Paul Scraton: Am Rand. Um ganz Berlin

Aus dem Englischen von  Ulrike Kretschmer. Matthes & Seitz 2020, 220 S., 10 Farbfotos, € 22,-

Scraton_Paul_Am_Rand_um_ganz_Berlin_Danteperle_Dante_ConnectionFlaneure wie Franz Hessel oder Walter Benjamin haben der Stadt Berlin immer wieder literarische Denkmäler gesetzt, sich jedoch auf das pulsierende Zentrum fokussiert. Der britische Wahlberliner Paul Scraton widmet sich dem ganz Anderen, dem Entlegenen, für das sich eigentlich niemand interessiert. 10 Wanderungen rund um Berlins Stadtgrenze in den unwirtlichen grauen Monaten Januar bis März hat der Landschaftshistoriker unternommen, ist immer am Rand der ehemaligen Grenze durch Gewerbegebiete, Wohnsiedlungen, Wälder und Brachen gelaufen, vorbei an Baustellen, Gleisen, Zäunen, Gedenktafeln. Er trifft auf Menschen und Geschäftigkeit, aber auch auf völlig verlassene Gelände, Leere und Stillstand. Faszinierend ist es zu lesen, wie sich große entscheidende Ereignisse der Geschichte und Rolle Berlins auch an den sich zerfasernden Rändern der Stadt niederschlagen und widerspiegeln. Der äußerst belesene Autor (was für ein Literaturverzeichnis!) verschmilzt sein erstaunliches Wissen, seine Offenheit und seinen geschärften Blick fürs Wesentliche in scheinbar nebensächlichen Details zu einer spannenden Erkundung dessen, was uns umgibt. Sein Buch ist eine wunderbare Einladung, es ihm nachzutun. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Thomas Hardy und Britta Teckentrup: Sommerhaus am See

Harding_Thomas_Teckentrup_Britta_Sommerhaus_am_See_Danteperle_Buchhandlung_Dante_ConnectionDas Bilderbuch. Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart 2020, 48 S.,  € 15,-, ab 8

Am Ufer des Glienicker Sees am Rande Berlins steht ein hübsches Holzhaus. Beim ersten Blick würde man nicht meinen, dass ein solch kleines Gebäude so viel erlebt hat. Das Haus wurde von den Urgroßeltern Thomas Hardings vor fast hundert Jahren gebaut. Zusammen mit ihren vier Kindern verbrachten sie dort eine unbeschwerte Zeit. Bald mussten sie aber wegziehen, nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten.
Danach wurde es von sehr unterschiedlichen Familien bewohnt, aber früher oder später verließen alle das Haus. Viele Jahre und politische Systeme später betritt Thomas Harding einen kleinen Weg im Wald am See, und findet tatsächlich ein kleines verlassenes Haus, das wie das seiner Urgroßeltern aussieht und das sich mit einem uralten Schlüssel öffnen lässt… Genau das ist es!
Dieses toll und eindrucksvoll illustrierte Buch erzählt hundert Jahre deutscher Geschichte. Das Haus mit seinen wechselnden Bewohner*innen steht wie ein Symbol für das 20. Jahrhundert und ist jetzt eine Begegnungsstätte für alle. (Giulia Silvestri)

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Louise Penny: Das verlassene Haus

Der dritte Fall für Gamache. Aus dem kanadischen Englisch von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, 480 S., € 16,90

PennyEs ist Ostern – auch in dem kleinen kanadischen Dorf Three Pines. Da sich im Gasthaus über die Feiertage ein „echtes“ Medium eingemietet hat, verabreden sich die Dorfbewohner zu einer Séance, und zwar – damit es noch gruseliger wird – in dem alten verlassenen Haus am Berg, in dem es spuken soll. Dass die allseits beliebte Madeleine Favreau sich wortwörtlich zu Tode erschrecken würde, war nicht geplant – oder doch? Irgendwer aus dem Dorf muss da ein Bisschen nachgeholfen haben. Inspector Armand Gamache kehrt für einen weiteren Fall nach Three Pines zurück und muss sich zudem vor Gespenstern aus seiner eigenen Vergangenheit in Acht nehmen.
Die Krimiserie um den sympathische Inspektor besticht durch skurrile, raffinierte Fälle sowie liebenswert-verschrobene und individuell gestaltete Charaktere sowohl unter den Dorfbewohnern als auch in der Mannschaft der Sûreté du Québec. Fans von Fred Vargas und Michael Dibdin werden auch Louise Penny nicht mehr aus der Hand legen wollen. (Syme Sigmund)

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Ayşe Bosse: Pembo

Halb und halb macht doppelt glücklich! Mit Illustrationen von Ceylan Beyoğlu. Carlsen 2020, 272 S., € 10,-, ab 9

PemboAyşe Bosse ist bisher eher als Autorin sehr berührender Bücher für Kinder und Jugendliche zum Thema Tod in Erscheinung getreten. Hier zeigt sie sich nun von einer ganz anderen Seite. Sensibel und mit viel Humor erzählt sie von Pembo, die aus einem türkischen Dorf am Meer nach Hamburg ziehen muss. Pembo ist damit gar nicht einverstanden, aber ihr türkischer Vater hat die Gelegenheit, das Geschäft seines verstorbenen Onkels zu übernehmen und ihre deutsche Mutter will nochmal studieren. Es geht nicht alles glatt mit diesen Elternplänen, doch Pembo weiß die Familienpleite auch mit Hilfe neuer Freunde zu verhindern. Ein modernes Großstadt-Märchen, das durch die zarten, ausdrucksstarken Tuschezeichnungen von Ceylan Beyoğlu sehr schön ergänzt wird. Und als Bonbon gibt es am Anfang jeden Kapitels einen Mini-Türkisch-Kurs. (Jana Kühn) Leseprobe

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Raimund Petschner: Kurze Entfernung aus dem Gespräch

PalmArtPress 2019, 187 S., € 24,-

FRONTCOVER_25.10.18_FINAL.inddIn einer unveröffentlichten Miniatur über das Verfassen von Miniaturen schreibt Petschner: „Im dickleibigen Entwicklungsroman des Lebens tauchen magische Kürzestkapitel auf, magisch und zugleich alltagsweltgesättigt, weltzustandsbewußt.“ Miniaturen gehen von Kleinbeobachtungen aus, von dem, was Auge und Ohr im Vorbeigehen einsammeln und im Kopf irgendwo so verstauen, daß es eines Tages den Verfasser, die Verfasserin zu einem kurzen Text anstößt. Zur Miniatur wird dieser Text, wenn Beschreiben und Nachdenken auseinander hervorwachsen, ja ineins fallen. In einer Petschnerschen Miniatur etwa erinnert sich nach Jahrzehnten ein Mann, wie er als Kind die Mutter eines Mitschülers in einem elenden Bach baden sah, eine „munter sich selbst bespritzende (…) Frau, wenngleich darunter – nicht darüber – etwas wie eine Maske saß : heilloser Schmerz, gefrorener Gram.“ Am Ende, nach weiteren wenigen Zeilen der Beschreibung, heißt es schließlich, in dem Elfjährigen habe bald danach ein leiser Verdacht zu arbeiten begonnen, „es seien die Mütter etwas unglaublich anderes als kleine praktische Nutzfahrzeuge“. Dieses Nachdenken über das erinnerte Bild in Gestalt wiederum eines Bildes hat Frank Heibert in einer tell-Besprechung des Buches seinerseits bildhaft beschrieben als „schwingende Bewegung vom Alltagsdetail zur existenziellen Unendlichkeit (und zurück)“. Beeindruckend ist die Leichtigkeit, mit der man als Leserin/Leser dieser schwingenden Bewegung folgen kann – vermutlich wegen des rhythmus- und spannungsreichen Satzflusses. Man wird von ihm gleichsam an die Hand genommen und durch den stark verdichteten Stoff geführt, der bildreich ist bis in die Wortfindungen hinein: „Plastikleerguttraurigkeit“, „Zauberkoinzidenzen“, „Cleanizismus“, „ein dunkles Stimmenschiff“, „im Ruckelrasewagen Welt“. Miniaturen sind Einzeltexte, und sie sind zugleich „Kürzestkapitel“ eines Ganzen. Die Ganzheit, ja Geschlossenheit von Kurze Entfernung aus dem Gespräch garantieren wiederkehrende Themen und Motive und nicht minder Petschners Blick und sein Stil. Großverlage schrecken vor der Publikation von Kurz- und Kürzestprosa zurück, weil das Lesepublikum Romane verlange. Catharine Nicely, die Verlegerin der deutsch-englischsprachigen PalmArtPress, engagiert sich für alle Arten von „minimals“ und praktiziert mit ihrem Kunst und Literatur verflechtenden Verlag möglicherweise generell etwas ähnliches wie Petschner mit seinen Miniaturen: die Feier des Mosaiks, die Aufforderung an den Leser/die Leserin, mit den Leerräumen zwischen den Steinen zu hantieren. Petschner selbst schreibt in einer seiner Miniaturen über das vermeintliche Zurückschrecken vor kurzen Formen des vermeintlich romanfixierten Publikums: „Man fürchtet das Elend der Zerstreuung und erlebt, lässt man sich auf das Kleinstückige ein, oft nur eine Stärkung der bogenschlagenden und gestaltbildenden Kräfte.“ (Eveline Passet) Leseprobe

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Katja Gehrmann & Constanze Spengler: Seepferdchen sind ausverkauft

Moritz Verlag, 48 S., € 14,-, ab 5

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Der alleinerziehende Vater sitzt am Schreibtisch und muss bald schon ein Projekt abgeben, doch das Kind langweilt sich und lässt ihm keine Ruhe. Nur mit halbem Ohr zuhörend erlaubt er schließlich die Anschaffung eines Haustiers. Nur wird – nach einer ganzen Reihe Bilderbuchseiten voll schön-schräger Ideen – aus der anfänglich einen Wüstenrennmaus eine ganze Horde der unterschiedlichsten Tiere.
Schon vor Corona war Homeoffice für viele Alltag. Seit einigen Wochen wissen nun alle Familien mit Kindern von den Herausforderungen, die das mit sich bringt. Dieses wunderbar lustige Bilderbuch erzählt mit sehr viel (tröstlichem) Humor davon. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Uwe Preuss: Katzensprung

 S. Fischer Verlag 2020, 176 S., € 20,-

Preuss_Uwe_Katzensprung_Dante_connection_DanteperleWie eine Vitaminspritze können uns bestimmte Bücher gerade in diesen anstrengenden Zeiten energetisch aufbauen. Das literarische Debüt Katzensprung des Lebenskünstlers und Schauspielers Uwe Preuss gehört eindeutig in diese Kategorie. Lapidar erzählt er in einzelnen komprimierten Geschichten vom Aufwachsen eines Nichtangepassten in der DDR. Vom draufgängerischen Liebesleben seines Opas und anderen unkonventionellen Familienangehörigen. Von sechs weltläufigen Kindheitsjahren in Brasilien. Von eigenen Amouren, genialen kleinen Tricksereien, die das Leben angenehmer gestalten. Von krassen Arbeitsplatzwechseln mit dem Ziel ohne Volksarmee zur Schauspielschule zu kommen. Von der Ausreise aus der DDR und tatsächlicher Wiedereinreise aus Jux und Dollerei. Hier erzählt einer, der viel erlebt hat, der die sich bietenden Gelegenheiten beim Schopfe nimmt und dabei eine wunderbar lakonische Gelassenheit pflegt, die sich auch in seiner sparsamen pointierten Sprache ausdrückt. Das macht einfach Spaß. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Sylvia V. Linsteadt: Das Wilde Volk

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Rak, Woow Books 2019, 464 S., € 18,-, ab 10

Das wilde Volk_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergIn dem Buch „Das wilde Volk“ geht es um Comfrey und Tin die auf der Insel „Farallone“leben. Auf der Insel gibt es eine Stadt, die Stadt Albion. Tin ist ein Waisenkind und lebt daher im Waisenhaus in der Stadt. In diesem Waisenhaus müssen die Kinder sehr hart arbeiten. Unter Befehl des Vaters des Waisenhauses, versuchen die armen Kinder das legendäre Sternengold zu erschaffen.
Comfrey, die nicht in der Stadt sondern auf dem Land wohnt, hat derweil andere Probleme. Auf der Insel „Farallone“ leben nämlich nicht nur Menschen, sondern auch das sogenannte „Wilde Volk“. Tin und Comfrey machen sich auf eine sehr spannende Reise. Zuerst müssen sie nach „Olima“…
  (Calixta, 11 Jahre)

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Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot, Suhrkamp 2020, 411 S., € 24,-

vargasDieses zwischen historischem Bericht und Roman changierende Buch berichtet davon, wie wirtschaftliche Interessen ein Land zerstören können. 1951 wurde in Guatemala Jacobo Árbenz mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Er setzte eine Landreform um, im Zuge derer die völlig verarmte indigene Bevölkerung Land zugesprochen bekam, das der Bananenkonzern Unitet Fruits (später Chiquita) brach liegen ließ. Zudem verlangte er vom Konzern Steuern und befürwortete die Gründung von Gewerkschaften. Mithilfe der CIA, welche die dreiste Lüge verbreitete, der Kommunismus habe in dem lateinamerikanischen Land einen Fuß in der Tür der USA, wurde Árbenz 1954 gestürzt und ein Militärregime beherrschte jahrzehntelang das Land, machte die Reform rückgängig und war für zahllose Morde, Entführungen und Folter verantwortlich. Vargas Llosa erzählt diese „Harten Jahr“, die Intrigen, welche zum Fall des demokratisch gewählten Präsidenten sowie zur Ermordung des zu „schwachen“ ersten Diktators führten, in spannungsvollen, kurzen Kapiteln, jeweils aus der Sicht der verschiedenen Akteure. Ein fast journalistischer Politthriller und ein Muss für alle, die sich für lateinamerikanische Geschichte interessieren. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Anna Taube: Dir gehört die Welt

Mit Illustrationen von Amanda Gulliver. arsEdition 2020, 40 S., Pappbuch, € 10,-, ab 1

Mädchen„Mädchen können alles sein“ lautet der Untertitel dieses ansprechend illustrierten und eingängig gereimten Kinderbuchs für die Allerkleinsten. Auf der ersten Seite sitzt die Mutter mit einem Baby auf dem Schoß und erzählt ihm, was es später mal alles werden kann. Die nächsten Seiten zeigen dann die vielen Möglichkeiten, die der Tochter offenstehen. Die Palette geht von Astronautin, Richterin und Baggerführerin bis zur Krankenschwester, Tierärztin, Balletttänzerin und vielem mehr. So werden Klischees sehr schön doppelt umgangen. Mädchen könne alles sein, was sie sich erträumen, wenn sie an sich glauben und zusammenstehen, ist die Botschaft. Überzeugende Girlpower für starke Mädchen von Anfang an. (Syme Sigmund)

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