Johannes V. Jensen: Himmerlandsgeschichten

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser-Mühlecker. Guggolz Verlag 2020, 235 S., € 22,-

HimmerlandsgeeschichtenIm Übergang vom bäuerlich geprägten Leben zur Industriegesellschaft sind die Geschichten aus der Region Himmerland im nördlichen Dänemark zeitlich angesiedelt. Menschen, die ihrer einfachen und harten Arbeit in der Landwirtschaft nachgehen, ohne die Frage nach Sinn oder Gerechtigkeit ihres Daseins zu stellen, werden in den sehr unterschiedlichen und doch auch wieder den gleichen Motiven nachspürenden Erzählungen dargestellt. Alles ist hinreichend begründet durch den christlichen Glauben und die überlieferten Verhältnisse. Jensen lenkt den Blick auf den einzelnen Menschen. Da ist der „stille Mogens“, der, seinen Mitmenschen gleich, das Sprechen für weitgehend überflüssig hält. Als er sich in ein junges Mädchen verliebt, stürzt ihn seine Sprachlosigkeit erst in Hilflosigkeit, dann in Missbrauch und Brandstiftung, um am Ende zum Retter und Helden zu werden, der vierzig Jahre glücklich verheiratet sein wird. Die Geschichte um „Andreas Olufsen“ beschreibt das genaue Gegenteil. Der Mann, der aus der dörflichen Enge ausbricht, die Welt bereist, um, zurückgekehrt, Lebensfreude und Genuss ins Dorf zu bringen. Die Abneigung der Mitmenschen ihm und seiner Lebensfreude gegenüber treibt ihn tief in religiöse Zweifel, die er durch Gründung einer Sekte überwindet. Unglücklich und verspottet stirbt er einsam.
Jensen gilt bis heute als einer der wichtigsten dänischen Schriftsteller. 1944 erhielt er den Literaturnobelpreis, Thomas Mann bewunderte ihn. Die hier versammelten Geschichten und der bereits 2017 erschienen Band „Himmerlandsvolk“ verdeutlichen, dass sein Ruhm begründet ist. Nun heisst es, ihn auch bei uns wiederzuentdecken. (Torsten Sigmund) Leseprobe

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Sandra Petrignani: Die Freibeuterin

Das Leben der Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Stefanie Römer. btb Verlag 2020, 640 S., € 24,-(La corsara. Ritratto di Natalia Ginzburg. Neri Pozza 2018, € 26,50)

Petrignani FReibeuterin_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist die bedeutendste Minimalistin der italienischen Literatur. In ihren Romanen, Erzählungen und Texten ist jedes Wort mit Bedacht gesetzt, erbarmungslos, aber gleichzeitig mit viel Ironie enthüllt sie menschliche Schwächen, die Verstrickungen in Familien, die Abgründe zwischen Frau und Mann. Ihre Bücher sind moderne Klassiker der Weltliteratur, Inspiration gerade für Autorinnen weltweit.
Doch was ist das Material, aus dem sie schöpfte? Wer war diese italienische Schriftstellerin, Übersetzerin, Lektorin, Journalistin, Politikerin, Mutter? Die gerade ins Deutsche übersetzte Biografie „Die Freibeuterin“ von Sandra Petrignani taucht tief in Ginzburgs wechselvolles Leben ein. Sie spannt den Bogen von ihrer Kindheit als ein bisschen übersehene Tochter in einer bürgerlichen jüdischen Familie über ihre Ehe mit Leone Ginzburg, dem charismatischen Intellektuellen und Mitbegründers des Einaudi Verlags, der von den Nazis zu Tode gefoltert wurde, ihren schmerzhaften schwierigen Neuanfang nach dem Krieg, die Bedeutung als weiblicher Schriftsteller bis zur Anerkennung als eine der ganz Großen des italienischen Geistes- und Kulturlebens.
Mit ihrem faszinierend breit angelegten Verfahren, eine Fülle von Beschreibungen, Zitaten, Quellen, literarischen Verweisen, von Gesprächen mit lebenden Zeitzeug*innen, von Ortsbesichtigungen, Assoziationen und Fragen zu verweben, ist Sandra Petrignani ein beeindruckendes Porträt Natalia Ginzburgs gelungen und regt noch einmal mehr an, Ginzburg selbst zu lesen! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Markus Orths: Luftpiraten

Illustriert von Lena Winkel, Ueberreuter 2020, 256 S., € 14,95, ab 9

Orths Luftpiraten Danteperle Dante ConnectionLuftpiraten leben in Luftlöchern (unterluftig miteinander verbunden), sind grauhäutig, immer schlecht gelaunt und stets streitlustig (schon mal überlegt, wo Blitz und Donner herrühren? Na also). Dafür gibt es sogar eine Schule, mit Streitunterricht und Brüllwettbewerb. Luftpiratenlehrer Adiaba ist da selbstverständlich Experte, doch eines Tages liegt ein Baby vor seiner Tür: Zwolle. Eine Katastrophe! Denn Zwolle ist ein Weißer Luftpirat, lieb, nett, freundlich – und verboten! Adiaba bringt es nicht übers Herz (was für ein ungewohntes Gefühl!) ihn anzuzeigen.  Als er dafür verhaftet und verbannt wird, macht Zwolle sich mit Franka, dem unerschrockensten Luftpiratenmädchen weit und breit, Kaspar, einem wandelbaren Luftikus, Theo Rättich, einem furchtbar gelehrten Luftpiraten, sowie Charley Gottchen, der nur als Stimme existiert, auf, ihn zu befreien. Ein spannender Roman für alle ab 9 und zum Vorlesen, ein mitreißendes Feuerwerk sprachlicher Fantasie. (Syme Sigmund)

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Christoph Ribbat: Die Atemlehrerin

Suhrkamp Verlag 2020, 191 S., € 22,-

Ribbat Atemlehrerin_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Aufmachung ist schon sehr fein und das hat mich als Blickfang gereizt. Dann das Thema: „Die Atemlehrerin“. Und dann der Untertitel: „Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm“. Der Verfasser, mir bisher unbekannt: Christoph Ribbat. Der Inhalt beschreibt ineinander verschränkt die Biographie einer Berliner Jüdin, die es geschafft hat, nach der Flucht aus Berlin in Holland ihren Mann aus den Händen der Nazis zu befreien und mit ihm schließlich in New York zu landen, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Am Central Park, mit dem Lift in die zehnte oder elfte Etage in ihr helles, freies Studio, in dem sie Unterricht gab, über viele Jahrzehnte. Parallel wird die Geschichte der Gymnastik-Bewegung erzählt, aus der auch der Atem-Kult hervorging. All das Aufregende und für mich Neue wird sachlich und ruhig und doch mit viel Empathie erzählt, basierend auf gründlicher Recherche. Schön, dass auch Fotos aus dem Leben dieser tüchtigen und selbständigen Frau enthalten sind. Neben all den vielen Frauen-Biographien, von denen jede einzelne wichtig und notwendig ist, gelingt dieser Biographie etwas Außergewöhnliches: Zeitgeschichte mit persönlichem Schicksal ruhig und trotzdem sehr engagiert zu verbinden. Ein Gewinn und ich wünsche dem Buch viele Leser und Leserinnen. (Lisette Nichtweiss) Leseprobe

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Valentina Brüning: Kakao und Fischbrötchen

Illustriert von Maja Bohn. Tulipan Verlag 2020, 160 S., € 13,-, ab 9

Kakao_Fischbrötchen_VLBRita lebt mit ihrer Mutter direkt am Pichelssee, einer Ausbuchtung der Havel im Westen Berlins. Gut haben sie es, findet Rita, mit ihrer eigenen Bootsschule so direkt am Wasser, und außerdem hat sie bald Geburtstag, wird zehn und kann ihre Feier mit Segelregatta und riesiger Marzipantorte kaum erwarten. Da passt es gar nicht, dass ihre Mutter plötzlich mit einem Mann auftaucht, in den sie augenscheinlich auch noch verliebt ist, und der seine drei unausstehlichen Söhne mitbringt. Denen gefällt es so gut am Pichelssee, dass sie die Sommerferien über gleich bei ihnen bleiben wollen. Das kann Rita alles gar nicht akzeptieren, und so schmiedet sie Pläne, wie sie die drei Nervbolzen wieder los wird, und den Mutter-Stefan gleich mit dazu. Wenn doch ihre beste Freundin Leonie endlich aus dem Urlaub zurück wäre, um ihr beizustehen.
Valentina Brüning geht das Thema Patchwork-Familie mit Witz und Leichtigkeit an, und nimmt dabei Ritas Probleme und Sorgen durchaus ernst. Eine gelungene Mischung und ein vielversprechendes Debut. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other

 

Bisher nur auf Englisch erhältlich. Paperback Penguin Books 2020, 464 S., € 12,50

Evaristo Girl Woman Other_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin Kreuzberg12 Frauen, 12 Geschichten. Eine davon ist Winstom, deren Lieblingsdichterin die in Guyana geborene Lyrikerin Grace Nichols ist. Die in dem Buch zitierte Gedichtzeile „We the women/whose praises go unsung/whose voices go unhead“, kann als Motto des Romans verstanden werden. Bernadine Evaristo, die für dieses Buch mit dem Booker Preis 2019 ausgezeichnet wurde, entwirft 12 Charaktere und gibt damit girl, woman and other unterschiedlicher Generationen eine Stimme. Die Protagonist*innen, alle POC sind Feministinnen, sind politisch engagiert, lieben lesbisch oder heterosexual oder entscheiden sich für nicht binäre geschlechtliche Identitäten. Manche sind verheiratet und haben Kinder, einige kämpfen mit ihrer Karriere, alle ringen mit der Frage, wie sie leben wollen. In einer Rede „The danger of a single story“ erklärte die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, wie wichtig es ist polyphone Geschichten zu erzählen, um Misrepräsentationen und Stereotype zu vermeiden. Bernadine Evaristo hat diesen Gedanken in einer reichen vielstimmigen Sprache fulminant umgesetzt, und dem Konzept der Intersektionalität eine literarische Stimme gegeben. Die Lebenswege dieser Personen sind unvorhersehbar und werden immer wieder unvermutet miteinander verflochten, so dass die Leser*in stets aufs Neue überrascht wird. Die oben genannte Winstom beispielsweise migrierte in den 50er Jahren nach England; Jahrzehnte später, zurück in Barbados, wird sie ihrer Enkeltochter wie schwer es für sie in und ihren Mann Clovis als POC in England war. Der Roman ist fantastisch zu lesen, er ist aber auch ein Beispiel dafür wie politische Informiertheit zusammengehen kann mit einer ausgetüftelten literarischen Sprache. Um es mit Megan, einer der Akteur*innen zusammenfassen: woke. (Veronika Springman)

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Maira Kalman: Alles ist schöner mit Kuchen

Mit 16 Rezepten von Barbara Scott-Goodman. Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Verlag Antje Kunstmann 2019, 96 S., € 18,-

Kalman KuchenDieses Buch ist wie ein guter Kuchen – eine harmonierende Mischung aus Rezepten, dazu passenden Geschichten und hinreißenden Illustrationen, verschmolzen zu einem gelungenen Ganzen. Maira Kalman schreibt und bebildert Momente, in denen ein Kuchen genau das richtige ist, und schwelgt dabei auch in Erinnerungen an ihre Kindheit in Tel Aviv. Da gibt es den Schokoladenkuchen eines unbeschwerten Kindheitssommers, den Kuchen für gemeinsames Pläneschmieden, den trostspendenden Kuchen für ein gebrochenes Herz oder die üppige Torte, um die sich gute Freunde versammeln. Und das Beste: Die Rezepte sind leicht nachzubacken und liefern wunderbare Ergebnisse. Kein Tag mehr ohne Kuchen, her mit dem Kuchen! (Syme Sigmund) Leseprobe

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