Andreas Német & Hans-Christian Schmidt: Das schrecklichste Monster der Welt

Moritz Verlag 2016, € 14,95, ab 4

monster_danteperle_danteconnectionGleich auf den ersten Seiten wird in diesem fürchterlich schrägen Bilderbuch das wildeste, das gefährlichste, das schrecklichste Monster auf der ganzen Welt aus der Kiste gelassen und sofort – o Schreck – laufen alle schreiend davon. Alle? Nein, eben nicht alle! Ein einziges Kind bleibt tapfer mit dem Buch in den Händen sitzen und blättert sogar gleich mutig weiter. Es ist sozusagen ein ganz harter Brocken. Weder scheußliches Heulen noch grausliges Dunkel, weder Gespensterkleider noch Geisterversammlung können diesem Kind einen Schrecken einjagen. Stattdessen wird es sich vor Lachen kringeln und wieder und wieder von vorn anfangen wollen mit diesem monstermäßigen Bilderbuchspaß – versprochen! (Jana Kühn)

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Paul McVeigh: Guter Junge

Aus dem Englischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser, Wagenbach 2016, € 22,-

paul-mcveigh-guter-junge-dante-connection-danteperleDas katholische Viertel Belfasts ist in den 80er Jahren kein leichter Ort zum Aufwachsen, erst recht nicht, wenn man kein “harter Kerl” ist, sondern ein schmächtiger, sensibler und intelligenter Junge. Stacheldraht und Mauern trennen es vom protestantischen Teil der Stadt, immer wieder gibt es Kämpfe und Bombenexplosionen und die IRA schreibt Gesetz. Es ist der Sommer nach dem Ende der Grundschule. Die Stadt ist für Michey ein erschreckender Ort, die anderen Kinder mobben ihn als Weichei, sein großer Bruder schließt sich der IRA an und seine Hoffnung, auf eine Privatschule zu wechseln, an der es weniger rau zugeht, droht an der Armut der Familie zu scheitern. Doch voller Optimismus und Phantasie fasst der Junge einen Plan, um seine Träume doch noch zu verwirklichen. Ein lesenswertes Buch über eine Kinderseele in Krisenzeiten, heute so aktuell wie je. (Syme Sigmund)

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Fredrik Sjöberg: Wozu macht man das alles?

Geschichten und Essays. Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Hanser 2016, € 19,90

Sjöberg_25064_MR1.inddVon der Leidenschaft des Sandsammelns über den Geschmack von Käfern bis zu Darwin – diesen Bogen kann nur ein Fredrik Sjöberg schlagen, und zwar in der von ihm gewohnten höchst amüsanten und fesselnden Weise. Und das in nur einem der in diesem Band versammelten Texte des schwedischen Autors und Biologen. Immer wieder schafft er es auf elegant-ironische Art, den Leser für die abwegigsten Persönlichkeiten mit ihren skurrilen Passionen zu interessieren. Von einem Spielzeugfabrikanten zu den deutschen Romantikern, von Flohforschern und  Insektenfang auf Eis, von Linné und Lenin bis zu Strindberg –  “Wie leicht die Gedanken auf Abwege geraten, wenn der Himmel weit und die Straße schnurgerade ist”. Dem muss und will man folgen, und wenn man sich darauf einlässt, sind vergnügliche Stunden garantiert. (Syme Sigmund)

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Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

Aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind 2016, 432 S., € 22,–.

pollock-himmlische-tafel1917. Während in Europa die Schlachten des Ersten Weltkriegs toben, scheint im Mittleren Westen die Zeit nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert stehen geblieben und auf den so genannten Fortschritt wartet hier niemand. Drei Brüder sind auf dem Weg nach Kanada, um dort in der Unbekanntheit ein neues Leben zu beginnen. Gerade noch lebten Cane, Cob und Chimney vom Vater zur Demut gezwungen in bitterer Armut, um endlich im Paradies an der Himmlischen Tafel  speisen zu können. Doch nun nach seinem Tod und gänzlich unchristlich pflastern zahllose Raubüberfälle und Leichen ihren Weg gen Norden, sodass sie bald schon als Jewett-Bande von Sheriffs und Kopfgeldjägern verfolgt werden. Knochentrocken, dreckig-düster und bitter-komisch erzählt Pollock vom Hadern wenig heller Köpfe, viel Schwarzgebranntem und einer schier hoffnungslosen Suche nach Glück, auf der buchstäblich so einige Scheiße geschaufelt wird. Das klingt jetzt nicht attraktiv? Oh doch, denn ausgesprochen raffiniert und herrlich detailreich fügt Pollock stetig neue, kuriose Charaktere, groteske Episoden und rasende Erzählstränge zu einem Wahnsinns-”Hillbillie”-Epos zusammen. (Jana Kühn) Leseprobe

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Almut Klotz: Fotzenfenderschweine

Verbrecher Verlag 2016, 144 S., € 19,00

klotz_fotzenfenderschweine_danteconnection_danteperleErst trafen sie einander jahrelang nicht, obwohl es Überschneidungen gegeben hätte. Dann sollte es auch nach dem Kennenlernen noch lange dauern, bis aus beiden ein Paar wurde, und was für eines: Almut Klotz und Reverend Christian Dabeler. Sie vormals Sängerin der Lassie Singers, Betreiberin des Labels Flittchen Records und bestens vernetzt in der Berliner Indie Szene; er Hamburger Organist, düsterer Einzelgänger und eher Szene-Außenseiter. Und was für eine Beziehung die beiden lebten, die das Streiten bis zum Exzess kultivierte! So entblößend offen die Details sind, so unsentimental ihr Erzählton auch daherkommt, rührt diese Geschichte doch umso mehr an. Das Leben, die Liebe – verrückt, oder wie kann ein Mann, der im ersten Annähern “nicht nur narkoleptisch, impotent und esoterisch, sondern wahrscheinlich auch noch Legastheniker oder Schlimmeres” war, die große Liebe werden? Almut Klotz erzählt diese Geschichte, die zum ganz großen Ding wurde, bevor sie ein viel zu frühes Ende fand. Fotzenfenderschweine blieb Fragment, Almut Klotz verstarb 2013 an Krebs. Sie hinterließ eine Art Biografie, die nun von Reverend Christian Dabeler und Aaron Klotz, dem Sohn der Autorin, unverändert und unvollendet herausgegeben wurde. (Jana Kühn)

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J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land

Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont 2016, 144 S., € 18,00.

j-l-carr-ein-monat-auf-dem-land1920, ein Provinzbahnhof im Norden Englands, der Regen strömt, ein junger Mann holt seinen Bastkorb und ein faltbares Feldbett aus dem Waggon. Unter Mühen und starker Beobachtung der Dorfbevölkerung schleppt er alles zu seinem neuen Arbeitsplatz, einer Dorfkirche. In dieser soll er den Sommer über ein x Mal übermaltes, mittelalterliches Fresko freilegen. Weit weg von London  hofft er in diesem kleinen Idyll, Abstand von seinen Problemen zu bekommen. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und der Krieg hat massive Traumata bei ihm hinterlassen. Während er nun in der Kirche Schicht um Schicht der alten Übermalungen abträgt, strömt die Dorfbevölkerung herbei. Angezogen von ihm, dem Städter und seiner merkwürdigen Arbeit, sprechen sie mit ihm, laden ihn ein, nimmt er an ihren Aktivitäten teil. Ganz allmählich kommt nicht nur das ursprüngliche Wandbild zum Vorschein, sondern lösen sich auch alte Verletzungen. Besonderer Motor ist dabei die schöne junge Pfarrersfrau, in die er sich verliebt . . . Mit viel Diskretion, Einfühlungsvermögen und Eleganz geschrieben hat J.L. Carr mit seiner 1980 veröffentlichten und jetzt erstmals ins Deutsche übertragenen Novelle eine kleine Kostbarkeit geschaffen. (Stefanie Hetze)

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Jakob Hein: Kaltes Wasser

Galiani, 18,99 €.

hein_kaltes_wasser_danteperle_danteconnection Friedrich – Fritz – Bender ist ein Blender. Schon als Kind ist  sein wohl größtes Talent seine Fabulierlust. Er wächst in den 1970ern im Osten Berlins als Kind einer Kaderleiterin und eines Professors für Marxismus-Leninismus heran. Doch ihre schale Linientreue ist so gar nichts für den windigen Jungen. Als Agitator denkt er sich für seine Pionier-Mitschüler lieber spannende Anekdoten aus, um die immer gleiche Berichterstattung der Staatsorgane zu umschiffen, und auch als Teenager weiß er mit geradezu hanebüchenden Liebesabenteuern zu beeindrucken. Mit dem Mauerfall könnte sich für Fritz nun gewissermaßen eine Wende ankündigen, doch er findet auch im neuen System schnell die dünnen Bretter und bohrt, was das Zeug hält. Mit einer neuen Identität mausert Fritz sich gar zum wohlhabenden Adligen. Doch das Zeitalter des Internets naht und damit eine Form von allgegenwärtiger Transparenz und Überprüfbarkeit, die selbst Benders Fantasie an ihre Grenzen bringt. Ein überaus vergnüglicher Schelmenroman über eine Zeit des Umbruchs und der Goldgräberstimmung, die so mancher dreist zu nutzen wusste. (Jana Kühn) Leseprobe

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Emily Lowe: Palermo, oh Palermo! Eine gewagte Reise durch Sizilien

Hrsg. von Susanne Gretter. Aus dem Englischen übersetzt von Klaudia Ruschkowski, Erdmann Edition 2016, € 20,-

Emily-LoweIm November 1857 schifften sich zwei abenteuerlustige Engländerinnen in Livorno ein, um Sizilien zu bereisen und als Höhepunkt den Ätna zu erklimmen. Die junge Emily Lowe und ihre Mutter hatten als unprotected females bereits Norwegens unerschlossenen Norden bereist und darüber anonym ein Buch veröffentlicht. Nun eine andere terra incognita, die schwer zu durchquerende Insel im Süden Italiens. Geschickt nutzen die “due donne sole”, die allerorten größte Aufmerksamkeit erregen, die vielen Angebote und Avancen zu ihrem eigenen Vorteil. Und sollte ihnen jemand zu nahe kommen, schreckt der an Emilys Hüfte baumelnde ausgestopfte Kopf eines Fuchses gehörig ab! Sie machen aber durchweg positive Erfahrungen, lernen in den Postkutschen und in kleinen Dörfern Land und Leute kennen und schaffen es tatsächlich, den Ätna bei Schnee und Eis zu erklimmen. Es macht großen Spaß, bequem (!) mit den unerschrockenen und gebildeten englischen Damen mitzureisen und ihre Erfahrungen mit heutigen Reiseeindrücken zu vergleichen. (Stefanie Hetze)

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Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

Aus dem Englischen von Simon Jakob, Dumont 2016, € 22,99

Owuor-Der-Ort-an-dem-die-Reise-endetDanteConnectionDanteperleDer junge Odidi Oganda wird 2007 während der auf die Wahlen folgenden Unruhen in Nairobi erschossen. Auf der Familienranch im Norden Kenias versammeln sich die Hinterbliebenen: Odidis Schwester Ajany, die seit Jahren in Brasilen lebt, der Vater Nyipir, ein ehemaliger Polizist, und die Mutter Akai-ma. Alle drei versuchen die Trauer auf ihre eigene Art zu verarbeiten und jeder  muss sich schließlich den eigenen Gespenstern der bis in die Kolonialzeit reichenden Vergangenheit stellen, die unter einem Mantel des Schweigens verborgen lagen. Meisterlich, in mannigfaltigen Sprachregistern, die von einem “westlichen” Ton bis zu hypnotisch-gesanglich wirkenden Sprachrhythmen reichen, die an die afrikanische Erzähltradition angelehnt sind, entfaltet Owuor nach und nach die Familiengeschichte, in der keiner frei ist von Schuld und die eng mit der kenianischen Geschichte verwoben ist. Ein Roman, der den Leser in den Bann schlägt und die vielschichtigen Verhältnisse und die verschlungene Geschichte des Landes greifbar werden lässt. Nach diesem großen Erstlingswurf darf man hoffentlich auf mehr von dieser in ihrer Heimat schon preisgekrönten Autorin zu hoffen wagen. (Syme Sigmund)

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Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski, Secession Verlag 2016, € 24,-
(La cospirazione delle colombe, Bompiani 2011, € 19,-)

latronico-verschwoerung-der-tauben-danteperle-danteconnection-italienische-buecher-berlinAlfredo Cannella und Donka Berati lernen sich an der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi kennen. Beide sind ambitioniert und ehrgeizig, wobei Donka der vielversprechendere ist. Aber Donka ist Albaner und studiert mit Stipendium, Alfredo hingegen ist Sohn eines erfolgreichen venezianischen Unternehmers. So driften ihre Leben immer weiter auseinander. Spannend entfaltet sich ein Panorama, in dem die Verquickungen von Wirtschaft und Politik, von Profitgier und Skrupellosigkeit Alfredo alle Spielräume eröffnen, während Donka sich an einer Realität abarbeitet, in der ohne Beziehungen, Betrug und Bestechung kein Erfolg möglich ist. Wie viel ist er bereit zu opfern, um doch noch von einer Taube zum Falken zu werden? Ein rasanter Roman über die italienischen (und weltweiten) Machtverhältnisse hinter den Kulissen, der von Klaudia Ruschkowski glänzend übersetzt wurde. (Syme Sigmund)

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