ein Buch voller herrlicher Wiedererkennungsmomente, wo man in einem Augenblick herzlich lacht und im anderen fast weinen möchte. Umbedingt Lesen!! (Rezension von Chantal Hochgräber)

Milena Magnani: Der gerettete Zirkus

Edition Nautilus 2010, aus dem Italienischen von Maja Pflug, 18 €

Ein Romalager am Rand einer unbenannten Stadt, deren lärmender Autobahnring Menschen abzweigt in die urbane Abgeschiedenheit. Sie kommen aus der Slowakei, Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien. Was sie eint, ist die Ausgrenzung durch die Anderen jenseits der Autobahn. Sie bleiben unter sich, leben in Armut. Alkohol und Drogen, Gewalt und Kriminalität gehören zum Alltag. Betteln ist ein Beruf. Als eines Tages Branko im Camp auftaucht, kehrt sich die Gemeinschaft einhellig gegen ihn. Er wird zum Außenseiter der Peripherie. Einzig die Kinder akzeptieren den Fremden. Er weckt ihre Neugierde mit Geschichten um einen geheimnisvollen Zirkus.
Magnani bringt das historische wie aktuelle Thema der sozialen Ausgrenzung von Sinti und Roma mit viel Poesie zur Sprache, ohne die Brisanz aus den Augen zu verlieren.Die Übertragung ihrer Poetik auf die Realität ist sicher streitbar. Ein guter Grund, neben der wunderbaren Sprache, dieses Buch zu lesen! (jk)

Iris Hanika: Das Eigentliche

TB bei btb 2011 8,99 €

Iris Haniks beschreibt Leben und Arbeitsalltag des phlegmatischen Archivars Hans Frambach am “Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung” und seiner platonischen Freundin Graziella. Diese Erzählebene durchsetzt sie mit geschichtswissenschaftlichen, philosophischen Zitaten und Leerseiten (sic!). Provozierend und zugespitzt in jedem Satz und Wortspiel hinterfragt sie, was übrig geblieben ist von deutscher Vergangenheitsbewältigung. Als junger Mann geradezu zerfressen von Schuld und Scham über die Shoah langweilt sich Frambach zunehmend in seiner Tätigkeit. So wie sich selbst Stolpersteine als großstädtisches “Inventar ” mit der Zeit abgelaufen haben, man keineswegs mehr stolpert auf gewohnten Wegen, so verliert auch für Frambach der Text eines jüdischen Lyrikers im stupiden Abtippen seine Eindringlichkeit, das Eigentliche. Keinesfalls jedoch ist der Roman als gewollter Schlussstrich oder gar Absolution zu verstehen, sondern vielmehr als eine Aufforderung zum Nachdenken über einen Umgang mit den Naziverbrechen jenseits institutionalisierter Gedächtniskultur. (jk)

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

TB bei btb, 2011 9,99 €

Der Roman erzählt eine Woche im Leben von Darius Kopp, einem dicklichen Mittvierziger, Anzugträger und einzigem Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Kommunikation, der seine Tage mit ziellosem Surfen im Internet verbringt. Dieser stammt aus der DDR, war als Informatiker nach deren Zusammenbruch ein gefragter Mann und ist ein liebevoller wenn auch bis an die Geduldsgrenze langsamer, unordentlicher und fauler Ehemann. In letzter Zeit laufen die Geschäfte nur mehr schlecht als recht. Eines Tages lässt ein säumiger Kunde eine Pappschachtel mit Geld in seinem Büro abgeben. In der Folge versucht Darius Kopp vergeblich, einen seiner Chefs in London oder Los Angeles zu erreichen, um zu beraten, was mit dem Geld geschehen soll, doch es scheint, als gebe es die Firma überhaupt nicht mehr…
Dynamisch und rasant ist dieser neue Roman der sprachkräftigen Autorin, mit  höchst amüsant verstecktem Spott und dennoch voller Verständnis für die naive Menschlichkeit des Protagonisten.
Kopp ist ein “Held unserer Zeit”, bis über den Kopf verstrickt in seine alltäglichen kleinen Sorgen und dabei ein ahnungsloser Spielball der globalisierten Wirtschaft. (sf)

Sibylle Berg: Der Mann schläft

TB dtv 2011, 9,90 €

Eine nicht mehr junge Frau findet das, wonach sie so lange, immer und keinesfalls auf der Suche war, dass es ihr mehr als schwer fällt, sie anzunehmen: die Liebe. Sie hat sich eingerichtet in ihrem Alleinsein, das sie ehrlicher und lebbarer empfindet als all die zwischenmenschlichen Beziehungskatastrophen, die sie umzingeln. Und dann erwischt es sie doch. Und sie traut sich. Doch eines Tages ist der Mann verschwunden. Als Ich-Erzählerin berichet die Frau selbst aus ihrem Leben vor, mit und nach dem Mann. Schonungslos offen und genau bis ins kleinste emotionale Detail ist der Erzählton. Dabei wird es jedoch nie weinerlich, denn Sibylle Berg bleibt aich in ihrem neuesten Roman ihrem ganz eigenen und immer hart am Zynismus schrammenden Humor treu. (jk)

Ilma Rakusa: Mehr Meer – Erinnerungspassagen

Bloomsbury 2011, 9,95 €

rakusa coverIlma Rakusa beschreibt ihre Kindheit und Jugend zwischen den Kulturen Ost- und Westeuropas. Die Autorin ist Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter und ihre Lebensstationen führen von einer slowakischen Kleinstadt über Budapest, Ljubljana und Triest nach Zürich und von da weiter nach Leningrad/Petersburg und Paris.

Die überall Fremde, Nicht-ganz-Zugehörige findet sehr früh schon ihre innere Heimat in den Klängen der vielen unterschiedlichen Sprachen ihrer Kindheit, in der Musik und in der Literatur sowie im Reisen, im “Sammeln” von Orten und Ortsnamen. Mehr Meer geht weit über eine Nacherzählung einer Kindheit und Jugend hinaus. Es ist die Beschwörung dessen, was von den vielen Lebensorten und Begegnungen bleibt: Töne und Klänge, Farben und Stimmungen, einzelne Szenen. Die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts erscheinen hier auf faszinierend poetische Weise im prismatischen Blick einer Schriftstellerin, die wie wenige in und zwischen verschiedenen Kulturen lebt. (sf)

Sayed Kashua: Zweite Person Singular

Berlin Verlag 2011, aus dem Hebräischen von Miriam Pressler, 22,00 €

Cover Kashua - Zweite-person-singularEin Gesellschaftsroman aus dem heutigen Israel – und noch viel mehr. Zwei Männer, die ohne sich zu kennen Seite für Seite aufeinander zu steuern, irgendwann (vor allem aus Eifersucht) rasen, bis sie schließlich in einem quasi kriminellen Finale aufeinander prallen. Und bis dahin haben wir das Buch kaum aus der Hand legen können. (jk)